Ausgabe 
2.8.1900
 
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zu überreichen, warf sich Elisabeth mit einem Aufschrei zwischen ihn und den Vater.

Halten Sie ein! Um Gottes Barmherzigkeit willen, Vater hören Sie mich an!"

Was giebt's?" fragte der General finster.Was hast Du zu sagen?"

Sie hatte das Geständnis ihrer Schuld auf den Lippen; doch Sixtus von Plothow kam ihr zuvor:Ich danke Ihnen von Herzen, Fräulein von Marschall, daß Sie für Ihren Lehrer um Gnade bitten wollen; aber der König allein vermöchte hier Gnade zu üben. Jedes Wort, das Sie jetzt für mich einlegten, würde mir die Pein dieser Augenblicke nur vermehren, und es liegt sicher­lich nicht in Ihrer Absicht, mir Schmerz zu bereiten".

Sie konnte den eigentlichen Sinn dieser Worte nicht mißverstehen, und mehr noch als der innig flehende Ton, in dem sie gesprochen waren, erschütterte der Blick, den der unglückliche junge Mann dabei auf sie richtete, ihren soeben noch felsenfesten Entschluß. Laut aufschluchzend ver­barg sie das Gesicht in den Händen.

Geh auf Dein Zimmer, Elisabeth!" befahl der Ge­neral rauh.Das sind keine Affairen für Frauensleute und Kinder".

Sie zauderte noch!, doch da sie die Augen abermals zu Plothows Antlitz erhob, las sie darin eine Bitte, der zu widerstehen sie nicht Kraft genug besaß. Für die Dauer weniger Sekunden nur ruhten die Blicke der beiden jungen Menschenkinder ineinander; aber innerhalb dieser winzigen Zeitspanne sagten sie sich dennoch alles, was ihre Seelen bewegte. Und wie düster immer die Zukunft vor ihnen liegen mochte, jedes von ihnen empfand doch mit schmerzlich^süßem Glücksgesühl, daß diese letzten Minuten ein unzerreißbares Band zwischen ihnen geknüpft hatten, daß sie von nun an untrennbar zusammengehörten für Zeit und Ewigkeit. In dem stummen Lebewohl ihrer Augen war mehr heiße Beredtsamkeit als in tausend glühenden Worten, und auf Sixtus von Plothow's Antlitz wäre ohne Zweifel derselbe eigentümlich freudige Glanz gewesen, auch wenn es für ihn gegolten hätte, von hier aus geradeswegs in den Tod zu gehen.

Der General räusperte sich ungeduldig. Er war nicht gewöhnt, einen bestimmt ausgesprochenen Befehl so lang­sam befolgt zu sehen. Gesenkten Hauptes ging Elisabeth zur Thür. Auf der Schwelle aber raffte sie noch! einmal all ihren Mut zusammen und sagte, zu dem Leutnant gewendet, mit fester Stimme:Auf Wiedersehen, Herr von von Plothow! Wenn mein Vater nichts für Sie thun kann, muß ich mich freilich wohl an den König um Gnade wenden. Und ist er in Wahrheit weise und großmütig, wie alle Welt von ihm sagt, so kann er eine That der Barmherzigkeit nicht wie ein Verbrechen bestrafen."

Elisabeth !" rief der General mit drohend zusammen­gezogenen Brauen, doch sie wartete nicht ab, was er ihr noch zu sagen gedachte. Nur zu deutlich fühlte sie, daß ihre Widerstandsfähigkeit erschöpft sei und daß, sie in der nächsten Minute hier vor den Augen! der Männer zu­sammenbrechen würde, wenn sie nicht den letzten Rest ihrer Kraft aufwandte, um sich zu entfernen.

In der That trugen ihre Füße sie kaum noch! bis in ihr Zimmer zurück. Als Sixtus von Plothow als Ge­fangener das Haus verließ, und einen letzten sehnsüchtigen Blick nach dem wohlbekannten Fenster emporsandte, suchte er umsonst den seinen Umriß des geliebten Kopfes hinter den Scheiben. Elisabeth von Marschall wußte nichts mehr von all den schmerzlichen Dingen, die sich da draußen ab­spielten, denn sie lag matt und bleich in tiefer Ohnmacht auf den Kissen ihtes Lagers. ,

Fünftes Kapitel. 1

' Wohl ohne es selbst zu ahnen, hatte der General von Marschall ern prophetisches Wort gesprochen, da er den beginnenden Feldzug eine Kampagne nannte, wie sie in Preußens Geschichte noch nicht dagewesen. Der Krieg, den König Friedrich gegen das halbe Europa begonnen hatte, war nicht mit einigenglorreichen Viktorien" abgethan, welch unvergängliche Ruhmesblätter im goldenen Buche des Preußenheeres die Namen Roßbach,, Leuthen, Zorndors auch immer bedeuten mochten. Sieben lange Jahre hin­durch! kämpfte der geniale Heerführer mit wechselndem

Glücke gegen die Feinde, die ihm immer von neuem auf allen Seiten erstanden, wieder und wieder durchraste die Kriegsfurie mit ihrem ganzen schrecklichen Gefolge von Greueln, Not und Verwüstung sein armes, hart geprüftes Land und wenn ihn auch seine nimmer erlahmende That- kraft, sein staatsmännisches Geschick und eine Reihe günsti­ger Zufallsfügungen schließlich! als Sieger aus dem auf­reibenden Streit hervorgehen ließen, so war es doch, keines­wegs die Stimmung eines glückberauschten Triumphators, die ihn angesichts des so teuer erkauften Erfolges überkam.

Die feierliche Einholung, die nach dem am 15. Februar 1763 erfolgten Abschluß des Hubertusburger Friedens seine getreue Hauptstadt dem mehr als sechs Jahre hindurch entfernt gewesenen Könige bereiten wollte, hatte er da­durch vereitelt, daß er absichtlich erst zu später Abendstunde in Berlin eintraf, und mit welchen Empfindungen er in dieser Winternacht das Schloß seiner Väter wieder betrat, davon legen die von ihm selber niedergeschriebenen Worte Zeugnis ab:Ich armer Greis kehre in eine Stadt zurück, wo ich nur die Mauern kenne; wo ich keinen von meinen alten Bekannten wiederfinde, wo eine unermeßliche Arbeit mich erwartet, und wo ich! in kurzem meine alten Gebeine in einem Asyle bergen werde, welches weder durch Krieg, noch durch Unglücksfälle, noch durch die Verworfenheit der Menschen gestört wird".

Und unermeßliche Arbeit harrte in der That des Regenten, der sich allezeit nur alsden ersten Dienex des Staates" ansah. Nun, da die politischen Erfolge des Krieges in Sicherheit gebracht waren, galt es vor allem, die Wunden zu heilen, die dieser grausame Krieg ge­schlagen. Friedrich der Große selbst schildert den da­maligen Zustand seines Landes treffend und anschaulich genug, wenn er in seinem Geschichtswerke schreibt:

Man kann sich den preußischen Staat nicht anders vorstellen als in der Gestalt eines Mannes, der, mit Wunden bedeckt, von Blutverlust ermattet, daran ist, unter der Wucht seiner Leiden zu erliegen. Er bedurfte frischer Nahrung, um sich wieder zu beleben, Spannkraft um sich wieder zu stärken, Balsam, um seine Wunden aus­zuheilen. Der Adel war im Zustande der Erschöpfung, die kleinen Leute zu Grunde gerichtet; eine Menge von Ortschaften war verbrannt, viele Städte zerstört, teils durch Belagerung, teils durch die Brandstifter, deren sich die Feinde bedient hatten. Eine vollständige Anarchie hatte die Ordnung der Polizei und der Verwaltung umgestürzt; die Geldverhältnisse waren zerrüttet, kurz, die Verwüstung war allgemein. Die Armee war in keinem besseren Stande als das übrige Land. Siebzehn Schlachten hatten die Blüte der Offiziere und der Soldaten dahingerasft. Die Regi­menter waren verfallen und bestanden zum Teil aus Ueberläufern oder Gefangenen. Die Ordnung war fast verschwunden und die Kriegszucht so arg gelockert, daß unsere alten Jnsanteriekorps nicht besser waren als eine ungeschulte Miliz. Es galt, die Regimenter zu ergänzen, die Ordnung und Disziplin herzustellen, vor allem die jungen Offiziere durch den Spvrn des Ruhmes zu beleben, um dieser herabgekommenen Waffe ihre alte Thatkraft wiederzugeben".

(Fortsetzung folgt.)

Die Liese."

Novellette von Jean de Moulhdas.

Autorisierte Uebersetzung von A. Heim.

Nachdruck verboten/

Als ich!sie", die Liese, zum ersten Mal sah, war ich! ein großer, zu rasch in die Höhe geschjossener Schüler. Ich! war blaß und schwächlich, konnte meinen Körper nicht stramm aufrichten, und wußte nicht, wo ich mit meinen überlangen Armen bleiben sollte.

Lernen und wieder lernen und gebückt über den Büchern sitzen in den, dumpfem Klassenräumen oder in der elterlichen Wohnung, daraus bestand mein Leben.

Und so kam es denn, daß eines Tages der ermüdete Kopf nichts mehr in sich; aufnehmen wollte, und der Arzt den Eltern dringend anriet, mich eine, Weile aus der Schule zu nehmen und aufs Land, an die See, gleichviel wohin, nur aus der Großstadt fortzuschicken.