Ausgabe 
4.3.1900
 
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Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth. Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Es war Spätnachmittag und in dem stillen Wohn­zimmer lag der letzte Strahl der scheidenden Sonne.'

Starr nicht so auf die Straße hinaus, Paul," bat die Mutter, die still am Tisch gesessen nnb zu ihrem Sohne hinübergeblickt hatte.Seit einer Stunde stehst Du nun schon so. Komm doch her, mein Junge. Sprich Dich doch aus." , r

Wo die Großmutter bleibt!" sagte Paul, als habe er die freundliche Aufforderung gar nicht vernommen. Seine Stimme war tonlos.Sie müßte doch zurück sein."

Es ist ein weiter Weg nach der Hasenheide, mein Kind. Und Nettchen wird sie nicht gleich wieder fort- gelassen haben die alte Frau."

Frau Brinkmanns Stimme zitterte.

Wenn ichs mir nur erklären könnte!" fügte sre nach einer kleinen Weile hinzu.Wie ist sie auf solche Aben­teuer gekommen. Bei uns hat sie nur gutes gesehen und gehört."

Es liegt ihr vielleicht im Blut", sagte Paul, noch immer mit der unbewegten Stimme, mehr vor sich hin. Sie kam wie ein fremder Vogel zu uns. Sie hat Flügel gehabt von Anfang an. Ich! hatte immer nur einen knrzeu Fuß."

Bi

M Einkehr.

un wieder an den Wänden

Weilst, liebe Dämmrung, du Und deckst mit leisen Händen Vor mir die Bücher zu. Nur große Töne wallen Vom Leben noch herein, Wie durch die Kirchenhallen Die alten Melodein.

Und von den Jugendzeiten Singt es dazu im Dom. Dann grüßen sie und gleiten Vorbei im reinen Strom. Die Kinderträume hauchen Im Nebel rings herauf, Und liebe Tote tauchen Mit stillen Augen auf. Ferd. Avenarius.

Paul!" rief die Mutter aus.Paul", setzte sie leise, weich hinzu,sprich nicht von Flügeln! D u hast die Flü­gel, armes Kind, nicht sie, und sie wird stolpern und fallen und die Arme nach Dir ausstrecken"

Nie!" flüsterte er, indem er vom Fenster trat.So kommt es nie!"

Er ging aus dem Zimmer, und langsam, aufstelzeuv mit seinem kurzen Fuß, stieg er die Treppe zum Giebel hinan. Dort lag die Kammer, in welcher er seine Bücher, seine Raritäten und altes Kinderspielzeug untergebracht hatte. Hierher zog er sich oft zurück, um unter den kleines Besitztümern zu kramen.

Das Bodensenster stand offen, und als er in die Kam­mer eintrat, wehte ihm eine frische, sanfte Luft entgegen, wie sie nur Hoch über den Dächern schwebt. An diesem Fenster hatte er einst gestanden und Nettcheus Namen' geschrieen, als sie hinausging aus dem Hause in die un­bekannte Welt.

In dieser Kammer standen die Kindersachen, der kleine Tisch und der winzige Stuhl, der Puppenwagen, hinter dessen Gardine ein zerzaustes Säugekind der Unendlichkeit! entgegenschlummerte. Paul hob den kleinen Vorhang und nahm das Kind heraus. Es war in gänzlich unbekleidetem Zustande, uhd 'auf dem zerkratzten! Rücken aus Papiermachee hatte Nettchen mit einer Haarnadel die Worte eingraviert: Meine und Paul's Tochter. Im Alter von zwei Jahren".

Und mit der Puppe int Arm durchstöberte er nun das ganze, kleine Reich. Er hob die Kochtöpfchen empor, in denen noch' ein steinhart vertrockneter Rest von Brot und Chokolade nistete. Er ergriff die Schiefertafel, auf der krumme, widerwillige Einsen standen, und betrachtete bren- nenben Auges die Hieroglyphen, dann setzte er sich vor den Kindertisch und studierte die Inschrift:

Was ich mir wünsche: Zwei Sack voll Gold. Den Kronprinz als Manu. Ein klein Hund, der Ami heißt.

Ein Lächeln huschte über Pauls Gesicht. Aber es schnitt nur zwei Furchen um den Mund. So war sie schon damals gewesen weit fort mit der Phantasie von ihrem beschei-, denen Kreis bunte, verworrene Träume, Wünsche nach Besitz und kindische Gedanken hatten in ihrem Kopfe herum- gewirbelt aber bei allem, was sie dachte und träumte, war nie ein Gedanke an ihn, eine Zukunftsillusion, die sich mit ihm beschäftigt hätte, mit untergeflossen.

Durch das kleine Bogenfenster sah Paul über unzähligs Dächer der Stadt hinweg. Er erblickte, wie einen gegen den Himmel gekehrten Riesenleib, _ den Viadukt des! Lehrter Bahnhofes, mit seiner kolossalen Masse; die Vik­toria der Siegessäule schwebte wie ein goldener Engel über den Baumwipfeln des Tiergartens, mit ausgebreiteten Flü­geln, als wolle sie sich hernieder in das grüne Meer der