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Wieder schaffen können, ringen, etwas erreichen! Dem Schicksal abtrotzen, was es nicht gutwillig gab! Ihre Energie hob sich und wuchs mit jedem kleinen Erfolge, den sie an den kommenden Tagen zu verzeichnen hatte. So nahm sie die Aufträge entgegen, so erzählte, erklärte, beredete sie, und am Wend, wenn sie diese oder jene Dinge zum zehnten oder zwölften Male der zehnten oder zwölften Kundin mit derselben Lebhaftigkeit vorgetragen hatte, war es ihr oft wirr in Kopf und Sinn, und mit einem stillen Lächeln sagte she sich, daß sie den gewiegtesten Geschäfts- Nnan an Spekulationswut überträfe.
Der vierte Sonntag kam heran.
Weit auf stand der Laden in der zwölften Mittagsstunde, ninb alle, die aus der Kirche kamen oder nach dem Kreuzberg pilgerten, konnten hineinschauen bis, in den Hintergrund, wo ein rotes Feuer im eisernen Ofen flackerte.
Die Großmutter, welche langsam mit Paul dem Kleinen an der Hand die Straße hinabgewandert kam, sah Nettchen sich entgegeneilen.
„Kommt Paul nicht mit?" fragte sie atemlos schon von weitem.
„Es is ihm nich gut, mein Kind!" entgegnete bte falte Frau, indem ein verlegener Ausdruck über ihre Züge ging. „Er meint, wir würden's schon allein besorgen."
Langsam, ganz langsam schritt Nettchen mit ihr dem Laden zu. „Ich will Dir sagen", meinte fast schüchtern die Großmutter. „Das beste ist, Du ziehst Dich an und kommst mit 'naus. Wenn der Wald nicht zu uns kommt, dann müssen wir den Wald aufsuchen."
Nettchen antwortete nichts. Sie fühlte die Verlegenheit der alten Frau heraus. Schweigsam ging sie in den Wohnraum lund holte der Großmutter einen Stuhl. „Ich komme dann 'n andermal, Großmutter", sagte sie endlich sanft. „Heute nicht."
Anna war eingetreten, und förmlich enthusiastisch ging sie sofort daran, der alten Frau die glücklichen Ver- Änderungen des Geschäftsganges zu schildern. „Das wird schon noch — heute über ein Jahr sind wir aus allen Schulden raus", flüsterte sie geheimnisvoll, und Karl setzte mit seiner tiefen Stimme fest hinzu:
„Es ist wahr, Frau Brinkmann."
Die alte Frau blickte erschöpft rundum. Jahrelang hatte sie keinen Anlaß zur Freude gehabt, und jetzt, Wo! helle Freude in ihr Herz hätte ziehen mögen, war wiederum ein Zwiespalt da, der alles vernichtete.
Den vierten Sonntag war es schon, daß Paul sich heftig weigerte, sein Geschäft aufzusuchen. „Ich kann nicht hin, so lange sie dort ist", hatte er hartnäckig erwidert. „Paul", hatte die alte Frau endlich ausgerufen, „wie D das möglich, sie hat Dir doch nichts gethan! Haßt Du sie denn, Paul?"
„Ja", hatte er erwidert. „Ich hasse sie."
Weiter war kein Wort über seine Lippen gekommen. Aber er war noch trübsinniger, noch einsilbiger geworden wie vordem. Selbst der kleine Paul konnte ihm kein Lächeln ablocken. Tagaus, tagein saß er in seinem kleinen Zimmer, über Büchern, die er doch nicht las.
„Meine Kraft is zu Ende", schloß jammernd die alte Frau. „Die zwei Jahr seit Johannes Tode muß ich schon mit ansehn, wie er zu Grunde geht, und kann ihn nich halten."
„Geh' nach Haus, Großmutter, geh' zu ihm zurück", drängte Nettchen; in ihrem Herzen war es förmlich kalt und still geworden bei der Erzählung der alten Frau. „Laßt ihn nicht allein!" fügte sie hinzu. Dann hob sie den kleinen Paul auf ihre Arme, ihr Mund suchte den seinen, und einen Augenblick verbarg sie ihre zuckenden Lippen an diesem weichen, warmen, unschuldigen Kinder-- sniund. Ein Schütteln ging durch ihren Körper. „Lebe wohl, mein Paulchen", dachte sie, „ich werde Dich nicht mehr oft Wiedersehen. Wenn sie mich hassen, kann ich nicht bleiben, mein kleiner Paulemann." Das verwaiste Mnd fest an ihr Herz gedrückt, stand sie einen Augenblick in diesem stillen Abschiednehmen. Dann ließ sie es sanft zuh Erde gleiten, half der Großmutter in den Mantel und trat schweigsam mit den beiden den Weg zur nach Tempelhof führenden Pferdebahn an..
(Fortsetzung folgt.)
Historische Diamanten.
Von Fred Hood.
Nachdruck verboten.
Fast alle Diamanten, welche ihrer Größe und ihrer leuchtenden Schönheit wegen eine große Berühmtheit erlangt haben, stammen aus Asien, der Wiege des Luxus und des Reichtums. Vorzüglich waren es die reichen Kirchen und die reichen Höfe, welche ihren Glanz durch den Besitz hervorragend schöner und kostbarer Diamanten noch zu erhöhen strebten. Verknüpft mit dem Namen des berühmten Hauses, haben diese Edelsteine denn auch eine historische Berühmtheit erlangt, und ihre Schicksale sind nicht minder bekannt geworden als die Geschichte der Fürstengefchlechter, deren wertvollsten Schatz sie im Wechsel der Zeiten gebildet haben. Heut schmücken die schönsten und berühmtesten Diamanten die Schatzkammern des Win- terpalastes zu Petersburg, des Kreml in Moskau, des grünen Gewölbes zu Dresden, sowie die Krone Englands und Oesterreichs.
Der Kohinoor, der kostbarste Stein im Besitze der Königin von England stammt aus Indien, wo heute noch die Tempelschätze hauptsächlich in kostbaren Diamanten bestehen. Es gilt als erwiesen, daß der Kohinoor, welcher heut pur noch 106 Karat wiegt, durch Umschleifen des „Großmogul" entstanden ist; im Jahre 1665 wurde dieser Edelstein vom Großmogul Aurungseb dem Reisenden Ta- bernier gezeigt, welcher ihn als Erster beschrieben hat. Er wog damals 279 Karat, und sein Wert wurde auf zwölf Millionen Francs geschätzt. Wenn wir der Ueberlieferung Glauben schenken dürfen, so wurde der Stein vor nicht weniger als 5000 Jahren im Godewari-Strom gefunden: feit vielen Hunderten von Jahren War er der Talisman indischer Fürsten, und nach der Legende der Hindus trug ihn Karna in dem „großen Kriege", von welchem das berühmte Epos Mahabharata erzählt.
Nach manchen Irrfahrten fand der „Kohinoor" seinen Weg in die Schatzkammer von Lahore, wo er bis zum Jahre 1849 verblieb; in diesem Jahre, da Pendschab annektiert und britische Kolonie wurde, ging mit anderen Gütern der kostbare Edelstein in den Besitz der Königin über, der am 3. Juni 1850 überreicht wurde. Er Wog damals noch 186 Karat, zeigte jedoch nicht seinen gegenwärtigen Glanz. Seine jetzige Form hat er im Jahre 1853 in der berühmten Diamantschleiferei von Coster in Amsterdam erhalten. Diese Arbeit verschlang das Sümmchen von 160 000 Mark und nahm 38 Tage in Anspruch.
Der Stein ist heut weder der glänzendste, noch aud) der größte der existierenden Diamanten, wirb aber noch immer auf 2 800 000 Mark geschätzt.
Als größter Diamant gilt heut der „Braganza" im Besitze des Königs von Portugal. Doch bestehen schwer- wiegenbe Zweifel, ob der Stein wirklich ein Diamant ober nur ein weißer Topas sei. Da er noch ungeschliffen ist und in ber portugiesischen Schatzkammer ängstlich bewacht wirb, ist niemand in der Lage ihn zu prüfen. Er wiegt 1680 Karat, soll so groß Wie ein Hühnerei fein und hat in feiner gegenwärtigen Form einen Wert von 11 290 000 Mk. Er soll im Jahre 1798 entdeckt Worben sein; in Malve's „Reisen in Brasilien" Wird Folgendes über diesen interessanten Fall berichtet:
„Drei Männer hatten schwere Verbrechen begangen und würben in das Innere des Landes verbannt, mit der Weisung sich bei Strafe lebenslänglichen Gefängnisses keiner bedeutenden Stadt zu nähern, noch in zivilisierter Gesellschaft zu verweilen. Dieser harte Richterspruch trieb sie in hie einsamsten Teile des Landes, und dort suchten sie neue Minen auf, in ber Hoffnung, baß sie früher ober später das Glück haben könnten, irgenb eine bebeutenbe Entdeckung zu machen, durch die sie die Aufhebung ihrer Verurteilung erlangen und ihren Platz in ber Gesellschaft wieder gewinnen könnten. Länger als sechs Jahre wanderten sie "umher, und stellten in verschiedenen Minen Nachforschungen an. Endlich gruben sie zufällig in einem Flusse nach, dessen Wasserstand zur Zeit sehr niedrig war Hier suchten sie nach Gold, hatten jedoch das Glück, einen fast eine Unze schweren Diamanten zu finden. Trunken


