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scheinlich gar keinen Eindruck auf das Tier; da riß icty etUL Haselnußgerte ab und holte unmutig zu einem kräftigen Schlag aus, aber in derselben Minute klang von der andern Seite der Hecke in voller Empörung der Ruf:
„Was, die Liese schlagen!" Undeutlich unterschied ich neben dem Pferd einen kleinen zerzausten Kops und eine chwarze Kattunbluse, und schon war mir die Gerte aus der Hand gerissen, beschrieb einen Weg in der Luft und sauste pfeifend aus meine Wange, während dieselbe Stimme erregt hervorstieß:
„So! das ist der Schlag, der die Liese treffen sollte!"
Mit geballten Fäusten wollte ich vorwärts stürzen . . . denn mich von einem Weib . . . was sage ich! einem kleinen Mädchen schlagen lassen, war doch zu demütigend.... aber ich zerriß mir die Hände an den Dornen der Hecke ... und als ich glücklich hindurch war . . . da war mein Gegner schon weit fort. , c
Wie eine Katze hatte sich das Mädchen behende auf das Pferd geschwungen und trabte eilig davon.
Ich kühlte mir das Gesicht mit Gras und schließlich ging ich ziemlich verdrossen heim, allerdings mrt dem festen Vorsatz, dem alten Vetter nichts von meinem Abenteuer zu erzählen.
Mit einer Geduld, die eines Indianers würdig, legte ich mich nun auf die Lauer, um meine Feindin, denn so nannte ich sie im stillen, abzufangen. . . aber weder sie noch „die Liese" hatte icfy wiedergesehen, als der Vetter mir mitteilte, daß er mich seinen Nachbarn vorstellen wolle. Nach den Regeln der Etikette, die selbst auf dem Lande nicht außer acht gelassen wird, fingen wir unsere Besuche bei der alten „Baronin v. Krickwiel" an. Der Vetter er- zählte mir auf dem Wege nach dort, daß sie außerordentüch geizig und eine böse Frau sei! Daß sie in der ganzen Nachbarschaft gefürchtet und wenig beliebt, doch von allen gleichsam als Oberhaupt betrachtet würde, und sich sehr als „Aristokratin" aufspiele.
Die so schmeichelhaft geschilderte „Aristokratin" bewohnte ein halb zerfallenes, altes Schloß: in dem großen Hof, über den wir .mußten, wucherte das Gras lustig zwischen den Steinen, und der Salon, in dem uns die Schloßherrin empfing, war einst gewiß sehr schön gewesen: jetzt hatten die Motten an den alten Gobelins ihre Freude, und alles und jedes zeugte davon, daß nichts zur Erhaltung des Ganzen gethan wurde. Frau von Krickwiel, ein kleines verrunzeltes Frauchen, hatte für mich nur ein kurzes Kopsneigen! undmUterhielt sich sofort mit dem Vetter.
Nach einigen Minuten fragte der, wie es „Fräulein Linotte" gehe.
„Linotte!" sagte Frau von Krickwiel und hob wie abwehrend die Hände, „Linotte! ich habe keine Ahnung, wo sie ist . . . wahrscheinlich treibt sie sich- wieder mit ihrem dummen Tier herum . . . das Vieh kostet unnötig Geld! . . . Linotte ist wirklich verrückt!"
Und wie beim Wolf in der Fabel, wurde in dem Augenblick die Thür aufgerissen, und ein kleines Mädchen trat ins Zimmer.
„Ah! da bist Du ja", sagte die Baronin, „Du kommst gerade zu recht! Wir sprachen eben von Dir!"
- „Nun, Fräulein Linotte", .wandte sich der Vetter mit sichtlicher Freude an das junge Mädchen, „wie gehts und was macht die gute Liese?"
Die nnt „Linotte" Angeredete war im Begriff, die Frage zu beantworten, da erstarb ihr das Wort auf den Lippen, sie hatte mich gesehen nnd. . . erkannt!
Mir waren die schwarze Kattunbluse, der wirre Krauskopf und die braunen Augen, die so trotzig blickten, nur zu bekannt!
Ich fragte mich angstvoll: Was wird nun passieren?
Aber es passierte g'arnichts.
Fräulein Linotte wurde dunkelrot, wahrscheinlich so rot wie ich, stand eine Sekunde unschlüssig da und dann . . . machte sie furg' kehrt und war aus dem Zimmer verschwunden.
Ich atmete erleichtert auf. Frau von Krickwiel aber meinte höhnisch lachend: „So macht sie es nun immer! . . . Sowie sie ein fremdes Gesicht sieht, ist sie nicht zu halten ... für ihre 15 Jahre wirklich unglaublich !"
Dem Vetter Pankras war unsere beiderseitige Be-
Ich glaube, daß meine Freude bei dieser Verordnung schon den ersten Anstoß zu meiner Kräftigung gab. Meine Eltern freilich- freuten sich nicht!
Für sie kam die Lösung, der schwierigen Frage, wohin mit mir? um dem Rat des Arztes zu folgen. Sie konnten sich gar kein anderes Leben als das der Großstadt im allgemeinen und irrt „Geschäft" im besonderen vorstellen. Das „Geschäft", ein altes „Tuch en gros und en detail", in dem Vater und Mutter zusammen.fleißig für mich, ihren einzigen Sohn, schafften.
Ja, was mit mir anfangen, wo mich hinschicken? Diese Frage legte sich die gute Mutter wohl 20 Mal am Tage vor.
Endlich kam ihr eine Idee: Wie wär's? Beim Vetter Pankras?
Der Vetter Pankras war eigentlich gar kein „richtiger" Vetter, ja, die Eltern hatten sogar Mühe, den Verwandt- schastsgrad festzuhalten. Aber er war ein guter, freundlicher Mann, ein Original freilich/ aber darum doch! ein Ehrenmann. Seine 70 Jahre trug er noch sehr rüstig, und jeden Herbst kam er in seinem altmodischen, dunkelgrünen Tuchrock und mit seinem eisenbeschlagenen Stock nach! Paris, besuchte jedesmal die Eltern, machte allerlei Gänge, von denen er nichts erzählte und nach 8 Tagen verschwand er wieder in seine „Normandie", wie er zu sagen pflegte. Ein Jahr lang hörte und sah man dann nichts mehr von ihm. , t .
Obgleich die Mutter Bedenken hatte, mich in das Herrn des alten Junggesellen zu geben, so entschloß sie sich doch-, demselben zu schreiben und ihm die große Bitte, mich! als Gast bei sich- aufzunehmen, vorzutragen.
Die Antwort kam umgehend. In lakonischster Kürze stand da nur:
„Liebe Freunde!
Schickt mir den Jungen, er ist hier gut aufgehoben und kann so lange bleiben wie er will.
Herzlichen Gruß von Pankras."
Meine Reisevorbereitungen waren bald getroffen, und mit einem Gefühl unendlicher Freude fuhr ich ab, in die Freiheit, ins Unbekannte, in die große, lockende Ferne!
Vetter Pankras bewohnte ein altmodisches Haus, dessen Anblick mich gleich entzückte. Es lag auf einer Anhöhe, und man sah über weite Wiesenflächen die Seine ihr Silberband durch das fruchtbare Land schlängeln. Es war zur Frühlingszeit, und die mit Blüten überschütteten Bäume in ihrem leuchtenden Weiß oder zarten Rosa waren entzückend. Noch nie hatte ich, das Kind der Großstadt, derartiges gesehen! Vetter Pankras freute sich über meine Freude und lächelte leise. Er verstand mein Verlangen nach Luft und nach Freiheit.
In seiner kurzen und doch- so sreundltchen Art sagte er mir am ersten Tage/ den ich! unter seinem Dach zubrach-te: „Jungchen, Du mußt Dich ordentlich! herumtrerben, auf den Wiesen, gerade wie meine jungen Fohlen es thun. Geh, laufe und thu, was Dn willst, Du bist hier zu Hause."
Daß dieser Vorschlag meinen vollen Beifall fand, bedarf wohl keiner Erwähnung, und als ich dem alten Mann danken wollte, da wehrte er ab und meinte: „Ja, ja, ser faul rrud vergiß alt den Ballast, den Du, Dir in den Kopf hinein gepreßt, komm mit, ich, will Dir einen Platz zetgen, wo Du ganz ungestört sein sollst, da kannst Du Dich ins Gras legen und in den blauen Himmel gucken!"
Es war ein reizendes Fleckchen, an das der alte Mann mich hinführte. Am Waldrand eine große Wiese, ein murmelnder Bach, und durch eine hohe blühende Hecke war mein Reich gleichsam von der Welt abgeschlossen.
Am nächsten Morgen konnte ich es kanm erwarten, von „meinem" Eigentum Besitz zu ergreifen.
Doch kaum war ich dort angelangt, als ich! ent Rascheln von Zweigen hörte. Leise, ein bißchen furchtsam, ich! gestehe es, schlich ich! nach der Richtung, wo sich das eigen» tümliche Geräusch noch immer hören ließ, und gleich daran schrie ich zornig ans, denn ein weißes Pferd, von dem man fast nur den Kopf sah, hatte sich durch eine Lücke der Hecke gedrängt und nagte ruhig all die zarten, grünen Trtebe, ja die Blumen und Blätter ab, über die ich mich so gefreut Reifte!
Ich versuchte, das Tier fortzuscheuchen, aber das Pferd fraß munter weiter, und meine Gegenwart machte äugen-


