Ausgabe 
4.2.1900
 
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Der Vorkämpfer Lessings.

Ein Erinnerungsblatt zu Johann Christoph Gottscheds 200. Geburtstag (2. Februar).

Von Dr. Ernst Wilms.

Nachdruck verboten.

Die menschliche Kultur schreitet im ewigen Kampfe vorwärts. Der Fortschritt findet nirgends widerspruchs­los Aufnahme, seine Träger müssen für ihn kämpfen mit dem Bestehenden, dem herrschenden Zeitgeist, den Stützen des Alten. Und seltsam der heute selber noch ein Streiter ist für eine Entwickelungsidee, lvird meist zum Hindernis der Weiterentwickelung, er verteidigt seinen eigenen Bau gegen jene, die ihn weiterfübren wollen, mit derselben Erbitterung, mit der er vorher die Repräsentan­ten der von ihm gestürzten Richtung die letztere gegen ihn in Schutz genommen haben. Und die Neuerer, entrüstet über den Widerstand, undankbar gegen das Gute, das der Mann geschaffen, gehen über ihn zur Tagesordnung über erst die Geschichte, welche die Dinge in ihrem Zusammen­hänge überschaut, läßt ihm die verdiente Würdigung wider­fahren, und weist mit dem gerechten Griffel darauf hin, daß alle Errungenschaften nur ein langsam Gewordenes darstellen, und daß ohne die Vorarbeit manches Längstver­gessenen auch dies oder jenes in der Folge vielbewunderte Werk nicht möglich gewesen wäre.

Ein solcher lange verkannter, vielgeschmähter und doch so verdienstvoller Kämpfer ist auch Johann Christoph Gott­sched, dessen 200 jähriger Geburtstag uns heute Veran­lassung giebt, dem Leser in kurzen Zügen ein Bild seines Ledens und Wirkens vor Augen zu führen. Aeußerlich be­trachtet, verfloß sein Leben ziemlich einfach, ja es war sogar ein glückliches und ehrenreiches. In Juditten (Judith eu- kirchen) bei Königsberg erblickte Gottsched am 2. Februar 1700 das Licht der Welt als Sohn eines Predigers, als welcher er eine sorgfältige Vorbildung und Erziehung empfing. Der intelligente Knabe machte so bedeutende Fortschritte, daß er bereits im Alter von 14 Jahre die Universität zu Königsberg beziehen konnte. Natürlich sollte er Theologie studieren. Ansangs that er das denn auch mit großem Fleiße, bald aber lenkte sich sein ausschließ­liches Interesse auf die schönen Wissenschaften, auf Sprach­kunde und Philosophie. Nun versuchte er sich auch selbst mit Erfolg als Dichter, er gab philosophische Abhand­lungen heraus und erwarb im 23. Lebensjahre die Ma­gisterwürde.

Der hochgewachsene, kräftige junge Magister hielt es aber für angemessen, seinen Aufenthalt zu verändern. Der damalige Preußenkönig besaß eine ganz besondere Vor­

Pon allen Seiten waren teilnehmende Blicke auf die Gruppe gerichtet.

Sie können Ihre Vorgesetzten davon unterrichten, wie dre Sache steht, sagte der Richter zu dem Buchhalter des Geschäfts. Dieser hatte den Vorgang mit unverhohle­nem Erstaunen beobachtet und eilte jetzt davon, um Bericht abzustatten, während der Geschäftsführer ihn mit dem Aus­sehen eines bestraften Hundes folgte unter dem Zischen der Zuschauer.

Frau Howell wollte nicht nach Hause gehen, ohne daß sie Robert begleitete, um ihren Dank auszusprechen. Aber Mildreds Herz war zu voll für Worte. Sie machte sich brttere Vorwürfe über ihre früheren Vorurteile und war zu jedem Opfer bereit. Doch nicht in Gegenwart der Zu­schauer konnte sie die Dankbarkeit ausdrücken, die sie em­pfand. Mit gesenkten Augen folgte sie ihrer Mutter, welcher Robert den Arm gereicht hatte, aus dem Gerichtssaäl. Ein Wagen stand vor der Thüre, in welchen er Frau Howell hob. Dann ergriff er Mildreds Hand und sagte:

Ich danke für Ihre Hilfe, Fräulein Howell! Ich war überzeugt, daß Sie das tapferste Mädchen der Welt sind, und Sie haben dies bewiesen. Dies ist der glücklichste Augenblick meines Lebens. Ich habe nur eine Bitte, ruhen Sie sich aus und grämen Sie sich um nichts! Leben Sie wohl! Ich muß an meine Geschäfte!

Und ehe jemand noch ein Wort hinzufügen konnte, be­stieg er einen Wagen der Pferdeeisenbahn und verschwand.

Fortsetzung folgt.

liebe für große Soldaten und fragte, wenn er eines geeig­neten jungen Mannes habhaft werden konnte, nicht dar­nach, ob die geistige Bildung desselben ihn nicht hoch über die soziale Stellung eines Soldaten jener Zeit emporhebe. Der junge Gottsched stach den Werbern des Königs schon lange in die Augen; nicht geneigt, statt der Feder den Säbel zu führen, entwich der Magister nach Leipzig, wo er im Hause des berühmten Polyhistors I. Burckhardt Mencke in der Stellung eines Lehrers des ältesten Sohnes Aufnahme fand. Im folgenden Jahre (1725) habilitierte er sich mit einer den Geist der Wolff'schen Philosophie atmenden Abhandlung, worauf er seine Vorlesungen über Philosophie und Dichtkunst eröffnete, die bald die Augen weiter Kreise auf ihn lenkten.

Denn Gottsched trat von Anfang an als Reformator auf, und fand auch in Leipzig für seine Ideen den gün­stigsten Boden. In erster Linie wandte er sich gegen den damals in der deutschen Litteratur herrschenden Schwulst, wie er besonders in den Dichtungen Hohensteins hervor­tritt, den seine Zeitgenossen vergötterten. Was Daniel Kaspar von Hohenstein (geboren 1635, gestorben 1683) unter Poesie verstand, davon nnr eine Probe aus einem seiner weiland so viel bewunderten Dramen:

Weh, weh mir, Asia, ach weh,

Weh, wo ich mich vermaledeien, Wo ich bei so viel Schwermutssee, Bei so viel Ach, selbst mein bethränt Gesicht verspeien, Wo ich mich selbst mit Heulen- und Zeterrufen Durch strengen Urteilsspruch verdammen kann O nimm dies lechzend Ach! Bestürzter Wgrund, an; Bestürzter Abgrund, ach, die Glieder triefen Voll Angstschweiß Ach des achs, der laue Brunn Der dürren Adern schwellt den Gäscht (Gischt) der sPurpurflut, Meine Blutschauer schreibt mein Elend in den Sand!"

Es ist Gottscheds Verdienst, die Poesie von den Nach­wirkungen eines so verdorbenen Geschmackes befreit zu haben. Der neue Dozent wies auf edlere Vorbilder hin, auf die Alten, sowie die Franzosen, die er als die.Nach­folger der Alten betrachtete. Im Jahre 1762 erwählte ihn die in Leipzig bestehende Gesellschaft zu ihrem Senior Gottsched bildete aus ihr bereits ein Jahr später die Leipziger deutsche Gesellschaft", welche nicht mehr blos die Poesie, sondern auch die Beredsamkeit pflegte, und sich mit dem energischen und immer Einfluß gewinnenden Gottsched an der Spitze, um die Ausbildung und Reinhal­tung der deutschen Sprache, deren Gebrauch auch für die wissenschaftliche Schriftstellerei von Gottsched warm be­fürwortet wurde, große Verdienste erwarb.

Die eifrigste und wertvollste Thätigkeit widmete unser Schriftsteller aber der Hebung des deutschen Theaters. Die deutsche Schaubühne fristete damals ein erbärmliches Da­sein, alle besseren Kreise hatten sich von ihr abgewandt, Italienische Sänger und französische Schauspieler galten ihnen allein als Vertreter der wahren Kunst. Das deutsche Theater frequentierte das Spektakelstück, ine. sogenannte Haupt- und Staatsaktion, und der Hanswurst schrie von der Bühne herab seine traurigen Späße. Die Schauspieler selbst genossen nicht die geringste Achtung; sie rekrutier­ten sich aus katilinarischen Existenzen, und waren berüch­tigt wegen ihres Lebenswandels, sodaß im Grunde nie­mand etwas mit ihnen zu thun haben wollte. Es gehörte Mut dazu, sich mit diesem Theater einzulassen, aber Gort-, . sched besaß diesen Mut. In Verbindung mit Friederike Karoline Neuber, der Prinzipalin der ehemals Haakischen Komödiantengesellschaft, einer nicht nur hervorragend ta­lentierten, sondern auch hochgebildeten Frau, unternahm; er es, den Augiasstall des deutschen Theaters zu säubern, indem er die Haupt- und Staatsaktionen und den Hans­wurst von der Bühne verbannte, und an die Stelle der jammervollen und rohen Machwerke, die zu jener Zeit darauf heimisch waren, Lust- und Schauspiele besserer Art einbürgerte.

In der Hauptsache waren es Bearbeitungen und Ueber- setzungen französischer Tragödien nnd Komödien, die Gott­sched herausgriff, weil er die Franzosen für die besten Nachfolger der Alten hielt und vielleicht auch glaubte, daN gebildete deutsche Publikum dem Theater am ersten mit­zugewinnen, wenn er ihm dieselbe Kost nur in deutscher