Ausgabe 
4.11.1900
 
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Mni Gedichte liegt übrigens eine wahre Begeben­heit zu Grunde, über die derSchwäbische Merkur" (1828) berichtete:Am 30. Juni 1828 schlug der Blitz in ein von zwei armen Familien bewohntes Haus der württembergi- schen Stadt Tuttlingen und tötete von 10 Bewohnern des­selben vier Personen weiblichen Geschlechts, Großmutter, Mutter, Tochter und Enkelin, die erste 71, die letztere 8 Jahre alt." Den vernichtenden Schreck aber nach einer unerkannten, glücklich überstandenen Gefahr malt der Dichter inDer Reiter und der Bodensee". Auch hier sind die Kontraste überaus wirksam: Auf der einen Seite die Dorfbewohner, die den Reiter, welcher, ohne es zu wissen, über den zugefrorenen Bodensee ritt, beglück­wünschen, auf der anderen der Reiter selbst, dem erst jetzt die ungeheure Gefahr, in der er ahnungslos schwebte, zum Bewußtsein kommt:

Es stocket sein Herz, es sträubt sich sein Haar, Dicht hinter ihm grinst noch die grause Gefahr. Es sieht sein Blick nur den gräßlichen Schlund, Sein Geist versinkt in den schwarzen Grund. Im Ohr ihm donnerts wie krachend Eis, Wie die Well' umrieselt ihn kalter Schweiß. Da seufzt er, da sinkt er vom Roß herab, Ta ward ihm am User ein trocken Grab."

Aehnliche Balladen sindDas Mahl zu Heidelberg", Schloß Lichtenstein",Der Riese von Marbachs" u. a. Das LehrgedichtJohannes Kant"" hingegen hat schon manchen über die ernste Tiefe deskategorischen Imperativs"" auf­geklärt. Auch als Lyriker ist Schwab manches Lied ge­lungen, das von edler Empfindung zeugt und die Musik geradezu heraussordert. Das bekannteste istBurschen­abschied"", an dem sich Bursch und Fuchs nach wohlbestan­denem Examen noch heute ergötzen, ohne in den meisten Fällen eine Ahnung vom Verfasser zu haben. Das ist Dichterlos! Und doch verdiente unser Schwab schon wegen dieses einzigen Liedes wenigstens vom Bruder Studio ge­kannt zu sein, wenn er wehmütig anstimmt:

Bemoster Bursche zieh' ich aus. Behüt' Dich Gott, Philisterhaus! Zur alten Heimat geh' ich ein. Muß selber nun Philister sein! Fahrt wohl, ihr Straßen grad und krumm! Ich zieh nicht mehr in Euch herum, Turchtöu' Euch nickt mehr mit Gesang, Mit Lärm nicht mehr und Sporenklang. Was wollt Ihr Kneipen all von mir? Mein Bleiben ist nichr mehr allhier;

Winkt nicht mit Eurem langen Arm, Macht mir mein durstig Herz nicht warm!"" usw. usw.

AuchNachruf"" ist von echt lyrischer Stimmung: hier erbittet der Dichter von derentschwundenen Liebe"" nur das, was andere an ihr verschmähen:

Dein Seufzen, Deine Last, Dein Sehnen, Was andere nur an Dir verschmähn O gieb mir alles, bis mir Thränen In den erstorb'nen Augen stehn!""

Doch genug der Proben! Das deutsche Volk hat sicher allen Grund, wenn es seines Uhlands, des großen Meisters der Balladen-Dichtung, gedenkt, auch auf dem Grabe dessen, der sich seinenältesten Schüler"" nannte, einen Kranz treuen Gedenkens niederzulegen, und wäre es auch nur, um im Schüler den unsterblichen Meister und die Kunst selbst zu ehren!

GeinsinniUzrges.

Bastseidne Kleider, welche etwas angeschmutzt sind, kann man selbst waschen, so daß sie wieder wie neu ausseheu. Man wäscht sie mit milder weißer Seife in lauwarmem Wasser uud spült sie einige Male. Dem letzten Spülwasser setzt man etwas aufgelösten Zucker und zwei Tafeln weiße aufgelöste Gelatine zu, wodurch die Seide Glanz und Steife erhält. Dann hängt man das Kleid möglichst glatt zum Trocknen so lange auf, bis es nur noch so feucht ist, daß man das Kleid sogleich plätten kann.

Litterari-ches.ö LS

Der Mönch von St. Blaste« Roman von Franz Rosen. Illustriert von M. E. Pinoff. E. Piersons Verlag, Dresden und Leipzig. Preis 4 Mk., geb. 5 Mk. Ein tragisches Kapitel aus den alten Gerichtsrechten der Stadt Freiburg i. B. hat Rosen den Stofs zu seinem fesselnden und künstlerisch hochbedeutendcn Roman geliefert. Der junge Mönch Severus, früher Edler Geiger von Klingenberg, der die Blutschuld seines Bruders auf sich nimmt, um diesen zu retten, sich selbst aber dadurch aus den verhaßt gewordenen Klosterfesseln zu befreien, ist eine der anziehendsten Figuren, welche die neueste deutsche Romanlitteratur aufzuweisen hat. Mit sicherer Meister­schaft hat Rosen das Wirken dieser beiden Motive in der Seele des Jünglings darzustellen gewußt, der bis zum letzten Atemzuge unter dem entehrenden Beile des Henkers sich selbst treu bleibt. Einen ihm eben­bürtigen Charakter sehen wir in Annegrcd Hübner, die den weiten Weg nicht scheut über Berg und Thal und durch den wütenden Schncesturm, um dem unschuldig vergossenen Blut des Geliebten Sühnung zu ver­schaffen und seinen Namen vor der Welt wieder rein zu waschen. Ebenso verdienen die anderen Hauptpersonen des Romans, namentlich der Fürst- abt zu St. Blasien in seiner hoheitsvollen Milde, und Annegreds Bruder Lorenzo um der trefflichen Charakteristik uneingeschränktes Lob. So deutlich, ja geradezu plastisch stehen diese Gestalten vor unseren Augen, daß es ihrer äußeren Wiedergabe durch die prächtigen Zeichnungen M. E. Pinoffs kaum bedurst hätte, um sie im Bilde lebendig werden zu lassen. ______

In dem soeben erschienenen 3. Hest von Velhüge« ll. Kiastugs Monatshefte« scssclt zunächst ein überraschend reich illustrierter Auf­satz:Der Einfluß Chinas und Japans auf die europäische Kunst" unsere Aufmerksamkeit; die hochinteressante Arbeit stammt aus der Feder Dr. A. Brömings vom Berliner Kunstgewerbe-Museum. Wie dieser Aufsatz an die Zeitereignisse anklingt, so in noch höherem Maße ein Artikel:Rußland und China" von vr. Charpentier. Ein weiterer Aussatz schildert sesselnd dasFranzösische Bayreuth", nämlich das seltsame Nationalthcater zu Orange. Von erzählenden Bei­trägen schließt in dem Heft die feinsinnige ErzählungMa" von Andreas Lou-Saloine ab, während der großangelegte RomanPsyche" von Richard Voß weitergeführt wird. Aus dem erstaunlich reichen Inhalt des wiederum sehr elegant und schön ausgestatteten Heftes heben wir ferner noch hervor einen Aussatz:Unter der deutschen Handelsflotte" vonG.Schwarz- Hamburg, eine reizende Plauderei:Theaterpremiere" von Elsbeth Meyer-Förster und die Bücherbesprechungen von Heinrich Hart. Eine illustrierte Rundschau über Kunst und Kunstgewerbe schließt das Heft ab, dessen Gratisanhang, die Romanbibliothek, die Fortsetzung des Romans Thöneine Füße" von H. Harder bringt.

Des Meisters Ende. Roman von Gust. Johs. Krauß. Berlin 1901. Ferd. Tümmlers Verlagsbuchhandlung. Preis geh. Mk. 4,50, geb. Mk. 5,60.

Semper veritas, des Verlegers Wahlspruch:Die Wahrheit über alles!", sucht im vorliegenden Falle auch der Urheber sich zu eigen zu machen. Der Roman ist ein nicht unbedeutendes Werk moderner Klein­malerei; er bietet ein Stück Leben, darin die verschiedensten Anschauungen und Lehren vertreten sind, unter denen der Materialismus neben dem Spiritismus besonders zur Geltung kommt. Natur, Kunst und Wissen­schaft werden in ihren Vertretern geschildert, um zu dem Schlüsse zu gelaugen,daß alle Wissenschast am letzten Ende nichts vermag wider die Natur". Daneben möchte der Roman lehren, daß Leben Kunst, und wahre Kunst Leben ist. Daß der Liebe Allgewalt als roter Faden sich durch die Erzählung hinzieht, verleiht ihr natürlich erhöhte Reize, die auch das Erörtern der Vererbungslehre nicht zu schmälern vermag.

Des in den Tod gehenden Meisters Bekenntnis:

Ich bin demütig geworden und achte das natürliche Werden!"

verfehlt auf nachdenkende Menschen eines tiefen Eindrucks nicht. Der Verfasser hat das Beste geben wollen; daß cs ihm nicht überall gelungen, ist keine Schande. Seine Beschlagenheit und unverkennbare Fähigkeit verheißen zunehmende Reife seiner Werke. Bdt.

Anagramm.

Nachdruck verboten.

Made, Silen, Reich, Gans, Enten, Streich, Serie, Tonne, Robe, Leiden, Rain, Amme, Stab, Nelke, Sage, Lende, Mahl, Emir, Bitte, Siam, Sache, Äsen, Angel, Seil, Schoa, Mehl, Murat, Saum, Genua, Leben, Reifen, Dirne, Lese, Haut, Jota, Amsel, Kain, Strich, Bohle, Rille, Sahne, Eros, Stern, Amur, Nepos, Geier, Leda, Reich, Rahm, Sicht.

Von jedem der vorstehenden Wörter ist durch Umstellung der Buch­staben ein anderes Hauptwort zu bilden. Die Anfangsbuchstaben der neuen Wörter müssen im Zusammenhang einen vielzitierten Goethe'schen Vers ergeben.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Auszählrätsels in voriger Nummer: (Es wird mit 5 ausgezählt.) Reichsarmee.

Reaktion: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfltätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.