Ausgabe 
4.3.1900
 
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Blätter senken. Dunkler, schwerer Rauch schnitt im Nord­westen, in der Gegend, wo die Fabriken Moabits ihre Schlote strecken, den blauen Himmel wie eine Mauer ab. Und zwischen den ungezählten Dächern, die sich in tausend Abstufungen häuften und senkten, spannten sich Netze wie aus Silberdraht, ein Gewirr in der Sonne blitzender Telephondrähte als habe eine Riesenspinne über die Stadt hinweg ein ganzes Gewebe von blanken Fäden ge­zogen.

Paul stand lange und blickte hinaus in das verwirrende Bild. Hinter dieser ungeheuren Stadt lag die ihm noch unbekannte Welt, Länder, Meere, Gebirge. Er hatte noch nichts von ihr gesehen, und er dachte daran, wie Menschen zu Mute sein müsse, die mit gesunden, kräftigen Beinen, ein Ränzel auf dem Rücken, aus den Thoren hinauswan­derten, in die lockende Fremde. Ihn durste sie nicht locken, ihm nicht winken! Er würde niemals wandern können, und die Mutter und die Großmutter ihn nie aus ihren Händen lassen! j

Aber Nettchen, der freie Wandervogel, warum sollte sie nicht fliegen?

Und wieder kam, wie schon so oft, diese klare Stim­mung über thn, dieses Verstehen eines zweiten Lebens, das stärker, gesünder war und freier als das seine. Er suchte in seinem Herzen nach einer einzigen Empfindung des Grolles gegen die abtrünnige, über alles Geliebte, aber nur doppelte Zärtlichkeit erfüllte ihn, und Bewunde­rung für ihren Mut und Thatendurst.

Er schrak zusammen, als die Thür geöffnet wurde.

Die Großmutter trat ein.

Paul," sagte sie,hier hab' ich sie Dir mitgebracht". Sie stieß die Thür zurück und schob Nettchen herein. Paul saß wie erstarrt auf dem Kindertisch. Die Puppe war seinen Händen entfallen.

Sei man nich' böse, Paul," horte er eine Stimme wie aus weiter Ferne.Die Großmutter hat so sehr ge­quält. Da wollte ich kommen. Euch um Verzeihung bitten. Aber fort muß ich wieder morgen früh. Die Ballonfahrt muß ich machen."

.Nettchen!" flüsterte Paul. Er war vor ihr in die Knie gesunken. Sein Kopf barg sich in ihrem Kleid, ein heißes. Schluchzen erschütterte ihn.

Leise schlich die alte Frau hinaus.

Lange lagen Nettchens Hände auf dem an ihre Knie gepreßten Haupt.

Was mochte sie denken, als sie so stand, vom ersten Ausbruch wahrhafter Liebe erschüttert?

Ihr Blick war hinausgerichtet in die beginnende Wend­dämmerung. Sie konnte nichts fühlen, nichts überlegen. Nnr das eine Bewußtsein hatte sie, daß sie auch in diesem Moment an die Ballonfahrt denken mußte. Warum liebten diese Menschen sie, ketteten sich an sie fest? Sie hatte nichts dazu gethan, sie an sich zu binden, sie fühlte diese Umarmung ihres Pflegebruders wie eine Fessel, die sich um ihre Füße spann.

Steh auf, Paul," flüsterte sie.Es wird ja alles wieder besser. Das ist ja nicht so schlimm."

Er Hob den Kopf und sah sie an. Ihm war, als hätte erne leere Glocke geredet. Dann erhob er sich.Verzeih mir," sagte er.

Sie blickte nur scheu zu ihm hin.Was Ihr alle gleich für ein Wesen macht", sagte sie mit leisem Trotz. Ich bin doch ausgezogen in die Welt, um mein Brot zu verdienen. Da muß man's eben mitnehmen wie's kommt. Die eine strickt und häkelt Lappen, die andere tanzt auf dem Seil. Wenn man nur ehrlich und brav dabei bleibt."

Nettchen", sagte Paul, indem er dicht an sie heran­trat und ihre Hände ergriff.Sag das noch einmal, ehrlich und brav! Sieh ich will auch nie mehr von alledem sprechen, was Du aus mir gemacht hast. Nie sollst Du mehr ein Wort, eine Klage hören. Aber das eine, Nettchen, kannst Du mir gewähren, Deinem Bruder, Nettchen: Ehrlich und brav! Dieses Einzige, ja?"

Sie sah ihn mit ihren großen, klugen Augen trotzig an.

Ich weiß doch gar nicht, was Ihr alle von mir wollt", rief sie aus.Das ist doch blos natürlich, daß man brav bleibt und keine Dummheiten macht, und wenn

eine zehnmal Ballon fährt, und meinetwegen rittlings auf 'm Seil tanzt, deswegen braucht sie doch nicht anders zu sein, als Ihr alle seid!"

Das wollte ich hören, Nettchen!" flüsterte Paul. Und während er noch einmal ihre Hände preßte, fügte er erregt hinzüstDann ist es ja klar zwischen uns. Dann magst Du Türkin werden und was Du willst. Dann ist ja alles gut."

Am kommenden Morgen erwachte er spät. Ruhig, wie in einem Glückszustand, hatte er geschlafen. Der Gedanke, daß Nettchen mit ihm wie einst unter demselben Dache weilte, hatte ihn mit süßem Frieden erfüllt.

Die Mutter stand vor seinem Bett und blickte ihn liebevoll am.Sie ist schon fort," sagte sie leise.Sie wollte sich das Abschiednehmen ersparen. Ganz stillschwei­gend ist sie ausgerückt." Sie legte einen Zettel auf die Bettdecke nieder. Paul griff darnach, kehrte sich rasch zum Licht.Lieber Pflegebruder", las er,ich sende Dir noch einen schönen Gruß. Hoffentlich seht Ihr mich alle Drei bei meinem Luftaufstieg. Dein Türkenmädchen."

Er schob den Zettel auf seine Brust.

Wollen wir wirklich hin?" fragte die Mutter zaghaft. Er nickte nur.

In derNeuen Welt" wurden! inzwischen für den bevor­stehenden Menschenandrang Vorkehrungen getroffen.

Der große Garten sah feierlich aus. Ueberall eilten Kellner mit Wischtüchern hin und her und polierten ge­schäftig die von Bierflecken starrenden Tische; die Pro­viantpapiere und Speisenreste, die sich! unter den Stühlen herumtrieben, wurden von geschwätzig plaudernden Wei­bern in Körbe gesammelt.

Die Musik-Tribüne war mit kleinen Fahnen und Tannengrün geschsmückt; in den Schenk- und Würfelbuden begann es sich zu regen, die Kulissen fielen, und man sah die Batterien Flaschen und Gläfer, den terrassenför­migen Aufbau all der überraschenden Herrlichkeiten, die für einen Groschen Einsatz zu gewinnen waren.

In die Schießbude war eine Vertreterin eingerückt. Die Besitzerin, die es Nettchen nicht verzeihen konnte, daß dieselbe zu einem anderenMetier" übergegangen war, eilte inzwischen aufgeregt zwischen den Erquickungsstatio­nen des Gartens auf und ab und tauschte mit ihren Be­kannten Bemerkungen über den bevorstehenden Nachmittag. In ihrem Herzen wühlte ein unklarer Wunsch nach einem Zwischenfall, der von oben, aus den verhüllten Schleusen des Himmels hervor das Ereignis unterbrechen möchte:

Hinwiederum das Kuchenweib, das entsetzliche Stangen Lakritzen mit scherzhaften Etiketten versah, und die Salz­bretzeln zu Dutzenden und halben Dutzenden zusammen­band, war dem Aufstieg wohlgeneigt, und erfreute jeden Vorübergehenden durch den Hinweis auf den wolkenlosen Himmel; enthusiastisch gestimmt aber schien vor allen an­deren der junge Mann, welcher seinerzeit unter Nettchens Oberaufsicht in der Schießbude Helfersdienste verrichtet hatte; er verkaufte die Festprogramme, auf deren Titelblatt dasselbe Reklamebild zu sehen war, das an den Litfaß- säulen prangte, und während er, an den Eingang des Gartens postiert, mit weithin schallender Stimme ausrief: Nettka, die Aeronautin !" setzte er aus eigener Initiative begeistert hinzu:Das schönste Mädchen der Welt. Erst weunzehn Jahre alt. Jeder überzeuge sich selbst."

-- Schön um drei Uhr war der Garten dichL gefüllt. Eine ganze Völkerwanderung schien sich in die sonnigen Wege ergossen zu haben. Unter den glühenden Strahlen, die vom Himmel prallten, zog sich der Menschen­knäuel immer enger zusammen, dichter auf die schattigen Plätze, die unter den laubreichen Bäumen lockten. Ganze Warenlager an Proviant breiteten sich auf den Tischen aus. Eine allgemeine, vertrauliche Gemütlichkeit, als sei eine einzige, riesengroße Familie bei einander versammelt, griff um sich. Schweißtriefend eilten die Kellner hin und her, um den gemahlenen Kaffee, den die Hausfrauen in wohlverwahrten Tüten mitgebracht hatten, in der Küche den Händen der Wirtin zu übergeben. Daneben begann das erste, schmetternde Geträtsch des Orchesters, und zwischen das Bumm der Pauke und das hell blasende Trä- Trä des Pistons krachte das donnernde Getös der in blitz­schneller Fahrt befindlichen Rutschbahn, das Bollern der