Ausgabe 
2.9.1900
 
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(Nachdruck verboten.)

Geächtet.

Roman von Lothar Bren kendorf.

(Fortsetzung.)

Fräulein Charlotte mein liebes, verehrtes Fräu­lein ich beschwöre Sie, weinen Sie nicht mehr! Wenn ich irgend etwas thun kann, um Ihnen Schmerz und Betrübnis zu ersparen, und wäre es auch das schwerste, bei meiner Ehre, ich werde mich nicht besinnen! Aber Sie dürfen nicht so verzweifelt schluchzen, ich kann es nicht mit ansehen. Am Ende ist doch das Unglück gewiß nicht so groß, daß sich ihm nicht mehr abhelfen ließe."

Charlotte aber schüttelte heftig den Kopf.Nein, nein; wenn Sie ausgehört haben, Elisabeth zu lieben, ist alles verloren. Sie wird ihr Leben lang unglücklich sein, und ich ich habe es verschuldet." .

,,©o soll ich also wirklich glauben, daß Fräulein von Marschall nein wahrhaftig, es will mir nicht in den Sinn. Denn eigentlich hat sie mich doch immer recht übel behandelt."

Ich hätte es auch nicht für möglich gehalten", ge­stand Charlotte mit einer Aufrichtigkeit, die im Grunde nicht sehr schmeichelhaft für den Leutnant war.Aber sie ist so schwer zu durchschauen. Man weiß nie, was in ihrem Innern vorgeht, nnd dafür, daß ich mich damals getäuscht habe, dafür ich schwöre es Ihnen habe ich inzwischen die sichersten Beweise erhalten."

Herr von Kapnist schaute nachdenklich vor sich; dann bemächtigte er sich mit einem plötzlichen Entschlüsse ihrer kleinen Hand.

Ihnen zuliebe könnte ich alles thnn, Fräulein Char­lotte auch dies, wenn Sie mir sagen, daß es für die Ruhe Ihres Herzens notwendig ist. Bei Gott, Sie sollen nicht traurig sein, so lange ich noch ein Mittel besitze, es zu verhindern."

Sie sah aus thränenfeuchten Augen zu ihm auf und erwiderte kräftig den Druck seiner nervigen Rechten.

Wie gut Sie sind, Herr von Kapnist! Ich würde niemals aufhören, Ihnen zu danken, wenn Sie mein Ge­wissen von dieser fürchterlichen Last befreiten."

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f es Menschen Hirn faßt so

Unendlich viel, und ist doch manchmal auch

So Plötzlich voll von einer Kleinigkeit!

Lessing.

Irgend welche Freudigkeit klang dabei allerdings nicht aus ehren Worten, und der Leutnant hätte nach allem Borhergegangenen eigentlich eine viel wärmere Aufnahm« fernes opferwilligen Versprechens erwarten müssen.

Er machte denn auch alsbald eine kleine Einschränkung indem er hinzusügte:Freilich werden Sie mir gestatten müssen, mich zuvor zu überzeugen, ob Ihre Vermutungen nicht doch aus einem Irrtum beruhen. Denn, was Sie auch sagen mögen, es ist mir jedenfalls damals viel leichter geworden, Ihnen Glauben zu schenken, als heute".

Elisabeth ist so stolz. Sie wird auch jetzt zu ver­bergen suchen, was sie für Sie empfindet. Aber wenn Sre^ste nur einmal ernstlich auf die Probe stellen, wird sre sich schon verraten. Darüber hege ich, nach dem, was ich gesehen habe, nicht mehr den geringsten Zweifel." , . Daß . die unerwartete Erkenntnis, ein Gegenstand heimlicher Leidenschaft für die schöne Gutsherrin von Las- dehnen zu sem, dem guten Kapnist im Grunde nicht wenig schmeichelte, stand ihm auf dem Gesicht geschrieben, und obwohl yrautetn Charlotte, die auf eine so drastische Art die Heiratsvermittlerin zu machen suchte, darüber eigentlich nur das lebhafteste Vergnügen hätte empfinden sollen sch/eu es doch beinahe als ob sie plötzlich gerade deshalb alles Wohlgefallen an fernem Anblick verloren habe Sie wandte sich nach den letzten Worten ziemlich kiirz von ihm ab und setzte, ohne ihm erst Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, hinzu:Uebrigens brauche ich Ihnen wohl 9.M nicht erst zu sagen, wie Sie es anfangen müssen, sich Gewißheit zu verschaffen. Und nun tvill ich Sie an­melden, damit Ihre dienstlichen Interessen nicht länger Schaden leiden". a

Sie klopfte an die Thür von Elisabeths Zimmer und bedeutete ihn wenige Sekunden später durch einen Wink dort einzutreten. Sie selbst aber zog sich alsbald zurück, und nur etn stiller Winkel ihres Gemüsegartens sah die bitteren Thräneu, die sie ihrem holden Jugendtraum nachweinte.

Die überraschenden Eröffnungen, mit denen Fräulein von Menzelius ihn empfangen, trugen nicht gerade dazu bei, dem Seutnant von Kapnist Elisabeth gegenüber eine sichere und unbefangene Haltung zu geben. Er fand die junge Herrin von Lasdehnen schöner und imponierender denn je; aber das liebenswürdige Lächeln, mit dem sie ihn begrüßte, die gewinnende Art, wie sie ihm ihre Hand zum Kusse reichte, machten ihn verlegen, weil er darin jetzt verheißungsvolle Gunstbeweise sah, die vielleicht eine wärmere Aufnahme heischten, als seine Schüchternheit sie ihnen zu teil werden ließ So rettete er sich denn ans seiner Befangenheit schleunigst hinter feine dienstlichen Pflichten.