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ie Erfahrung lehrt, daß die Menschen nichts weniger in ihrer Gewalt haben, als ihre Zunge. Spinoza.
(Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ortmann.
Erstes Kapitel.
„Findert Sie nickst auch, Durchlaucht, daß diese Art der Unterhaltung auf die Dauer etwas eintönig wird?" — Es war ein langes Schcheigen, welches diese sarkastisch gefärbte Frage unterbrach. Seitdem der grauhaarige, geräuschlos auftretende Kammerdiener den letzten Gang des Soripers serviert, und sich dann auf einen Wink seines Gebieters Zurückgezogen hatte-war kein Wort mehr zwischen den beiden Herren gewechselt worden. Der Kleinere und Aeltere von ihnen, 'ein verlebter Vierziger mit schlaffem, gelblichem Gesicht und schweren Augenlidern, hatte während dieser langen Pause ein Zigarette nach der anderen geraucht, den Oberkörper weit in seinen Stuhl zurückgelehnt, mit tief auf die Brust herabgesunkenem Kinn, einem Schlafenden gleichend. Der andere aber, ein schöner, hochgewachsener Mann von herkulischem Körperbau, war in der ganzen Zeit sehr angelegentlich mit einer Flasche purpurnen Burgunders beschäftigt "gewesen, deren letzter Tropfen über seine Zunge geflossen war, bevor er jene ironische Frage an sein Gegenüber gerichtet. Im Gegensatz zu dem unverkennbar slavischen Typus des mageren Fürsten, bot er in seiner ganzen Erscheinung ein' Bild echt germanischer Manneskraft. Das wellige, blonde Haupthaar hatte einen leichten Atich ins Rötliche, ebenso wie der sorgfältig gepflegte Vollbärt, der nach französischer Mode spitz zugestutzt war. Das frische Gesicht mit der energischen, leicht geschwungenen Nase und den starken Augenbrauen ließ aus ein Alter von höchstens vierunddreißig Jahren schließen; die Haltung des Mannes war soldatisch straff, und in seinen Bewegungen war ebenso wie in seiner Ausdrucksweise jene unbefangene Sicherheit, die immer das Merkmal eines selbstbewußten Charakters ist. Die Art, wie er seine Ptugen über die zusammengesunkene Gestalt des anderen hingleiten ließ, mochte diesem wohl noch, spöttischer scheinen, als der Ton der Frage; denn er fuhr unwillig iempor und murmelte, während er das Stümpfchen seiner Zigarette heftig in die Aschenschale stieß, etwas Unverständliches, das sicher nicht für eine artige Erwiderung genommen werden (konnte. Tann stand er auf und begann in dem dunkel getäfelten,
prächtigen Speisezimmer, gegen dessen Fenster ein Herbststurm seine prasselnden Hagelschauer schleuderte, mit müden Schritten umherzuwandern.
„Ehrlich, gesprochen, mein teuerster Fürst Arkadi Wassiljewitsch — und bei allem schuldigen Respekt jvor den Herrlichkeiten Ihres gastfreundlichen Ahnenschlosses: es war eine rechte Dummheit, daß wir's so eilig hatten, bei solchem Wetter aus Petersburg nach Grigorjewa "zu- rückzukehren".
Der Blonde bediente sich der französischen Sprache. Sie kam ihm leicht und fließend über die Lippen, aber mit jenem Tonfall, der sogleich den Deutschen verrät. Ter Angeredete, der es nicht für nötig gehalten hatte, ihm auf seine erste Bemerkung eine ordentliche Antwort gu geben, hielt in seiner Wanderung inne.
„Wie es scheint, haben Sie sich in den letzten Tagen dort ganz besonders gut unterhalten, Herr Baron?" Seine Stimme hatte einen knurrenden, trockenen Klang, und etwas Lauerndes war in dem Blick, der unter den schweren Lidern hervor zu dem lächelnden Blonden hinüberflog.
„O, ich habe mich vortrefflich amüsiert, warum sollte ich es leugnen! Wenn ich michrecht erinnere, war dies ja auch der Zweck, zu welchem Eure Durchlaucht mich einluden, an dem Ausfluge teilzunehmen".
In dem gelben Gesicht des Fürsten zuckte es wie verhaltener Zorn. Er schwieg ein paar Sekunden lang, dann sagte er kurz: „Sie hätten in Petersburg bleiben sollen, Baron Hainau, wenn es Ihnen da so gut gefiel".
Auch über die Stirn des anderen flog ein Schatten. Noch im nämlichen Moment aber war wieder hie vorige sorglose Heiterkeit auf seinem Gesicht.
„Das kann nicht im Ernst Ihre Meinung sein, Fürst Suworin! Halten Sie mich sür einen undankbaren Menschen, der um des bloßen Vergnügens willen seine Freunde im Stich läßt? Habe ich drei Monate hindurch hier in Ihrer angenehmen Gesellschaft die Freuden.eines russischen Sommers genossen, so ziemt es mir, auch jetzt bei Ihnen auszuhalten, wo die Sache allem Anschein nach ein etwas langweiligeres Aussehen gewinnt. Ihre Geschäfte werden Sie ja am Ende nicht bis tief in den Winter hinein auf Grigorjewa festhalten".
„Wer weiß! Vielleicht habe ich mich entschlossen, kür eine Weile den Einsiedler zu machen".
„Den Einsiedler — Sie? Nein, mein Fürst, das glaube ich) Ihnen nicht mehr, seitdem ich Sie -in Fräulein Nataschas Empfangssalon gesehen. Wenn man ein so begeisterter Verehrer des schönen Geschlechts ist wie Sie, hält man's in solcher freiwilligen Verbannung nicht allzulange aus".
Schweigend trat Fürst Arkadi Suworin an den Tisch, um sich eine neue Zigarette anzuzünden. Aber als er


