Schießstände, das Gedudel der Leiern, das Blöken der kleinn roten Ballon-„PiPen" und das Quäken der krabbelnden Weltbürger, die aus den Kinderwagen strebten.
Fortsetzung folgt.
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Und die Sorge — umsonst.
Von E. Friedel.
Nachdruck verboten.
Laß nur die Sorge, das giebt sich alles schon.
Goethe.
Ja, da haben wir uns lange gebangt und gesorgt; die Frage: „Wie soll es werden? Was sangen wir an?" raubte uns den Schlaf der Nächte und machte uns am Tage ungeschickt zu tüchtigen Leistungen. Und dann, mit einemmale, kommt eine Lösung, eine Lösung, an die wir mit unserem beschränkten Menschenverstände nimmer gedacht hätten. Die Sorge, die bange Sorge, sie war, — umsonst. Wir haben erfahren die Wahrheit des alten Wortes: „Der Mensch denkt, Gott lenkt."
Die Sorge — umsonst! Oh, wie mir aufatmen bei dieser Erfahrung, wie lvir nicht mehr begreifen können unser ängstliches Grübeln und Bangen vorher.
Die Sache lag doch so nahe, die Lösung vollzog sich so einfach; daß wir auch daran nicht gedacht hatten!
Wie viel Qual hätten wir uns ersparen können, wir kurzsichtigen Menschen! Und doch, wenigstens ein Gutes ist dabei. Wir haben gelernt, nicht zu viel und nicht zu ängstlich zu sorgen. Wir haben gespürt das Walten eines allmächtigen Wesens, eines Wesens, das gütig und gnädig ohne Unterlaß die Welt regiert, in welche die Menschen mit kleinlichem Sinn so viel Haß und Bitterkeit hineintragen. Aamit soll natürlich nicht gesagt sein, daß wir müßig die Hände in den Schoß legen können und alles an uns herankommen lassen sollen. Nein, nimmermehr! Thun wir in schwierigen Lagen alles, was in unseren Kräften steht.
Sorgen wir, aber sorgen wir nicht zu viel, denn wer weiß, ob nicht gar alle Sorge umsonst war.
Wintertage am Nil.
Von Paul Pasig.
Nachdruck verboten.
Meinem Freunde, der Rekonvaleszent war, hatten die Aerzte zur Vermeidung des mitteleuropäischen Winters einen Aufenthalt im „sonnigen Süden" empfohlen. Natürlich wurde vor allem an die fashionable Riviera und Italien überhaupt gedacht. Ich erlaubte mir jedoch abweichender Meinung zu sein. „Wenn Du", so folgerte ich, „in der That unserem Winter, d. h. Eis, Schnee und Kälte den Rücken kehren willst, so ist Dir das in den erwähnten Gegenden nicht immer möglich, seitdem namentlich die Erfahrung der letzten Jahre gelehrt hat, daß die Palmen- und Orangenhaine von San Remo, Mentone und Nizza auch zuweilen unter der unwillkommenen Last des Schnees erseufzen, seit in Rom und Neapel Menschen auf offener Straße erfroren und ich selbst mich in dem noch südlicher gelegenen Hafenort Brindisi bei wehender Bora in dem notdürftig durch Kamin erheizten Zimmer nicht zu erwärmen vermochte. Auf daher nach dem fast ebenso schnell und bequem zu erreichenden gelobten Pharaonenlande, auf nach Egypten, das all' Dein Sehnen stillen wird!" Und siehe dch meine Lobrede auf das sonnige Nilland machte Eindruck, und ehe ich michs versah, war der Freund über alle Berge und das Mittelmeer, und nun schwelgt er in seinen häufigen Briesen schadenfroh in dem wonnigen Bewußtsein, dem bösen Winter entflohen zu sein und eine Art „ewigen Frühlings" zu genießen. Wintertage am Nil! ,§n der That möchte man euch einem lachenden Frühlinge vergleichen, wenn der Vergleich mit milden Herbsttagen mir nicht zutreffender erschiene!
Der sogenannte egyptische „Winter", den wir getrost mit der Sonnenwende am 25. Dezember beginnen lassen wollen, kündet sich durch die um diese Zeit mit ungewohnter Starke auftretenden Morgennebel an, die zuweilen so dicht sind, daß selbst kaum die Strahlen der Mittagssonne sie zu verscheuchen vermögen. Die Ursache derselben
ist darin zu suchen, daß der Boden ringsherum mit Feuchtigkeit gesättigt ist, da der Nil nach der Ueberflutung des Landes erst seit etwa Ende Oktober wieder in sein Bett zurückkehrte. Natürlich ist infolgedessen auch der Feuchtigkeitsgehalt der während des übrigen Teils des Jahres ungemein trockenen Luft ein außergewöhnlich hoher (60 bis 80 pCt.). Auch eine merkliche Temperaturabnahme macht sich während dieses „Winters" geltend, jedoch mit dem Unterschiede, daß die Minima Ende Januar bezw. Anfang Februar fallen. Im allgemeinen ergeben genaue Messungen, daß die mittlere Luftwärme in den Monaten Januar bis März für Alexandrien lüGrad Celsius, für Kairo 14,5 Grad C. beträgt die M a x i m a während dieser Zeit für Alexandrien 32,8 Grad, für Kairo 37,6 Grad, die Minima 7,8 Grad bezw. 2 Grad Celsius. Für Alexandrien liegt also die Sache so, daß infolge der Nähe des Meeres die Temperaturschwank- ungen nicht so auffällig sind, wie in Kairo, das infolge seiner Binnenlage ein mehr kontinentales Klima hat, und daher höhere Wärme- und Kältegrade aufweist. Frost und Schnee sind in Mittel- und Unteregypten gänzlich unbekannt. Am Rande der Wüste bei Sakkara (Memphis) habe ich indessen, während wir in Kairo des Morgens 5 Grad Celsius beobachtet hatten, erfrorene Gurkenblätter bemerkt, ein Beweis, daß das Thermometer hier während der Nacht mindestens auf den Gefrierpunkt gesunken sein mußte, und die Rohlfssche Expedition erlebte am 16. Februar 1874 in der lydischen Wüste selbst —5 Grad Celsius. Ueberhaupt ist der Februar, zumal in seiner ersten Hälfte, der unangenehmste Monat int Nillande und etwa unserem sprichs- wörtlichen April vergleichbar; denn um diese Zeit vollzieht sich hier der heiße Wettstreit zwischen dem an sich am Nil ohnmächtigen sogenannten „Winter" und dem mit Jugendfeuer heranstürmenden jungen Lenze. Denn, wohl- gemerkt, die unangenehmste Zugabe des egyptischen „Winters", der zeitweilig, wenn auch nur ganz vorübergehend und tropfenweise fallende Regen — Mittel- und Unter» egYPten gehören bekanntlich zur regenfreien Zone — stellt sich von Mitte Januar bis Mitte Februar am regelmäßigsten ein, wenn auch der Dezember und der März noch ein paar Regentage, besser Regenstunden, aufzuweisen hat. Allein alles in allem giebt es während der drei bezw. vier Monate, in welcher Zeit es überhaupt dort nur zu regnen pflegt, höchstens zehn bis zwölf sogenannte Regentage, und als nie dagewesenes Phänomen erlebte ich 1888/89 deren fünfzehn. Aber recht nnangnehm fühlbar sind diese Tage doch! Wenn man nämlich erwägt, daß die Sonne dort etwa neun bis zehn Monate hindurch in strahlendem Glanze vom ungetrübten, blauen Himmel auf die Gefilde herablächelt, die trotz allem infolge des Wunderbarn Stromes von beispielloser Fruchtbarkeit sind und eine teilweise troptsche Vegetation tragen, so vermögen trübe Tage, wie fte sich während der erwähnten Periode einstellen, bei erniedrigter Temperatur, etwa 10 bis 12 Grad Celsius als Tagesmittel, recht niederschlagend auf das Gemüt einzuwirken, ja zuweilen sogar die Sehnsucht nach einem behaglich durchheizten Zimmer wachzurufen. Und der wenn auch nur eine Stunde lang gefallene Regen verwandelt doch Straßen und Plätze int Nu in einen ungangbaren, abscheulichen Morast, sodaß man es vorzieht, vom geschützten, wenn auch nicht durchwärmten Zimmer aus die sturm- gepeitschten, ächzenden Palmen und die gesvenstergleich aus den Straßen dahinhuschenden Eingeborenen zu betrachten. Letztere gewähren in der That um jene Zeil einen höchst possierlichen Anblick. Nur mit linnenem Unterbeinkleid, Hemd und ebensolchem Kaftan bekleidet, suchen sie sich gegen den Einfluß der ungewohnten Kälte und des Regens durch einen dunklen Tuchrock europäischen Schnittes zu- chützen, und während die nackten Füße unbarmherzig im Kotmeere einhertappen, ist das liebe Haupt, ohnehin bedeckt. mit.dem „Tarbusch" (Fez), der „Krone des Islam", gang unförmlich mit dicken wollenen Tüchern umwundn. Der Grundsatz unserer Hygieniker: „Füße warm, Kopf kalt!" wird eben int Orient in sein gerades Gegenteil verkehrt. Ein Glück ist es, daß diese unangenehmste Periode des egyptischen „Winters" von nur kurzer Dauer, etwa vier Wochen, ist, und diejenigen, die lediglich ihrer Gesundheit wegen im Nillande sich aufhalten, thun gut, für diese Zeit im benachbarten Helwan in der arabischen Wüste, jenem.


