(Nachdruck verboten.)
Unter dem Schwerte der Themis.
Roman von Reinhold Ort mann.
(Fortsetzung.)
Achtes Kapitel.
Es war ani Tage vor dem vielbesprochenen Kostümfest, das die ganze Einwohnerschaft von Waldenberg zuletzt in eine Art von fieberhafter Aufregung versetzt zu haben schien, als Rudolf Sandory um die zwölfte Vormittagsstunde die ausgetretene Wendeltreppe zur Wohnung der Frau Pollnitz emporstieg. Er fand die würdige Dame allein zu Hause. Ihre Tochter war zur Probe im Theater; sie selbst aber befaud sich in großer Aufregung und gab sich gegen ihre Gewohnheit durchaus keine Mühe, heiter und liebenswürdig zu erscheinen. Auf Sandorys teilnehmende Erkundigung zeigte sie sich vielmehr sogleich bereit, ihm ihr sorgenbeladenes Herz auszuschütten.
„Ach, Sie glauben nicht, verehrter Freund, wie schwer es für eine schutzlose Frau ist, sich- durch das Dasein zu schiagen! Sie würden entrüstet sein, wenn Sie wüßten, eine wie jämmerliche Gage uns dieser Blutsauger von; einem Direktor zahlt. Ich schäme mich geradezu, es Ihnen zu sagen. Und dabei die kostspieligen Toiletten — die teuren Preise in diesem erbärmlichen Nest! Man darf gar nicht daran denken, um Nicht zu verzweifeln."
„Aber wenn es so ist, meine liebe Frau Pollnitz", sagte Sandory, der mit brennender Zigarre eingetreten war, „warum gehen Sie denn dem Vampyr nicht einfach durch?"
Die Schauspielerin lachte bitter und schneidend auf. Es war ein Lachen, das eine gewisse Berühmtheit gehabt hatte zu der Zeit, da sie noch Heroinen spielte.
„Der Rat ist gut! Wenn es nur ebenso leicht wäre, ihn auszuführen, als ihn zu geben. Da — sehen Sie her" — und sie hielt ihm einen mit verschiedenen, Fettflecken ausgestatteten Bries entgegen, auf dem die gedruckte Firma eines Berliner Theateragenten zu lesen war — „soeben macht man mir für mich und meine Elli einen glänzenden Engagementsantrag nach Brünn. Mehr als die doppelte Gage und außerdem ein sehr anständiges
Sonntag den 4. November.
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as Unser Vater ist ein schön Gebet, Es dient und hilft in allen Nöten. Wenn einer auch Vater Unser fleht,
In Gottes Namen laß ihn beten.
Goethe: Gott, Gemüt, Welt.
Spielhonorar für jedes Auftreten. Auf meinen Kuieen würde ich dem Hünmel danken, wenn es uns vergönnt wäre, diesem ehrenvollen Ruse zu folgen."
„Und was hindert Sie daran? Doch nicht Ihr Kontrakt?"
„Ah, mein Kontrakt! Um dergleichen habe ich mich nie gekümmert. Not kennt kein.Gebot. Aber da id), Sie für meinen Freund halte, warum sollte ich es Ihnen verschweigen? Unsere Schulden sind es, die uns hier festhalten. Man würde uns hier nicht abreisen lassen, bevor sie getilgt sind. Und woher sollten wir auch das Reisegeld nehmen? Alle meine Schmucksachen und Ellis beste Kleider sind ohnedies schon längst beim Pfandleiher."
Das war ein Geständnis, das an Offenheit freilich kaum noch; etwas zu wünschen übrig ließ, Sandory aber zeigte sich nicht im mindesten überrascht.
„Vermutlich würden Sie eine ziemlich große Summe brauchen — nicht wahr?"
Frau Pollnitz ging an ein Schubfach und begann unter den Pchüeren zu wühlen, die dort im wirren Durchs einander mit Puderquasten, Handschuhen und hundert anderen Dingen lagen.
„Ich habe es noch gar nicht zusammengezühlt", seufzte sie, „das ist eine so widerwärtige Arbeit. Hier sind ja einige Rechnungen. Aber man brauchte am Ende nicht alles zu bezahlen. Die Leute dürfen nur nicht vorher erfahren, daß man fort will. Die Schmucksachen und die Toiletten freilich müßten notwendig ausgelöst werden. Unter tausend Mark — alles in allem — ließe es sich wohl kaum machen."
„Und Fräulein Elli? Ist sie mit Ihren Plänen einverstanden ?"
„Ach, was denken sie! Sie ist in allen Fragen des praktischen Lebens unschuldig und unerfahren wie ein rechtes Kind. Wollte ich es auf ihre Zustimmung ankommen lassen, so würden wir dies verhaßte Joch niemals abschütteln können. Nein, sie weiß nichts von diesem Antrag, und sie wird vorläufig auch nichts davon erfahren."
„Aber Sie müssen sie bodji notwendig ins Vertrauen ziehen, wenn Sie die Absicht haben, mit ihr zu reisen."
„Gewiß! Wenn es mir gelänge, die fünfzehnhundert Mark aufzutreiben, was freilich- nur durch ein Wunder geschehen könnte, so würde ich ihr irgend etwas von einem kurzen Gastspiel vorlügen, um sie von hier fortzubringen. Habe ich sie nur erst in Brünn, so muß sie sich wohl in das Unabänderliche ergeben."
„Ihre Umsicht ist bewunderungswürdig! — Aber, sagen Sie mir doch^ beste Frau Pollnitz, wie stehen Sie denn eigentliche zu Herrn Sigismund Ruthardt?"
Die Schauspielerin war von dieser Abschweifung auf


