1900.
Pfingsten 1900.
Von Alwin Römer.
Nachdruck verboten.
Nun ist er endlich doch gekommen. Der holde Lenz mit Duft und Glanz, Und hat den Bann von uns genommen, Und uns geschmückt mit frischem Kranz! Vergessen sind die grauen Tage, Vergessen Winterweh und Leid!
Nun grüßt mein Herz mit frohem Schlage Dich!, wundersel'ge Pfingstenzeit! . . .
Wie reger Drang, sich zu entfalten .Schon in den Rosenknospen schwellt! . . . Das ist der Pfingstengeister Walten, Die feurig brausen durch die Welt! Sie schassen Lischt an tausend Stätten Und lösen aus des Zweifels Haft Und aus des Kleinmuts Kerkerketten Die flammende Apostelkraft!
Sie lodern aus den Blütenfarben, Zu denen froh Dein Auge schweift; Sie pred'gen aus den jungen Garben, In denen künft'ger Segen reift!
Sie rufen aus den Fliederzweigen, Drin keck ihr Lied die Drossel singt; Sie hallen aus dem Kinderreigen, Der sich im Lindenschatten schwingt!
Sie leichten aus dem Glanz der Falter, Die frei durchgaukeln Feld und Wald;
Sie rauschen aus dem Jubelpsalter, Der feierlich den Dom durchschallt! Sie flüstern aus dem Laub der Birken, Die lieblich! an den Pforten stehn: O, laß der hehren Geister Wirken Befreiend auch Dein Herz durchwehn! . . .
Wirf ab die Fesseln, die Dich drücken, Der Selbstsucht Macht, des Zweisels Pern, Und lern' vom Lenze, im Beglücken Der Erdenkinder glücklich sein! . - - Wenn in Dir auch für den Geringsten Ein heiliges Erbarmen glüht. Dann hat Dir still der Geist der Pfingsten Den Lenz beschert, der nie verblüht! . . -
(Nachdruck verboten.)
„Es sah eine Linde ins tiefe Thal."
Novelle von R. Litten.
(Fortsetzung.)
Schluß.
Gefunden.
Nie, nie vergißt das Herz den Traum der ersten Liebe.
Der große Festsaal auf Schloß Heiking war glänzend- erleuchtet, eine frohe Menschenmenge wogte darin auf und nieder, und die am Morgen aus. der nächsten Stadt telegraphisch herbeigerufene Musikkapelle intonierte Webers Aufforderung zum Tanz.
Vor einem kleinen, zierlichen, von luftigem rosenroten Stoff umflatterten Fräulein stand der Hausherr und beugte seine schlanke Gestalt tief zu ihr herab. Sie warf einen Blick auf die Tanzkarte, die er ihr dabei überreicht, und verzog schmollend die srischen roten Lippen.
„Erster Tanz, Tischwalzer und Kotillon! Bescherden- heit gehört wohl nicht gerade zu ihren Tugenden, Baron SoeitiTiß ?"
Der Angeredete sah ihr lustig in die Augen. „Offen gestanden: nein, mein gnädiges Fräulein! Warum denn auch ? Ich- bin ein gläubiger Anhänger Goethes, aber auch ohne das, ohne des Altmeisters ost zitierte Warnung, würde ich, keineswegs einsehen, warum ich von ferne stehen soll, wenn sich schönes und begehrenswertes im Bereiche meiner Augen zeigt."
Sein Gegenüber drohte chm mit dem zierlichen Zeigefinger. „Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut fidi. ihrer Pracht. Sagt das nicht auch. Ihr Dichter?"
Klemens Heiking lachte. „Gewiß, Gnädigste! Ab^: ich glaube, damit hat er nicht ganz das gemeint, was ich im Auge hatte: eine schöne junge Dame nämlich. Oder sollten wirklich alle schönen jungen Damen zuftreden sem wenn man sich nur ihrer Pracht freut, sie Nicht begehrt?
Die Kleine war purpurrot geworden, Aerger und Lachlust stritten in ihrem hübschen Gesichtchen.
„Sie sind abscheulich, Baron, und bringen es wirklich dahin, daß ich mich heute abend still in einen Winkel setze und keinen Schritt —" _ . . ~..
Er unterbrach sie lebhaft. „Das wäre reizend, üwvu- lein Else! Dann setze ich mich Sh Ihnen, und wir haben eine Insel der Seligen mitten in den Wogen des Ball- 'aak£n Herr näherte sich der Baronesse, um ihre Tanzkarte zu erbitten, sie mußte sich begnügen, ihrem Nachbar einen majestätischen Blick zuzuwerfen.


