Ausgabe 
3.6.1900
 
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Indessen stand Professor Volkmann in einer der guir- landengeschmückten Thüren des Saales und schaute mit zerstreuten, gleichgiltigen Blicken in das Gewoge. Schon geraume Zeit befand er sich auf diesem Platze. Erst hatte sich, sein Auge an dem bunten malerischen Durcheinander, an all diesen leuchtenden Augen, rosigen Wangen, marmor­weißen Schaltern und Armen erfreut, nach) und nach aber kam es wie eine leise Verstimmung über ihn. Es war doch eigentlich, trotz des unablässig rauschenden Regens dort draußen, eine verrückte Idee, dieses Tanzfest im Hoch­sommer. Mußte man sich denn durchaus zu zweien int Kreise drehen, um sich! zu vergnügen? Lächerlich, er würde sicher den Unsinn nicht mitmachen, er mit seinen 29 Jahren.

Freilich, der Gedanke an den heutigen Abend hatte ihn froh gestimmt, er war den ganzen Tag erwartungsvoll wie ein Kind am Vorabend des Weihnachtsfestes gewesen, aber das war das Ungewohnte, das ihm fast Fremde, dessen fidj feine Phantasie bemächtigt hatte. Im Grunde genommen war die Geschichte doch herzliche schal.

In Mellinghausen hatte man ebenso gedacht.Die Rosen des Südens" tönten bereits lockend vom Orchester, von Gräfin Frieda keine Spur. Sie hatte zwar noch gestern, als sie zusammen mit Heiking und ihm zufällig war man zusammengetroffen den weiten köstlichen Spazierritt unternommen, das feste Versprechen gegeben, zu erscheinen, wohl aber noch in elfter Stunde ihren Ent­schluß geändert. Sie kam sicher nicht mehr, und er that wohl auch am besten, sich zurückzuziehen.

Noch einmal ließ er die Blicke gleichgiltig durch den Saal schweifen, plötzlich aber wurden sie lebendig und hafteten am gegenüberliegenden Eingänge des Saales. Dort war die, an welche er soeben gedacht, erschienen, ihre Hand lag auf dem Arm eines älteren Herrn, der sie zu einem Sitz geleitete. Letzterer verließ sie oder wich, viel­mehr dem Ansturm der jüngeren Herren, welche zufällig eben nicht mit einer Tänzerin über das spiegelglatte Par­kett flogen. Wie blendend schön sie war, wie sich der gelbliche glänzende Atlas ihrer herrlichen Gestalt an- schimtegte, wie die roten Rosen in ihrem Haar und an der weißen Schulter leuchteten!

Auch Gräfin Frieda schien zerstreut und unruhig, sie hatte nur ein halbes Lächeln für die sie Umringenden, und ab und zu flog ein heimlich suchender Blick durch den Raum. Dem sie unausgesetzt Beobachtenden entging das nicht, und es durchfuhr ihn, wie die Spitze eines scharfen Stahls. Was wollte er noch? Was stand er hier wie ein Thor, um zu ergründen, wem sich das Herz des herrlichen Geschöpfes zuneigte, was ging ihn, den stillen Gelehrten, biefe ganze sich drehende, lachende, schwatzende Gesellschaft an? Ihnen das Vergnügen, der Genuß, ihm dte Arbeit und das Entsagen.

Er hob den Fuß zum Gehen. Am besten gleich fort, ein paar Zecken hinterlassen, welche sein plötzliches Verschwin­den wenigerauffällig machen nur noch einmal, nur etn einziges Mal noch sich sattsehen an diesem edlen Antlitz dreser grazienhaften Gestalt, und dann leb wohl, leb wohl für immer!

Da traf fein glühender Blick mit ihrem umherschweifen- den zusammen. Sie errötete heiß, ein glückliches Leuchten brach ans ihren Augen, in Verwirrung barg sie ihr Gesicht m dem Strauß, den ihre Hand hielt. Als sie wieder auf» bückte, stand Hans Volkmann vor ihr.Ich bin ein wenig gewandter Tänzer, Gräfin, aber wenn sie es trotzdem mit nttr versuchen wollen?"

Sie gab keine Antwort, sie lächelte ihm zu und erhob iW Me Umstehenden sahen sich erstaunt an. Was war das? Erst drangt sich dieser Federfuchser durch, als wäre das fein gutes Recht, und sie, die noch eben jedes Engage- ment abgelehnt - sie müsse sich erst entscheiden, ob sie Yente überhaupt tanze, ihr fehle vorläufig noch die Stim- mung dazu folgt ihm, als ginge das nicht anders, als habe ste feinen eigenen Willen. Aber zugeben mußten die Herren doch, die beiden bildeten unstreitig das schönste Paar im Saale und verdienten vollauf die bewundernden Blicke, welche ihnen von allen Seiten folgten.

F^ut mit der Kraft gepaart", flüsterte ein ältliches Fraulem, welches sich durch seine Poesien zu

emer gefürchteten Persönlichkeit in diesem Kreise gemacht hatte, der neben ihr sitzenden Frau von Suchen zu.

Ob Professor Volkmann wohl auch! jetzt noch dachte daß dieses sich Jmkreisadrehen ein Unsinn, eine Lächer­lichkeit, eines reifen Mannes unwürdig, ob es überhaupt em Denken zu nennen war, dieses Jneinanderwogen süßer verworrener Bilder und Vorstellungen in seinem Hirnö Endlich mußte er die leichte lebenswarme Gestalt aus seinen Armen lassen und zu ihrem Platze geleiten. Sie hatten während des Tanzens kein Wort miteinander ge­sprochen, nur einmal hatte sie aufgeblickt gerade in seine strahlenden Augensterne hinein, dann blieben ihre dunklen Wimpern tief gesenkt.Wollen Sie mir den Kotillon geben?" bat er leise, ehe sie ihre Hand von seinem Arm loste.

Sie reichte ihm das zierliche Büchlein an ihrem Fächer ihre Hände berührten sich dabei. Aber dann mußte er doch von ihr gehen, und sie mußte lächeln, entschuldigende Worte sprechen und von einem Arm in den anderen gleiten Der Professor erhielt in den nächsten Stunden nur hin und wieder einen Blick, ein flüchtiges Wort von ihr, so sehr war sie stets in Anspruch genommen. Bei Tische aber er hatte das alte Tantchen des Hausherrn trotz ihres Sträubens zu seiner Nachbarin erkoren saß er neben ihr, er wußte nicht, daß sie es einzurichten gewußt und seinetwegen hätten Küche und Keller des Hauses Nicht so Vorzügliches zu leisten brauchen, ihm hätte auch Geringeres wie Nektar und Ambrosia gemundet. Dann endlich kam der Kotillon, dieser Tanz, geschaffen zum Finden der Herzen, zum Festhalten des Gefundenen. Kom­tesse Frieda ließ sich heute zu keiner Extratour entführen, sie sei ermüdet, versicherte sie, unbekümmert, daß ihre strahlenden Augen, ihre blühenden Lippen dem wider­sprachen. Zuerst bewegte sich das Gespräch der beiden m weiten Grenzen, streifte Kunst und Wissenschaft, Welt und Menschen; nach und nach aber, unmerklich, zog es engere Kreise, bis es zuletzt am eigenen Ich haften blieb.

Von ihrem Großvater sprach sie, ihrem einzigen näheren Verwandten; mit wie zärtlicher Liebe er sie um­geben und welche Lücke sein Tod in ihrem Dasein hinter­lassen. Er von seinem Wirken, seinem Geistes- und schließlich auch von seinem Herzensleben. Er sprach stockend davon, abgebrochen, wie jemand, dem es ungewohnt ist, es zu thun, der sich vielleicht auch erst seit kurzem völlig tiar darüber geworden, aber nach und nach wurde seine Rede geläufiger, fluteten die Worte von seinen Lippen wie Wogen, die ihren Damm gesprengt.

Wie er bisher ganz in seiner Wissenschaft aufgegangen, schilderte er, wie sie ihm als das Höchste, Hehrste, An­betungswürdigste erschienen, und wie seit kurzem, seit wenigen Tagen erst, ihr Thron ins Wanken gekommen, er ahne, er wisse es, und jetzt in dieser Stunde.

Er brach ab, eine bebende Hand berührte seinen Arm. Nicht hier, Herr Professor! Morgen, ich bitte Sie darum, morgen in Mellinghausen!"

Er hatte die Sprechende erst tief erblaßt angeschaut. Nun kehrte die Farbe in sein Antlitz zurück.

Ein paar Minuten später war der Tanz beendet.

Noch em leiser Händedruck, ein letzter Blick, und für Haus Vollmann war der Saal leer, das Licht verlöscht. Und doch hatten nur wenige gleich der jungen Gräfin sofort stach dem Schlußtanz den Heimweg angetreten, die meisten blöken noch m lauter Fröhlichkeit zusammen. Der Pro­fessor sprach mit niemand mehr, er bemerkte es kaum, daß in einem Nebengemach, welches er durchschritt, um in sein Zimmer zu gelangen, Baron Heiking auf den Kni een vor emer f feinen rosenroten Gestalt lag und die schwere gold­blonde Flechte, welche über ihr Kleid herabhing, inbrünstig an seine Lippe» preßte er mußte allein sein.

(Fortsetzung folgt.)

Als alle Knospen sprangen.

Pfingstnovelfette von A. Schoebel.

Nachdruck verboten.

Ach! So eine Frühlingshochzeit muß doch etwas Ent­zückendes sein! Trude Mertens drückte ihr Näschen platt an die Fensterscheibe, durch welche sie himmterspähte auf