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aufbieten, was man nur wünschen kann. Aber beim Anblick des Ozeans befällt mich immer ein schwermütiges Gefühl. Das Weltmeer erschien mir immer kalt und erbarmungslos. Einst habe ich gesehen, wie ein Schiff vor unseren Augen vom Sturm zerschlagen wurde. Es war nahe der Küste, wo wir den Sommer zubrachten. Ich höre noch immer das Geschrei der Ertrinkenden, und ein Schauder befällt mich, wenn ich daran denke.
Und doch habe ich Sie nie für eine empfindsame Salondame gehalten, Miß Mildred.
Das freut mich. Ich mache darauf auch keinen Anspruch. Die Salonmrnschen erscheinen mir so ruhelos, wie der Ozean. Sie find immer im Begriff, zu gehen oder etwas zu thun, und doch geschieht nichts. Ich kenne viele Menschen, deren Thun und Treiben so einförmig ist, wie das der Wogen auf dem Weltmeer.
„Was ist denn sonst Ihr Lebensideal?" fragte er.
Sie ließ den Kopf etwas tiefer sinken, um eine verräterische Röte zu verbergen. Ich kann nicht sagen, daß ich mir darüber schon eine bestimmte Ansicht gebildet habe, erwiderte sie zögernd. Die Männer haben die Welt so vollständig in Besitz genommen, daß für uns nicht viel übrig bleibt. Aber ich dachte mir immer, es sei eine sehr schöne Aufgabe für manche Frau, ein trautes Heim zu schaffen für diejenigen, die man liebt. Ich sehe, wie meine Mutter dies für uns thut und wie glücklich und zufrieden sie dabei ist- viel mehr als Weltdamen, welche das Vergnügen außer dem Hause suchen. Sie sehen, ich verstehe meine Augen zu benützen, wenn ich auch noch nicht alt genug bin, um weise zu sein.
Seine Blicke zeigten so viel Interesse und selbst Spannung, daß sie ihnen auswich. Plötzlich sprang er auf, drückte ihre Hand und rief: Miß Mildred, Sie sind ein seltenes Mädchen! Gute Nacht!
Was wollte er damit sagen? Hatte sie ihn zu tief in ihr Herz blicken lassen? Doch seine Blicke sprachen so deutlich, daß kein weibliches Wesen sie mißverstehen konnte.
Aber etwas scheint seine Zunge zu binden, seufzte sie. Je mehr sie nachdachte, — und welches junge Mädchen durchlebt nicht hundertmal eine solche Unterhaltung? — um so mehr war sie überzeugt, daß der, den sie vor so vielen bevorzugte, ihr ebensoviel bieten konnte, als sie ihm. Welches Glück wäre es, ihm eine Heimat zu schaffen! war ihr letzter Gedanke an diesem Abend.
II.
Schwachheit.
Arnold Vinton ging in heftiger Erregung nach Hause. Das große Gebäude mit reicher Architektur in der »fünften Avenue," vor dem er anhielt, sprach von solidem Reichtum.
»Du hast wieder den Abend bei Howells verbracht?" waren die ersten Worte seiner Mutter, die ihn empfing.
Er gab keine Antwort.
»Bist Du ein Mann von Ehre?"
Ein tiefes, dunkles Rot erschien auf seinem bleichen Gesicht, aber er schwieg noch immer.
»Es scheint, Du hast meine früheren Andeutungen nicht beachtet, und ich muß mit Dir deutlicher sprechen. Komm' mit mir!"
Mit augenscheinlichem Widerstreben folgte er ihr in ein kleines Zimmer mit reicher, aber altmodischer Einrichtung. Er war wieder sehr bleich geworden, aber seine Miene zeigte mehr Schmerz und Unentschlossenheit, als Trotz und Selbstvertrauen. Der Reichtum, der sich seit Generationen in der Familie angesammelt hatte, schien das Mutterherz stolz und hart gemacht zu haben, doch hielt sie sich keinen Augenblick für grausam oder zu streng, sondern nur für fest und vernünftig in der Erfüllung ihrer Pflicht zu seinem eigenen Besten. Nach einem kurzen, peinlichen Schweigen begann sie: »Bist Du ein Mann von Ehre?" frage ich Dich nochmals.
»Ist es unehrenhaft, erwiderte er hastig, ein gutes Mädchen zu lieben?"
»Nein, erwiderte die Mutter in demselben ruhigen, gemessenen Ton, aber es kann eine große Thorheit sein, und unehrenhaft ist es, einem Mädchen trügerische Hoffnungen zu machen, und es ist schwach und unehrenhaft, um ei« hübsches Mädchen zu schwärmen, wie eine Motte, welche ihre Flügel an einer Kerze verbrennt."
„Warum kann ich sie nicht heiraten?" rief er mit plötzlicher Heftigkeit. Sie ist ebenso gut, als schön. Wenn Du sie kennen würdest, so wärest Du stolz darauf, sie Tochter zu nennen. Sie leben mit einer gewiffen Eleganz. —
Eine abwehrende Bewegung seiner Mutter machte ihm klar, daß jedes weitere Wort überflüssig war.
„Arnold, sagte sie, ein Löffel voll Verstand ist in solchen Sachen besser, als eine Schiffsladung von sentimentalem Unsinn. Du bist alt genug, um vernünftig zu sein und nicht wie ein Kind nach dem Unmöglichen zu verlangen. Wir haben uns gelegentlich nach der Familie erkundigt. Es find ziemlich unbekannte Leute, Howell ist nur ein Teilhaber in einem kleinen Eisengeschäft und scheint über seine Mittel gelebt zu haben. Das wird fich bald zeigen, denn die Firma ist in Verlegenheit und wird wahrscheinlich fallieren. „Kannst Du daran denken, bei Deiner schwachen Gesundheit eine Frau ohne Vermögen zu erhalten?" „Und wenn Du Dich dafür auf das Vermögen verläßt, das Deinem Vater und mir gehört, so müssen auch unsere Wünsche gehört werden. Ich sage Dir offen, daß unsere Mittel zwar groß, aber nicht genügend sind, um Dich ganz unabhängig zu machen und die Lebensweise, an die Du gewöhnt bist, fortzusetzen." „Du mußt eine reiche Heirat machen." „Dein Vater ist überzeugt, daß Du nach einer Verbindung mit diesem Mädchen sehr bald die ganze Familie auf dem Halse haben würdest. Sollen wir deswegen, weil Du Dich in ein hübsches Gesicht vergafft hast, zu Leuten in intime Beziehungen treten, die uns durchaus nicht gefallen? Das wäre ein schlechter Dank für die jahrelange Sorgfalt bei Deiner schwachen Gesundheit.
Der junge Mann ließ seinen Kopf immer tiefer sinken, während sie sprach, und seine Miene zeigte den Ausdruck tiefster Niedergeschlagenheit. Plötzlich blickte er auf und rief mit einem spöttischen Lachen: Die Spartaner hatten recht, als sie ihre schwachen Kinder umbrachten. Da ich so viel Dank schuldig bin, kann ich Deinen Gründen nicht widersprechen.
Du kannst unter einem Dutzend hübscher Mädchen wählen, die Dir an Stellung und Reichtum gleich find.
Ich möchte lieber keine von dem Dutzend mit meiner Schwachheit beglücken.
„Aber eher ein Mädchen ohne gesellschaftliche Stellung und ohne Vermögen?"
Sie ist das einzige Mädchen, das ebenso sanft als stark ist, und deffen Gesinnungen mit meinen eigenen harmonieren. Aber Du kennst sie nicht und wirst sie nie kennen. Du gehst nur nach Deinen Vorurteilen. Mit verzagter Miene verließ er langsam das Zimmer.
Es ist kein Versprechen von ihm zu erlangen, dieses Mädchen aufzugeben, murmelte die Mutter, und es ist eine Frage, ob er ein solches Versprechen überhaupt halten könnte. Deshalb muß ich durch eigene Willenskraft ersetzen, was ihm an Entschiedenheit fehlt.
Sie schien wohl imstande zu sein, diesen Mangel zu ersetzen. Es wäre ein Glück gewesen, wenn sie etwas von ihrer Festigkeit und Entschlossenheit Howell hätte mitteilen können.
An diesem Abend kam er zum ersten Mal in seinem Leben mit etwas unsicheren Schritten nach Hause. Seine Frau bemerkte nichts davon, außer, daß Howell heiterer als gewöhnlich war. Er lag auf einem Sofa, lachte und versicherte seiner Frau, ihre Schritte seien so leicht und ihr Aussehen so jugendlich, wie das ihrer Töchter. Die glückliche Frau errötete so lebhaft vor Vergnügen, und ihr mütter-


