Ausgabe 
1.11.1900
 
Einzelbild herunterladen

622

Volkszählung.

Eine volkswirtschaftliche Betrachtung.

Von '®r. Albert Lüders.

(Zu der bevorstehenden Volkszählung.)

Nachdruck verboten.

Nur wenige Wochen trennen die Bevölkerungen Deutschlands wie Oesterreich-Ungarns noch von dem Zeit­punkt, an dem wiederum eine genaue Ermittelung der innerhalb der Staatsgrenzen befindlichen Bevölkerung stattfindet. Dieses wichtige Ereignis wirft schon, jetzt seine Schatten voraus. Längst sind in vielen Millionen von Exemplaren die Drucksachen fertiggestellt, in denen an den Tagen der Zählung die Eintragungen über die persönlichen Verhältnisse von mehr als 55 Millionen

druck! leiden sollten. Schließlich aber ist es doch mein i zu nehmen. Der Gedanke, nur durch eine dünne Wand Lebensglück, das hiev auf dem Spiele steht, und nicht I von, Menschen getrennt M sein, tue ich nicht kenne und tma I die möglicherweise zweifelhafte Charaktere sein konnten,

Und idji meine, der Herr Staatsanwalt wird sich, I erfüllt michmnit beständigem Unbehagen und verkürzt mir tottPH pa (Vita [iinfiem Eiaenlinn rum äußersten I sogar den, Schlaf meiner Nächte. Es ist bei» gewiß eine kommen zu'lassen. Man verzichtet nicht ohne zwingende I große Thorheit, aber sie läßt sich, vielleicht entschuldigen Not auf ein so köstliches Geschenk, wie die Götter es ihm | bei einem Manne, der, wie ich, das Treiben der Welt

Halten Sie es wirklich für so köstlich?" fragte sie I Sandory sprach mit liebenswürdigem Lächeln die Zu- Hailen ute e». rortiuuji |u , i ; ' verficht aus, daß Herr Eschenbach nun an diesem Abend

Ich darf es ja leider nicht aussprechen, wie sehr I ruhiger ein schlafen werde, und es war so wenig Spott

ick» ihn darum beneide." I in seinen Worten, daß der andere ihm freundlichzumckte

Er hatte sich noch näher gegen sie geneigt, aber sie I und mit der Mitteilsamkeit eines völlig arglosen Menschen

machte eine leicbt abwebrende Bewegung. | ohne viele Umschweife von dem Zweck seines Waldenberger

Es ist wahr, wir sollten nicht über solche Dinge I Aufenthalts zu sprechen begann. Man habe ihm das

sprechen. Natürlich kommen Sie doch aus das Fest?" I Klima der Stadt als besonders zuträglich gerühmt, und

' Da ich weiß, daß ich Sie dort finden werde, gewiß." I er wolle sich darum hier irgendwo eine hübsche Villa "Fch würde "auch keine Entschuldigung gelten lassen. | kaufen, wo er in Ruhe und Behagen ganz semen wissen- Aber ^liun aeben Sie lieber Freund' Mein Vater kann I schaftlichen. Arbeiten leben könne. Natürlich muffe er sich Zen MgeÄick hellnkehren, und wenn ich Ihren Be- zunächst über die hiesigen Verhältnisse die ihm fa ganz slicki! mrrfii nicht als eine Heiinlichkeit behandeln werde, I fremd feien, em wenig orientieren, und es sei das für ist es doch nicht gerade notwendig, daß er Sie noch hier I einen etwas unpraktischen Menschen seines Schlages leider indet" I eine äußer,t schwierige Aufgabe.

Es war ein sehr fühlbarer, fast heißer Händedruck, ISo gestatten Sie mir vielleicht, verehrter Herr, daß

«Wie gE-t. w° II- q» sulcht g-sch-u. - I bm Mmgm »-Kn^^bgt-N

Im Gastzimmer desKönig von Spanien ,ah Rudolf I Wanderlebens einigermaßen daran gewöhnen müssen, Sandory, als er eme halbe Stunde später dort emtiat, I Manschen und Dinge mit raschem Blick zu erfassen, imb den langen, mageren Herrn wieder, dem er heute schon I .. ,lande wohl, daß ich die hiesigen Verhältnisse heute einmal in Franz Norrenbergs Kontor begegnet war. Er I Breits ziemlich richtig beurteilen kann." saß jetzt, von Zeitungen umgeben, an einem abseits I @ie sind außerordentliche gütig, mein lieber Herr!

stehenden Tischchen und schien ganz in der Lektüre eines I toei& qar Eit, womit ich soviel Freundlichkeit ge-

Blattes vertieft. Sein Aeußeres erschien wie ein äugen- I zsihrend vergelten soll. Aber es wäre doch wohl allzu fälliger Beleg für die Behauptung des Staatsanwaltes, I ^bescheiden, wenn ich Ihre kostbare Zeit mit meinen daß jeder Mensch das Gepräge seines Berufes Mit sich I bedeutenden Angelegenheiten in Anspruch nehmen herumtrage. Man konnte sich m der That kernen voll- i

kornrneneren Typus eines harmlosen Stubengelehrten I q ba§ anbetrifft", lachte Sandory,so machen denken, sowohl in Bezug aus die pedantisch sorgfältige 1 @.e 7.$. barum jeine Sorge! Ich bummle nur noch zu

Kleidung, die einer längst vergessenen Mode angehorte, I meinem Vergnügen in dep Welt hemm und habe durchaus

als hinsichtlich des hageren, bartlosen Antlitzes, das zwar I u üermumen. Wenn Sie wollen, machen wir gleich

einen klugen, durchgeistigten Ausdruck, zugleich aber etwas I natf be°m Mittagessen einen Spaziergang durch die Stadt,

beinahe kindlich Gutmütiges hatte. I q-ür ;efet Er möchte ich Sie nicht länger in Ihrer Lektüre

Sandory hatte ebenfalls eine Zeitung genommen und £

und sich an einem anderen Tische niedergelassen. Als ihm 1 sAsiitelten. sich die Hände, und Sandory kehrte der Kellner die halbe Flasche Rheinwein brachte, die er I an re^nei't zurück. Nach einer kleinen Weile erhob bei seinem Eintritt bestellt hatte, erkundigte er sich Iet)e I ..1 '^err gx.anj Eschenbach, grüßte noch einmal sehr artig

nach dem Namen des Fremden. I zu ihm hinüber und verließ das Gastzimmer. Es war

Er hat sich als Franz Eschenbach, Privatgelehrter I | Mittagsstunde, als er aus dem Portal des

aus Hamburg, eingeschrieben, Herr Sandory ! I König tion Spanien" heraustrat und den Weg nach

Ah, er wohnt also hier im Hanse? I Postgebäude einschlug. Er hatte nur einen einzigen

Jawohl, fern Zimmer liegt unmittelbar neben dem I |n bert haften zu werfen, aber es mochte wohl Ihrigen." I feinen ängstlichen und pedantischen Gewohnheiten ent-

llnd er wird sich längere Zell hier aufhalten k I sprechen daß er es für nötig hielt, dies in eigener Person 'Darüber kann ich leider keine Auskunft geben. Aber hi

wenn ich recht gehört habe, sprach, er zu Herrn Schwan- I « lt,nbJgtubo(f Sandory würde es gewiß einigermaßen slügel davon, daß es seme Absichtsei, sichhier anzukaufen. I tz^remdlich gefunden haben, wenn er hätte sehen können, In diesem Augenblicke ertönte von dem anderen ! l. b^sir 'Brief des schüchternen Hamburger Privat- Tische herüber die Stimme des Fremden, eme leise, an- " |L otej[ an keinen andern als an den Chef der Kriminal- genehme, fast schüchtern klingende Stimme. I 2nfi/pi ... Merlin aerickitet war

Hören Sie, Kellner, ich würde Ihnen sehr dankbar Wet S" 'öetlm 0 Stfeüuna folgt) sein, wenn Sie mir auf einige Minüten die Kölnische I (Fortsetzung TOigtj

Zeitung verschaffen wollten."

Gerade diese war es, die Sandory in den Händen hielt, und er erhob sich sofort, um mit großer Zuvor­kommenheit dem anderen das Blatt zu überreichen. Herr Franz Eschenbach schien über diese Höflichkeit fast in Ver­legenheit zu geraten. Er wollte einige bescheidene Ein­wendungen erheben, und er nahm die Zeitung erst, als Sandory wiederholt versichert hatte, daß er selber ge­dankenlos und ohne jede beftimmte Absicht danach ge­griffen habe. Man stellte sich gegenseitig vor, und der Hamburger schien sehr erfreut, als er erfuhr, daß er in Sandory seinen Zimmernachbar kennen gelernt habe.

Lachen Sie mich wegen dieser Wunderlichkeit nicht aus", sagte er.Aber ich bin in meinem Leben so wenig gereist, daß ich mich immer ganz unglücklich fühle, wenn ich doch einmal genötigt bin, in einem Gasthofe Wohnung