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। aus,, so wählt der Kongreß den Präsidenten für den I nächsten vierjährigen Termin aus der Zahl derjenigen I drei Kandidaten ,welche die meisten Stimmen erhalten I Haden. In diesem Falle aber hat jeder Staat nur je eine = I Stimme, und es kann bei dieser Wahlweise Vorkommen, . I daß das mutmaßliche Ergebnis der Elektorenwahlen voll- I ständig umgestoßen wird. Denn, während die Summe I der für die Elektoren abgegebenen Volksstimmen vielleicht I eine sehr bedeutende Mehrheit für den demokratischen I Kandidaten ergeben haben, und diesem nur die eine I einzige Elektorenstimme zur Erlangung der unbedingten I Stimmenmehrheit fehlen mag, kann bei der entscheidenden I Stichwahl nach den Staaten Möglicherweise die republi- I konische Partei den Sieg davontragen oder umgekehrt.
I Bekanntlich) zerfällt seit einem halben Jahrhundert I die Bevölkerung der Vereinigten Staaten in politischer I Hinsicht in zwei große Gliederungen, von denen sich I die eine die republikanische, die andere die demokratische I Partei nennt. Alle bisher in dem Sinne einer neuen I Gruppierung der politischen Gewalten gemachten Anstreng- I ungen sind gescheitert. Die „Grangers", die „Farmers I Parti", die „Populistenpartei" haben ebenso wie die I der „Know-Nothings" in den dem Bürgerkriege voran- I gehenden Jahren nur ein vorübergehendes Dasein geführt. I Der Kampf wird in Wirklichkeit immer ausgefochten I zwischen Republikanern und Demokraten, mag es sich um I örtliche Aemter, um Sitze in dem gesetzgebenden Par- I lamente der Staaten oder in dem der Zentralregierung, I oder um die Präsidentschaft oder Vizepräsidentschaft der I Union 'handeln.
I Die Bezeichnung „Republikaner" und „Demokraten" I ist eigentlich ungenau; die Demokraten sind ebenso wenig I Monarchisten wie der Republikaner, und diese nicht aristo- I irakischer als ihre Gegner. Die Ausdrücke sind mehr I geschichtlich aufzufassen, sie entsprechen durchaus nicht den I Gruppierungen der verschiedenen Interessen derer, die I sich! vor 20 oder 25 Jahren so nannten. Indessen läßt sich I doch, mit gewisser Bestimmtheit sagen, daß die großen I Bankiers, die Industriellen, die Millionäre New-Yorks I und Philadelphias, die Spekulanten, Professoren und I „Clergymen" Bostons zum großen Teil „Repnblikaner", I die Pflanzer des Südens und die Landwirte des Westens I dagegen „Demokraten" sind, die mit wechselndem Glück I in den letzten Dezennien um die Palme des Sieges I gerungen haben.
I Die Demokraten sind allerdings im Süden das vorherrschende Element, aber sie herrschen auch in dem Staate oder genauer in der Stadt New-York und machen den Republikanern eine gewisse Anzahl von Staaten des Nordens und Ostens streitig. Als sie 1884 nach längerer Pause wieder zur Macht kamen, hatten sie zum Führer einen klugen, charaktervollen Mann, M. Cleveland, bis dahin ziemlich unbekannt; berühmt aber mit einem Schlage, | als er von der Partei als Präsidentschaftskandidat gewählt wurde und die Repnblikaner besiegte, die sich bis dahin für unbesiegbar gehalten hatten. 1888 schlug der Republikaner Harrison den Demokraten Cleveland, aber 1892 wurde dieser wieder zum Präsidenten gewählt. 1896 unterlag der Silbermann Bryan dem Tarifmann Mac,- Kinley, und auch Heuer wird zwischen diesen beiden wieder hauptsächlich der Kampf ausgefochten werden. Schwer läßt sich sagen,.zu wessen Gunsten am 6. November d. I. die 13 Millionen Urwähler ihre Stimmen in die Urnen werfen werden. Sie werden sich! von anderen Gesichtspunkten leiten lassen diesmal wie srüher. Denn die eigentliche „issue", der Hauptbeweggrund des Kampfes, nämlich die Tariffrage ist jetzt in den Hintergrund getreten. Noch bei der Wahl Harrisons (1888) war diese Frage allein entscheidend, und sie brachte auch Mae-Kinley relativ die meisten Stimmen. Derzeit aber setzt sich, der Kern. des Streites aus anderen, nicht so volkstümlichen Forderungen —wie die Frage der Trusts, des Imperialismus, der Freisilberprägung — zusammen.
Nirgends kommt es so sehr auf Geld an als bei einer Wahl in den Vereinigten Staaten. Auf der demokratischen Seite steht nun freilich der große Westen, und die Besitzer der Silberminen sind leichtgläubig genug um von Bryans Freisilberfabel Wunder zu erhoffen und
Die Präsidentenwahl in Amerika.
Von Dr. I. Wiese.
Mac^Krntey, der augenblickliche Präsident der Ver- eimgten Staaten, der am 4 .März 1897 die Leitung der Geschäfte der Union in die Hände genommen hat wird seine vierjährige Amtsperiode am 4. März 1901 beendigen. Obwohl also der Nachfolger thatsäMch erst in etwa sechs Monaten in feine Rechte und Würden tritt, beschäftigt man sich! doch petzt schon in New-York bis San Franzisko öov! Ehieago ' bis New-Orleans mit großer Leidenschaftlichkeit mit der Frage, wer nach; ihm das „Weiße Haus" bewohnen und die Stellen vergeben wird. Kenner der Verhältnisse behaupten, daß der jetzige Wahlfeldzug einer oer „feinsten und interessantesten" werden würde, den Amerita pemals erlebt habe. Es dürfte deshalb gerade petzt, wo die Wogen der Wahlbewegung, deren Ausgang uns deutschen nicht gleichgiltig sein kann, hoch gehen, von Interesse fern, die näheren Verhältnisse, unter denen sVh. eine solche Wahl vollzieht, kennen zn lernen. Ein kurzes ^"gehen aus dw Staatsverfassung der Union ist zu dem Zwecke unerläßlich. 0
„ Die Vereinigten Staaten von Nordamerika bilden ein staatliches Gemeinwesen, das aus staatlichen Gemeinwesen, eine Republik, die aus Republiken, einen Staat, der doch aus Staaten besteht, die für seine Existenz nötiger sind
e.r f“r die ihrige ist. Der Bau, die Zusammensetzung dieses Gesamtftaates und die Einrichtung, die Regelung der Verhältnisse zwischen dem Zentralstaat unb den die Verfassung bestimmenden Einzelstaaten bildet die Haupteigentümlichkeit der amerikanischen Union. Der Einzel- | staat ist unter der Voraussetzung, daß seine Verfassung Mit der der Union im Einklang steht, vollständig unabhängig, kann sich, verwalten, wie er will, die Steuern I erheben, die er für gut hält, selbständig Schulden machen und alle Institutionen schaffen, die für feine Bewohner I und seine Verhältnisse geeignet sind. Die Krönung des I ganzen Staatsgebäudes bildet die Unionsregierung, welche I die Geschäfte der Vereinigten Staaten leitet. Die obersten I Regierungsgewalten gehen wie die der einzelnen Staaten I aus den direkten Wahlen der Bürger hervor. Die gesetz- I gebende Gewalt liegt in den Händen des Kongresses, I welcher §ich aus dem Senat (88 Mitglieder) und Abge- I ordnetenhause (356 Mitglieder) zusammensetzt, die voll- I ziehende in denen des Präsidenten.
Der Präsident der Republik wird nicht direkt vom I Volke erwählt, sondern die Parteien machen sich!, sobald I die Neuwahlen herannahen, über die Kandidaten für die I Präsidentschaft schlüssig und ernennen dieselben auf den I Nationalkonventen, welche zu diesem Zwecke einberufen I werden. Die Entscheidungen dieser von allen Staaten I beschickten Versammlungen sind bindend für sämtliche I Parteigenossen. Die letzteren, also das Volk, erwählen I dann an dem dafür bestimmten Tage nur die Wahl- I männer, die sogenannten Elektoren, deren Zahl gleich der I Summe der Abgeordneten und Senatoren der verschie- I denen Staaten ist, augenblicklich! also etwa 444 umfaßt. I Diese Wahlmänner sind je nach ihrer Parteistellung auf I die von ihren betreffenden Parteikonventen aufgestellten I Kandidaten verpflichtet; ihre Wahl ist daher in Wirk- I lichkeit entscheidend für den Sieg des einen ober des I an bereu Kanbibatem Gesetzlichsind die Elektoren allerdings I keineswegs genötigt, ihre Stimmen für bie aufgestellten I Parteikandidateu abzugeben; ba eine Abweichung von I diesem eingeführten Gebrauch jedoch! die schlimmsten Folgen I für denjenigen haben würde, welcher es wagte, die Partei- I disziplin in diesem wichtigen Punkte zu verletzen, so ist I die Präsidentschuftswahl seitens der Elektoren eigentlich I nur eine Teere Form, die indessen streng beachtet wird. I Vor versammeltem Kongreß wird nämlich am zweiten I Mittwoch des Februar des Jahres, in welchem' der Amts- I tertnin! des regierenden Präsidenten fein Ende erreicht, I seitens des Vizepräsidenten der Republik, der der Bor- I sitzende des Senats ist, öffentlich die amtliche Zählung I । der von den Elektoren abgegebenen Stimmen vorgemnmnen I 1 und das Ergebnis verkündet. Stellt sich hierbei etwa I i Stimmengleichheit für die Präsidentschaftskandidaten her-1 i


