Ausgabe 
3.5.1900
 
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von dieser märchenhaften Entdeckung, die sie zuerst kaum für wahr halten konnten, und schwankend zwischen der Angst vor den strengen Gesetzen und der Hoffnung, ihre Freiheit wieder zu erlangen, wendeten sie sich an einen Geistlichen, der ihnen riet, sich der Gnade des Staates anheim zu geben. Er begleitete sie nach Villa Rica, wo er ihnen Einlaß beim Gouverneur verschaffte. Sie warfen sich demselben zu Füßen und überreichten ihm den Träger ihrer Hoffnungen, den unschätzbaren Edelstein. Der ob der Größe des Steines im höchsten Grade erstaunte Gou­verneur traute seinen Sinnen nicht; er rief die Offiziere der Niederlassung herbei, um zu entscheiden, ob cs ein Diamant sei, und sie erklärten die Sache für zweifellos. Der Gouverneur hielt es für angebracht, als Belohnung für die Auslieferung des Diamanten das Urteil gegen die Verbannten aufzuheben. Er sandte den Edelstein nach Rio de Janeiro, von wo eine Fregatte ihn nach Lissabon brachte.

Der Herrscher bestätigte die Begnadigung der Schul­digen".

Ein anderer berühmter Diamant befindet sich im Be­sitze des Sultans von Matan aus der Insel Borneo. Dieser Stein ist gleichfalls ungeschliffen und wiegt 267 Karat. Sein Eigentümer schätzt ihn so sehr, und fürchtet so sehr den Verlust des kostbaren Kleinods, daß er Fremden, die den Diamanten zu sehen wünschen, nur ein Krystallmodell zeigen läßt. Den Wert des Steines schätzt man aus ,5 390 000 Mark.

Die Krone Rußlands ist gegenwärtig die reichste an Diamanten. DerOrloff", ein Diamant von 194 drei- viertel Karat Gewicht schmückt die Spitze des russischen Szepters. Dieser Stein wurde im Jahre 1894 gegen eine Leibrente von 4000 Rubel, gegen Zahlung des Barbetrages von 450 000 Rubel, sowie Verleihung des Adelsbriefes von der Krone angekauft. Nach einem authentischen Be­richt bildete der Stein früher ein Auge des Hindugottes Sri-Ranga, dem ein prächtiger, auf einer befestigten Insel in Mysore stehender Tempel geweiht war. Ein französi­scher Deserteur in indischen Diensten, der von den schönen Augen" des Götzenbildes gehört hatte, beschloß, sich in den Besitz derselben zu setzen. Da keine Christen in die Pagode Einlaß fanden, trat er, um das Vertrauen her Priester zu gewinnen, zur Hindu-Religion über, und verstand es, die Brahmanen zu bewegen, ihm das Wächter­amt über das innere .Heiligtum anzuvertrauen. In einer stürmischen Nacht fand sich eine gnüstige Gelegenheit eines her Augen aus seiner Höhle zu pressen; er floh damit nach Madras, wo er das Kleinod für 40000 Mark an einen englischen Schiffskapitän verkaufte, der es seinerseits einem Händler für 240000 Mark überließ. Von diesem erwarb es ein persischer Kaufmann, der auf einer Geschäftsreise in Amsterdam dem Fürsten Orloff begegnete. Dieser russische Fürst war bei Katharina II. in Ungnade gefallen. Als nun Orloff hörte, der Stein wäre Katharina ange­boten worden, sie hätte ihn aber zu kostspielig gefunden, erwarb er das Kleinod für die Summe von 1800 000 Mark sowie gegen eine Jahresrente von 80 000 Mark und schenkte cs seiner kaiserlichen Herrin. Katharina verschmähte es nicht, diese wahrhaft königliche Gabe von ihrem erlauchten Unterthanen anzunehmen. DerOrloff" ist der größte aller europäischen Kleinodien, und an Schönheit ist ihm nur derRegent" überlegen.

DerRegent", der sich im Louvre befindet, gilt als der vollkommenste aller existierenden Diamanten, und auch seine Geschichte ist sehr merkwürdig, wenn sie sich so zu­getragen, wie sie in Chambers Journal erzählt wird. Er soll im Jahre 1701 in den Parteal-Minen von einem Sklaven gefunden worden sein, der sich ein Lock; in die Wade schnitt, um seinen Schatz darin zu verbergen. Der Sklave entkam mit seinem Kleinod, gelangte an die Küste und übergab den Stein dem Kapitän eines englischen Kauf­fahrteischiffes unter der Bedingung, daß er ihn freikaufe. Der Seemann ging scheinbar auf den Vorschlag des Sklaven ein, nahm ihn mit auf See und ertränkke ihn dort, nach­dem er den Diamanten erhalten hatte. Er verkaufte den Edelstein für 20 000 Mark an einen Diamantenhändler und soll sich später in einem Anfall von Gewissensbissen erhängt haben. Der näckste Besitzer des Steines wurde der

Urgroßvater des berühmten William Pitt, der den 410 Karat wiegenden Stein für 400 000 Mark kaufte. Er andte ihn nach London, wo er für den Preis von 100 000 ehr geschickt geschliffen wurde. Diese Arbeit nahm zwei >olle Jahre in Anspruch. Pitt scheint diesen Diamanten als kein allzu beneidenswertes Besitztum erkannt zu haben; zuerst verleumdeten ihn seine Feinde, er habe ihn durch unredliche Mittel erlangt, dann verfolgte ihn ständig die Furcht vor Beraubung. Nicht zwei Nächte hintereinander chlief er unter demselben Dache, kündigte niemand seine Ankunft und Abreise an und ging sogar in geheimnis­vollen Verkleidungen umher. Er fühlte sich sicherlich sehr erleichtert, als er im Jahre 1717 den Diamanten dem Herzog von Orleans, der während der Minderjährigkeit Ludwigs XV. von Frankreich Regent war, für den Preis von 2 700 000 Mark überlassen konnte. DerRegent" blieb von nun an eng verknüpft mit den Geschicken Frankreichs; er blieb bestehen trotz aller Revolutionen und ging buch- täblich durch viele Hände; denn während der Schreckens­herrschaft wurde er, sorgsam angekettet und von Gendarmen bewacht, öffentlich ausgestellt; jedes arme halbverhungerte Geschöpf durfte ihn einige Sekunden in Händen halten, um sich an diesem zweifelhaften Genuß zu erfreuen. Bei dem Raube der Garde Mobile wurde derRegent" mit den gesamten französischen Kroninsignien gestohlen; aber einer der Diebe verriet sein Versteck, und man fand ihn in der Allee des Veuves vergraben. Napoleon I. verpfändete ihn der holländischen Regierung, da er Geld brauchte; nach seiner Wiedereinlösung soll er ihn im Schwertgriff ge­tragen haben. Durch Schleifen wurde derRegent" auf 137 Karat reduziert. Im Jahre 1791 wurde sein Wert aus 9600 000 Mark festgesetzt.

Den prächtigen Stein, welcher unter dem Namen Stern des Südens" bekannt wurde, fand im Jahre 1853 eine arme brasilianische Negerin; nach dem in Brasilien herrschenden Brauche bekam sie dafür ihre Freiheit und eine lebenslängliche Pension. Ihr Herr verkaufte den Stein für die lächerlich geringe Summe von 60 000 Mark. Dieser Diamant wog im rohen Zustande 254 einhalb Karat, nach dem Schleifen jedoch nur 125 Karat. Man wird es er­klärlich finden, daß die brasilianischen Krondiamanten einen recht hohen Wert repräsentieren; denn wir wissen, daß Brasilien immer noch reich an Diamanten ist. Die Krondiamanten werden auf 80 Millionen Mark geschätzt.

Der berühmteSancy" ist nach einem Herrn de Sancy benannt, der französischer Gesandter bei der Pforte war, und diesen Stein in Konstantinopel kaufte. Heinrich III. soll diesen Herrn veranlaßt haben, ihm seinen Diamanten zu leihen, offenbar um Geld darauf erheben zu können. Später muß ihn de Sancy zurückerhalten haben, denn er hatte nun die Ehre und das Vergnügen, ihn Heinrich IV. von Navarra zu leihen, und zwar zu demselben Zwecke, Geld darauf zu erheben. An diese Thatsache knüpft sich eine romantische Geschichte. Der Bote, welcher dem Könige den Stein überbringen sollte, verschwand, und erst nach einiger Zeit stellte es sich heraus, daß er überfallen, ge­tötet und beraubt worden war. Herr de Sancy, der un­bedingtes Vertrauen zu seinem Diener hatte und überzeugt war, derselbe könne das Kleinod nicht so leicht preis­gegeben haben, ließ den Wald, in welchem der Mord ge­schehen war, absuchen; man fand die Leiche, untersuchte ihre Eingeweide, und der Diamant kam zum Vorschein; um zu verhindern, daß er in die Hände der Räuber falle, hatte ihn der treue Diener verschluckt.

Aus einem alten Dokument geht hervor, daß der Stein zu Anfang des 17. Jahrhunderts zum englischen Kronschatze gehörte. Dann wieder findet er Erwähnung, da Königin Henrietta Maria, Gemahlin Karls I. ihn dem Earl of Worcester als Belohnung für seinewertvollen, dem Hause Stuart erwiesenen Dienste überreicht. Später wird berichtet, daß um das Jahr 1695 Jakob II. ihn an Ludwig XIV für 500000 Mark verkauft habe. Er ging dem französischen Volke bei dem Raube der Garde Mobile im September 1792 verloren, also in derselben Zeit, da derRegent verschwand. Doch entdeckte man ihn später im Besitze des Mont de Pretee, des staatlichen Leihhauses. Im Jahre 1867 wurde er tn Paris ausgestellt und gelangte dann nach mannigfachen Irrfahrten in den Besitz der Fckmile Astor.