Ausgabe 
2.10.1900
 
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den ersten Zug gethan hatte, zerbrach er fte zwcfchen den mageren, gelblichen Fingern und schleuderte fie fort. Es gab wieder eine längere bedrückende Stille. Tann sagte der Baron: m

Wie denken Eure Durchlaucht über eine Partre Ecartee? Das viele Sprechen ist in der That zu An­strengend nach einer so beschwerlichen Reise".

Nein. Ich bin nicht aufgelegt zu sprelen".

Der Blonde erheuchelte großes Erstaunen.Mem Gott, Arkadi Wassiljewitsch, Sie sind doch nicht krank? Kommen Sie ich werde'Sie ein wenig aufheitern. Sie haben dieses Freundschaftsopfer um mich verdcent".

Er erhob sich und ging zu dem kleinen Salon­flügel, der in einer Ecke des Gemaches stand.

Ich werde Ihnen Ihr Lieblingslied singen Pas Lied der Wolgaschiffer. Seitdem Fräulein Natascha es von mir gelernt und uns allabendlich damit entzückt hat, muß es Ihnen ja noch viel mehr »ans Herz gewachsen sein".

Er griff zu einem leichten Vorspiel in die Tasten, aber noch ehe er zu singen begonnen hatte, stand Fürst Suworin mit verzerrtem Gesicht an seiner Seite.

Genug mit diesen Herausforderungen, Herr Baron! Glauben Sie, daß ich langmütig genug sei, mich zu alle­dem von Ihnen auch noch verhöhnen zu lassen?"

Anscheinend Mehr belustigt als bestürzt wandte der andere den Kopf.Wie in aller Welt, Fürst Arkadr, sollte ich dazu kommen, Sie zu verhöhnen? . Sie hatten sonst so viel Gefallen an dem Liede"

Aber mit diesem Liede begann der schändliche Verrat, den Sie an mir geübt. Nicht wie mein Freund haben (sie sich in Petersburg aufgeführt nein, wre mein bitterster Feind! Sie haben mir Nataschas Liebe gestohlen. Leugnen Sie es doch, wenn Sie können, '-Herr Baron!"

Ich leugne garnichts; aber ich finde, daß ein Ecfer-- süchtiger immer eine lächerliche Figur macht. Und ich schlage vor, daß wir uns schlafen legen, wein bester Fürst".

Sie versuchen also nicht einmal, Ihre Falschheit zu entschuldigen. Es erscheint Ihnen vielleicht als etwas ganz Natürliches, daß Sie mich hintergingen?"

In Herzensangelegenheiten gilt von alters her das Recht des Stärkeren. Ein Mann von Ihren Erfahrungen, Fürst Arkadi, sollte das doch wissen".

Meine Erfahrungen können hier aus dem Spiel bleiben. Ich habe niemals einen Menschen betrogen, der mich für seinen Freund hielt. Und, offen 'herausgesagt ich war nach dem Vorgefallenen nicht darauf gefaßt, : daß Sie mich noch einmal nach Grigorjewo zurückbegleiten würden". .

Lieber Himmel, wenn ich gewußt hatte, daß Sw dce Spielerei so tragisch nehmen würden! Eine Person tote diese Natascha! Es hätte mich wenig Ueberwindung gekostet. Ihnen das Feld allein zu überlassen".

Der Fürst reckte seine kleine, magere. Gestalt und er­hob den Kopf, so daß er für einen Moment fast rmpo- nierend aussah.

Wer so von einer Dame spricht, um deren Gunst er sich noch soeben bemüht hat, ist kein Kavalier nach unserer barbarischen Auffassung nicht einmal ein Mann von Ehre, Herr Baron!"

Jetzt erst verschwand das Lächeln von dem Gesicht des Blonden. Er stand auf und nahm ebenfalls eine ge­messen feierliche Haltung an, die ihm übrigens nicht ganz so natürlich stand, wie dem anderen.

Ich genieße Ihre Gastfreundschaft, Fürst Suworin! Das macht es mir unmöglich, Ihnen zu antworten".

So dürfte es an der Zeit sein, Sie von dieser lästigen Rücksicht zu befreien".

Das heißt, Sie setzen mir den Stuhl vor die Thur?"

Ich gebe Ihnen nur die volle Freiheit zurück, ganz nach Ihrem Belieben zu handeln". .

,Pah! Sie wissen, daß mir ohnedies Ihnen gegenüber die Hände gebunden sind. Ich schulde Ihnen noch eine gewisse Summe und es ist nicht statthaft, seinen un­befriedigten Gläubiger wegen einer Beleidigung zur Rechenschaft zu ziehen".

Sie find im Irrtum, Herr Baron! Ihre Schuld ist beglichen. Wollen Sie die Gefälligkeit haben, hier ein­zutreten?"

Seine zornige Erregung schien verraucht; denn sem

gelbes Gesicht war jetzt kalt und unbeweglich. Er öffnete die Thür zum Nebenzimmer und lud seinen Gast mit höflicher Handbewegung zum Vorangehen ein. Schweigend leistete der Baron der Aufforderung Folge, und schweigend

ah er zu, wie Fürst Suworin ein Seitenschränkchen des mächtigen Schreibtisches öffnete, der zwischen den beiden hohen Fenstern dieses Gemaches stand. Mehrere ver­schnürte und versiegelte Päckchen wurden in dem bssenen Fach sichtbar. Suworin hob sie empor, um ein darunter befindliches Papier hervorzuziehen, das er langsam ent­faltete.

Nehmen Sie das/Dokument zurück. Ich habe keine Forderung mehr an Sie".

Aber der Baron streckte seine Hand nicht nach dem Schriftstück aus.

Es thut mir leid, daß ich Ihnen nicht gefällig fein kann. Ich sehe wohl. Sie möchten sich um dieser kleinen koketten Natascha willen gar zu gern mit mir schlagen, und selbst ein Opfer von zehntausend Rubeln scheint Ihnen dafür nicht zu hoch. Wer ich lasse mir nichts schenken und am wenigsten unter einer solchen Voraussetzung".

Wie es Ihnen beliebt!" sagte Suworin kalt.Ich kann Sie nicht zwingen".

Er riß den Schuldschein des Barons in Stücke. Dann verschloß er das Schreibtischfach wieder und drückte auf den Knopf des Telegraphen.

Sie wünschen ohne Zweifel schon zum Petersburger Kurierzuge in Botogowskaja zu sein. -Gestatten Sie also, daß ich Ihnen den Wagen für sieben Uhr früh bestelle".

Unter den dicken, blonden Brauen des Barons funkelte und sprühte es nun doch wie vor einem nahen Ausbruch der Leidenschaft. Aber die Aufwallung ging auch diesmal vorüber, ohne daß er die Herrschaft über sich selbst verloren hätte.

Ich werde künftig von russischer Gastfreundschaft etwas weniger überschwenglich denken, als bisher", sagte er mit beißendem Spott.Und ich rechne darauf, Fürst Suworin, daß wir diese Unterhaltung wieder aufnehmen, sobald meine Schuld bezahlt ist. Guten Abend!"

Er wandte sich zum Gehen, da er den Kammer­diener eintreten sah. Aber sobald er die Portiere hinter sich hatte herabfallen lassen, blieb er lauschend stehen. Er hörte, wie Fürst Arkadi mit ruhig klingender Stimme seinen Befehl erteilte:

Um sieben Uhr morgens die Troika für pen Herrn Baron! Und Du wirst dem Kutscher sagen, daß er zum Petersburge Kurierzuge in Botogowskaja sein muß. Uebrigens erwarte ich Dich nach zehn Minuten im Toilette­zimmer. Ich wünsche mich schlafen zu legen".

Nun erst setzte der Baron seinen Weg fort. Er hatte nur noch zwei kleine Gemächer und einen kurzen Gang zu passieren, um in sein Schlafzimmer zu gelangen. Der elegante Reisekoffer stand noch verschnürt und verschlossen da, so wie ihn vor kaum zwei Stunden die Diener hinein getragen.

Das überhebt mich der Mühe des Packens! j In Gottes Namen, Fürst Arkadi Wassiljewitsch Sie Haben es nicht anders gewollt".

Er klingelte nach dem Lakaien, den ihm der Fürst seit dem ersten Tage seines Aufenthalts im Schlosse für seine Person zur Verfügung gestellt hatte und ließ sich von ihm beim Auskleiden; Helsen. Dabei zeigte er sich ausnehmend heiter und gesprächig. Als sich der Diener mit unterwürfigem Gutenachtgruß zurückziehen wollte, drückte er ihm eine Banknote in die Hand.

Lassen Sie das, mein Freund", wehrte er ab, als der Beschenkte ihm unterwürfig die Hand küssen wollte. Ich möchte nur gerne hier bei jedermann in gutem Andenken bleiben".

Aber als er dann allein war, hatte er es durchaus nicht eilig, sich zur Ruhe zu begeben. In seinen langen Schlafrock von schwarzem Sammet eingehüllt und ein Paar leichte Schuhe aus' weichem Saffianleder an den Füßen, ließ er sich in einen Sessel nieder, anscheinend ganz damit beschäftigt, den bläulichen Rauchwolken seiner Zigarette nachzublicken und der gespenstischen Musik des Herbststurmes zu lauschen, der um das alte Fürstenschloß von Grigorjewo sein ungestümes Wesen trieb.

(Fortsetzung folgt.)