Ausgabe 
3.5.1900
 
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Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Nach der inneren Einsamkeit so vieler Jahre ivar Nettchens Mitteilsamkeitsbedürfnis lebendiger als je er­wacht, das Geringste, was durch ihre Seele zog, drängte sich in überquellend warme Worte. Anna, die mit ihrem Strickzeug erschien, und imWohnraum" wie zu Johannes! Zeiten den Theekessel brodeln ließ, horchte voll Teil­nahme dem ernsten Geplauder, am aufmerksamsten aber war Karl, der einstige Knecht. Wenn er auch ablehnend beiseite stand, und in seine Beschäftigung so versunken^ daß die Frauen seine Anwesenheit geradezu vergaßen, so entging ihm doch kein Wort von allem, was gesprochen wurde.

Er hatte nur die Leidenschaft gekannt, nachher dew Groll; jetzt fühlte er mit einem Schauer, daß etwas in ihm aufwuchs, das zu keinem von beiden gehörte, das er früher nie gekannt hatte, und für das er keinen Namen fand. Der Haß, zu dem er sich gewappnet hatte, schmolz darunter !weg, ohne daß er es wollte, zog dieses weiche Gefühl in seine verdüsterte Seele ein und nährte sich an Nettchens Worten.

Wenn sein Blick unbeobachtet zu ihr hinüberflog und das Bild umfaßte, wie sie dasaß, fast Schulter an Schulter mit seiner Frau, dann erfüllte etwas wie ein stilles Glück sein Herz. Atemlos konnte er ihren Worten lauschen, wie sie so ruhig und klar über das Leben, das Glück und alle die Dinge sprach, zu denen es die Menschen zieht, die gekämpft und gelitten haben. Mit feinem langsamen Ver­stände folgte er ihr, allen Zickzackwegen, die ihre Gedanken einschlugen.

Anna war erstaunt und überrascht, als der Groll, den ihr Mann gegen die Fremde ausgedrückt hatte, mit jedem Tage mehr zu schmelzen schien. Eines Abends nach Geschäftsschluß hörten sie ihn näher kommen, den Vor­hang zurückschieben, und mit tiefem Erröten, ein paar undeutlich gemurmelten Worten, setzte er sich zu ihnew nieder.

Nettchen zählte gerade die Kasse.

Mit glänzenden Augen addierte sie ihre Einnahmen

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rbeit ist des Blutes Balsam, Arbeit ist der Tugend Quell.

zusammen. Paul war am Sonntage nicht erschienen. Die Enttäuschung hatte ihr einen Stich ins Herz ge- geben. Aber:Dann bis auf nächsten Sonntag", hatte sie, rasch zur Großmutter gesagt. Und wieder malte sie sich im Geiste das Bild aus, wie sie ihm gegenüberstehen,, ihm die Einnahmen der vierzehn Tage in der grünen Kassette vor die Augen halten würde.

Schweigsam saßen Karl und sein Weib an bemi runden Tisch, auf dem Nettchen die funkelnde Linie ber| Silberstücke mit blitzschneller Hand zu ziehen begann. Sie, hatte dem Artisten Jerome Seitre manche Kunstfertigkeit abgelernt, und Karl und Anna saßen ganz starr, tvenn aus ihrer Hand das Geld wie an einem Faden.aufgereiht auf die Holzplatte niederklingelte; Stück an Stück, bis die Thaler, die Markstücke und die Groschen wie drei verschie­dene Heerstraßen neben einander herliefen.

Der Herr Brinkmann hat auch geschrieben, er käme auch nächsten Sonntag noch nicht", sagte Karl, indem tn schwerfällig einen Brief aus seiner Tasche zog.

Er käme nicht?" sagte Nettchen, indem sie klirrend! die letzten Geldstücke auf den Tisch fällen ließ.

Da das Geschäft nun in so guten Händen sei, wäre es wohl nicht nötig, daß er so pünktlich kontrollieren; komme", entgegnete Karl, indem er in dem Bogen nach dem Wortlaut der Zeilen suchte.

Also er weiß es nun, daß ich hier bin die Großmutter hat es ihm mitgeteilt!" rief Nettchen aus.. Ihre Lippen zuckten, es war ihr, als sei ihr nun für immer eine große Freude zerstört.

Er kam doch sonst so pünktlich jeden Sonntag was er nur haben mag?" fragte kopfschüttelnd Karls! Frau.

Nettchen blickte aus. Ein Verdacht malte sich in ihren Augen. Jähe Blässe kam auf ihre Wangen.Jeden Sonn­tag?" murmelte sie.Und erst seit ich hier bin, kommt er nicht?"

Sie war aufgestanden, ging au die Ladenkasse, und mit langsamer Geberde schob sie die Kassette in das! Fach.

Alle Freude war vorbei.

Das wird nun so einen Tag sein wie den anderen", dachte sie.Schaffen und stteben und hoffen und er kommt nicht, und ihn kümmerts nicht."

Entmutigung hatte sie erfaßt, sie sagte den beiden im Wohnraum Gute Nacht und suchte traurig ihre Kammer im vierten Stock des Hauses auf.

Aber am nächsten Morgen bemühte sie sich, der düste­ren Stimmung Herr zu werden. Als sie wieder hinteti der Ladentafel stand, in der kecken Verkäuferinnenschürtze, erwachte fast etwas von dem alten, kecken Temperament in ihr.