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den Kirchplatz, der in blendendem Sonnenglanz dalag. Um das Portal der Sebalduskirche drängte sich eine schaulustige Menge, festlich geputzt zu Ehren des Pfingstfestes, die Frauen mit Blumenhüten auf dem Kopf, die Männer mit Sträußen in dem Knopfloch. Alle wollten sie die Braut sehen, die einzige Tpchter des reichen Pelzwarenhändlers Spangenberg, drüben von der Bastei.
„Sicherlich wird die große Orangerie um den Altar herstehen, und alles mit Rosen geschmückt sein. Lotte wird ganz in Duft getaucht sein, so häßliche wie die ist —" Trude seufzte. „Und wenn man bedenkt, daß das alles nur sein kann, weil Tausende von kleinen Zobeln und Hermelinchen ihr Leben lassen mußten, von den lieben kleinen Kaninchen ganz zu schweigen — Lotte Spangenberg hätte im Dezember heiraten sollen. Eis und Schnee würden besser zu ihrer Fadheit und Kälte passen als diese fröhliche, selige Pfingst- nnd Frühlingszeit. Da könnte sie ein Kleid wie Allerleirauh tragen, zusammengesetzt aus sämtlichen Pelzroben aus ihres Vaters Gewölbe, und würde von außen so sachlich und kratzbürstig dastehen, wie sie von innen ist." Trude lachte und trommelte eine lustige Melodie auf die Fensterscheibe hin. Ihre frische Blondheit und Jugend glänzte int Hellen Sonnenschein.
„Kindskopf", murmelte eine schwache Stimme aus einem tiefen Lehnstuhl hervor. Trudes halbgelähmte Mutter saß darin. Seit Jahren hörte sie die Berichte von all den Hochzeitszügen, die unter dem Portal der Sebalduskirche verschwanden, von all den Bräuten, die gleich Riesenknospen, weiß und glänzend wie große Lilien dem Altar zuschwankten, der Zukunft, dem Glück entgegen. Niemals würde sie ihre Tochter dort erblicken, ihr einziges Kind, das seine Blütenjahre in einer dumpfen Schulstube verbringen mußte!
„Nur reiche Mädchen heiraten", murmelte sie voller Bitternis. „Warum zerreißt Du Dir immer wieder das Herz, Trude, indem Du da hinab schaust auf den Mrchplatz! Zieh' die Vorhänge zusammen und lies mir weiter vor."
Trude wendete den Kopf über die Schulter. „Ich mir das Herz zerreißen, Mama? Weshalb denn?"
„Weil Du keine Aussicht haft, je eine Frühlingshochzeit zu feiern."
Trudes Näschen lag wieder fest an der Glasscheibe. „Auch keine Sommer-, Herbst- oder Winterhochzeit, liebste Mutter."
Die kranke Frau seufzte. „Und wenn ich denke, daß das einzig daher kommt, weil wir arm sind und Du Dir Dein Brot selber verdienen mußt —"
Trude glitt plötzlich von dem Stuhl herab, auf dem sie bis dahin gekniet hatte. „Und wenn ich! über eine Million verfügte, und alle Gesellschaften der Welt besuchen könnte, — ich würde doch nicht heiraten." Das helle Gesicht war plötzlich« finster geworden. „Ich will keinen Mann, ich hasse die Männer."
„Du kennst sie ja garnicht, mein Liebling."
„Ich kenne sie nicht? Rechnest Du meine Kollegen nicht? Diese trockenen, steifleinenen Pedanten? Und dann meinen lieben Vetter Felix? Felix, den Glücklichen, an dem die Provinzen hängen, — d. h. ihr weiblicher Teil? Die genaue Bekanntschaft mit ihm hat genügt, mir einen Abscheu vor all seinen Geschlechtsgenossen einzuflößen —
„Ja, es war wirklich ein Unglück, daß Ihr Euch so schlecht vertrugt, von Kindheit an. Schon als meine arme Schwester zu mir zog, damals vor 18 Jahren, hast Du Felix gleich ins Bein gebissen —"
„Wie ein Storch", platzte Trude heraus.
„Du krochst als zweijähriges Wichtlein auf der Erde herum, spieltest „Wauwau". Da kam Dir der kleine dralle Bengel mit seinen nackten Beinchen gerade zu paß."
„Na, und die Hahnenkämpfe später! Und die Turniere!" Trude reckte ihre festen kleinen Hände. „Aber ich bin doch beinahe immer Siegerin geblieben."
„Weil Felix nachgab. Er hat die ganze Ritterlichkeit und Gutmütigkeit seines Vaters geerbt."
„Und die ganze Keckheit der Bredows dazu." Eine brennende Röte schlug plötzlich über Trudes Gesicht hin. Sie hatte einen Blick durchs Fenster geworfen. „Jetzt kommt übrigens die Braut", bemerkte sie hastig.
Sonderbarerweise haftete ihr Auge nicht an den rieselnden Atlas- und Tüllwogeu des Brautkleides, sondern
es ruhte äußerst eindringlich, auf einer schlanken, männlichen Gestalt, die anscheinend zufällig über den Kirchplatz geschritten war, und sich, nun durch das Schauspiel vor der Kirchthiir eine Weile aufhalten ließ.
„Wie sieht Lotte Spangenberg aus?" forschte die Mutter von ihrer Ecke herüber.
„Keck wie immer", flog es von Trudes Lippen.
„Keck, — Lotte Spangenberg?"
Trude zog die Schultern hoch, als wollte sie sich verkriechen. „Na ja — so als Braut--Weißt Du, sie hat
eiNj sehr herablassendes Wesen angenommen, seit sie ver-
„Merkwürdig! Sie machte stets einen so nichtssagenden Eindruck auf mich"
Trude blickte noch immer auf den Kirchplatz hinunter, obgleich es eigentlich nichts mehr dort zu sehen gab. Der Schwarm der Neugierigen fing an, sich zu verlaufen.
Ein Zug von Trotz trat in das Mädchengesicht.
Jetzt verstummte das Geläut der Glocken, das Brausen der Orgel. Der Prediger mochte drüben die feierliche Handlung vornehmen, am Altar, unter den Rosen.
Da klopfte es an die Thür des Witwenstübchens. Ein junger! Mann trat herein, derselbe junge Mann, der vorhin so angelegentlich! nach) der Braut hingespäht hatte. Vetter Felix, der Hausgenosse von Mutter und Tochter.
Er begrüßte die Tante und trat dann zu Trude, die gar keine Notiz von seinem Eintritt genommen hatte. Zur Strafe für ihre Unhöflichkeit und die Nichtachtung seiner Person faßte er sie rasch um und gab ihr unversehens einen Kuß. —
Da fuhr sie wie ein fauchendes Kätzchen auf ihn zu. „Unverschämter Mensch, was denkst Du Dir eigentlich? Was erlaubst Du Dir?" Sie weinte beinahe. „Weißt Du, daß es bei den alten Römern mit dem Tode bestraft wurde, wenn jemand einer unbescholtenen Frau einen Kuß zu rauben wagte?"
„Gewiß, teures, hochgebildetes Cousinchen, das weiß ich! Wozu hätte ich denn mit heißem Bemühen römisches und deutsches Recht studiert? Aber was geht es mich an? Bin ich etwa ein alter Römer?"
„Nein. Leider nein", rief Trude wütend.
„Warum leider?"
„Da könntest Du mich wenigstens nicht ärgern, weil Du schon lange tot wärst!"
Er zwirbelte an seinem Schnurrbart. „Sobald es meine beschränkten Mittel erlauben, werde ich mir einen Revolver kaufen —" Ironisch verbeugte er sich, dreimal. „Wie hat Dir übrigens die schöne Braut gefallen, süße Trude? Vorhin, als ich ihre Liebreizlosigkeit anstaunte, kam mir der frevelhafte Gedanke, wie gut Dir der weiße Schleier stehen müßte —"
„Mir? Mir? Du träumst wohl?"
„Ja, vorhin träumt’ ich allerdings. Sehr schön und sehr unnütz."
„Pah! Du wolltest Dich nur der armen Lotte Spangenberg noch einmal in den Weg schieben, um ihr ins Gedächtnis zu rufen, daß sie Dich auch geliebt hat."
„Auch, Cousinchen? Wer liebt mich denn sonst noch?"
„Wer? Nun, alle! Das heißt, ich nicht. Die Anwesenden sind ja immer ausgenommen."
„Oho! Das möcht' ich. mir ausbitten. Ich habe meinen Neffen Felix von ganzem Herzen lieb! Zankt Euch doch! nicht immer, Kinder! Laß die Trude gehen, komm herüber zu mir, Felix", beschwichtigte die Mutter. „So schlimm meint's der Trotzkopf übrigens gar nicht."
„Ich meine es noch viel schlimmer! Garnicht zum Ausdrücken schlimm!"
Der junge Mann zog aus der Brusttasche ein Zeitungsblatt hervor. —
„Stehe sofort zur Verfügung, Tantchen. Sieh’ mal her, Trude. Da ist mir durch Zufall die letzte Lotterielifte in die Hand gekommen. Hast Du eigentliche nachgesehen, ob unsere Nummern gezogen sind?"
„Diesmal hatt' ich's vergessen. Im übrigen ist's ja doch, zwecklos."
Er faltete das Blatt auseinander und ließ den Zeigefinger die Zahlenkolonneu entlang laufen Hie die Nummer des Hauptgewinns kommt mir bekannt vor!


