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Reichsdeutschen und 45 Millionen Oesterreichern und Ungarn zu erfolgen haben; die Gemeinden versichern sich bereits in ausgedehntem Maße der Mithilfe der Einwohnerschaft beim Zählwerke und finden namentlich in der Lehrerschaft, aber auch in allen anderen einsichtigen Be- vötkerungsschichten ein zuverlässiges und dienstbereites Heer von Zählern!, und von den Kathedern der Schulen erfolgen Belehrungen über das Wesen und die Bedeutung der Volkszählung, die um so nötiger sind, als ein großer Teil der Landbevölkerung noch immer nicht begreifen kann, daß der Staat das kostspielige und mühsame Zählungswerk zu einem anderen Zwecke veranstalte, als um hinter die Privatverhältnisse seiner Bürger zu kommen und die Steuerschraube anzuziehen.
Aber auch in Kreisen, wo man wohl ein besseres Verständnis für die Wichtigkeit einer Volkszählung voraussetzen könnte, herrschen über die Aufgaben einer solchen viele Unklarheiten, und so hört man denn vielfach die Frage, ob der mühevollen Arbeit von Hunderttausenden und einem an die Million gehenden Kostenaufwand denn auch die Ergebnisse entsprächen.
Tiefen Zweifeln könnte man schon durch den einfachen Hinweis darauf begegnen, daß schon in den ältesten Zeiten Volkszählungen veranstaltet worden sind. Die babylonischen Könige haben häufig die Köpfe ihrer Unterthanen gezählt; im Jahre 500 vor Christus ließ König Amasis die Bevölkerungszahl Aegyptens feststellen; ein ganzes Buch des Pentateuchs, nämliche das vierte Buch Mosis, ist zum großen Teile mit den Ergebnissen von Volkszählungen angefüllt und verdankt diesem Inhalt auch den Titel „Numeri"; im alten Rom wurde schon seit den Zeiten des sechsten Königs Servius Tullius -alle fünf Jahre gezählt, und unter Augustus fand eine Volkszählung in Rom eigens zu dem ausgesprochenen Zweck der besseren Veranlagung der Einkommensteuer statt, über deren ungerechte Verteilung — ganz wie bei uns — sich die Bewohner der Siebenhügelstadt schon vor 1900 Jahren beschwerten. Das Mittelalter, welchem die Fragen nachdem zukünftigen Jenseits viel wichtiger waren, als die reelle diesseitige Gegenwart, hatte natürlich für die praktischen Aufgaben des Staates keinen Sinn. Adel und Kirche, die Säulen der damaligen feudalen Staatsordnung, hatten es sich mit Zehnten und Frohnden in diesem irdischen Jammerthale ja recht bequem eingerichtet, und kein Bedürfnis, durch- eine Zählung der arbeitenden Menschheit die Menge der von ihnen Unterdrückten festzustellen, und selbst der König in Thule „zählte nur seine Städte im Reich". Nur die damaligen Städterepubliken im südlichen nnd westlichen Deutschland hatten gelegentlich das- Verlangen, die Zahl ihrer Einwohner sestznstellen.
Regelmäßige, sorgfältig vorbereitete und genau kontrollierte Zählungen fanden in den größeren Staaten erst seit deni 18. Jahrhundert statt, so z. B. zuerst in Schweden int Jahre 1748, in den amerikanischen Unionsstaaten seit 1790, in England und Frankreich seit 1801, in Preußen seit 1816, in Holland seit 1819, in Italien seit 1838, in der Schweiz seit 1841 und in Belgien seit 1846. Seitdem haben sich aber sämtliche Kulturländer dazu entschlossen, in regelmäßigen Zwischenräumen ihre Bevölkerungszahl festzustellen, wobei Großbritannien eigentlich das Meisterstück geleistet hat, indem es 1891 durch eine musterhaft angelegte Zählung binnen wenigen Stunden die Bevölkerungs- anfnahme seines Dreihundertmillionenreiches Ostindien durchführte.
In den meisten Ländern wird nur alle zehn Jahre gezählt; hierher gehören Oesterreich-Ungarn, Großbritannien, Schweden-Norwegen, Dänemark, Holland, Belgien, die Schweiz, Italien, Spanien, Portugal und die Vereinigten Staaten von Nordamerika, während in Deutschland, Frankreich, Bulgarien und Serbien die Zählungen alle fünf Jahre erfolgen. Rußland hat seine erste allgemeine Volkszählung überhaupt erst im Jahre 1897 veranstaltet und bindet sich auch für die Zukunft ebenso wenig wie Griechenland an einen bestimmten Termin. So verschieden wie die Intervalle, sind auch die Zeitpunkte der Zählungen. Während Deutschland regelmäßig am 1. Dezember der Fünferund Zehnerjahre zählt, wird in Oesterreich-Ungarn nach dem Bevölkerungsstande der Jahrzehntwenden (31. Dezember 1890—1900 — usw.) im darauffolgenden Januar
und Februar gezählt. Großbritannien zählt im April jedei» ersten Jahres der Jahrzehnte, also 1891, 1901 usw. Frankreich wählt den Mürz (oder April oer Jahre 1896, 1901 usw.; Spanien zählte zum letzten Male am Sylvestertage 1897; Rußland, welches eigensinnig noch immer am alten julianischen Kalender festhält, bestimmt den 28. Februar alten Stils als Zähltag, und die Nordamerikanische Union wählte hierzu den 1. Juni.
Diese Verschiedenheiten des Termins haben natürlich zur Folge, daß die Gesamtbevölkerung Europas sich auch nicht für einen einzigen Tag annähernd genau bestimmen läßt, und daß die Fehler der Schätzungen sich immerhin auf etliche Hunderttausende belaufen. Von einer auch nur annähernd richtigen Feststellung der Einwohnerzahl der ganzen Erde sind wir aber noch unendlich weit entfernt; denn die Schätzungen der Bevölkerung Chinas schwanken allein zwischen 250 und 380 Millionen, und Afrika, der schwarze Erdteil, kann ebenso gut 200 wie 300 Millionen Menschen enthalten.
Für Deutschland speziell wird die Zählung im diesjährigen Dezember den Beweis eines höchst erfreulichen Aufschwunges der Bevölkerung erbringen. Schon im 8. und 9. Jahrzehnt vermehrte sich trotz der erheblichen Bevölkerungsverluste durch Auswanderung die Einwohnerzahl um durchschnittlich 400 000 Köpfe im Jahr, sodaß sie von 41058 792 im Jahre 1871 auf 49 428470 im Jahre 1890 stieg. Seitdem aber hat die Volksvermehrung ein rapides Tempo angenommen; denn schon in den daraus folgenden fünf Jahren bis 1895 wuchs Deutschlands Einwohnerzahl auf 52 279 901, also um 2 815 431 Köpfe, was einer jährlichen Zunahme von 563 086 Personen gleichkommt. Im Jahre 1897 war sie bereits auf 53530 000, im Jahre 1898 auf 54 324 000 gestiegen, und da die Auswanderung sich auch in den beiden letztverflossenen Jahren in mäßigen Grenzen bewegt hat, kann Deutschland für den 1. Dezember d. I. auf eine Bevölkerung von rund 56 Millionen rechnen.
Dieses Wachstum übersteigt das aller anderen ©taa* ten Europas, selbst jener, welche, wie Rußland, Ungarn und Serbien, eine ungeheuer große Geburtenzahl auszuweisen haben, der allerdings dort, wo ein Kindesleben keinerlei Wert hat, und die zärtliche Liebe, wie sie die deutsche Mutter für ihr Kind hat, das Neugeborene nicht umgiebt, eine überaus große Kindersterblichkeit gegenübersteht. Sie wird natürlich bei weitem übertrosfen von manchen transatlantischen Staaten, in welche sich fortwährend ein reicher Strom von Einwanderern ergießt, wird aber voraussichtlich noch lange der Gegenstand bittersten Neides seitens unserer französischen Nachbarn sein, bei denen ein ziemlicher Stillstand in der Volksvermehrung eingetreten ist und in manchen Jahren die Sterbeziffer die der Geburten sogar übertrifft.
Es wird sich gewiß schon mancher darüber gewundert haben, warum inan in Deutschland gerade den Anfang des klimatisch häßlichsten Monats zum Zähltag gewählt hat, und nicht das Jahresende oder den Jahresansang. Für letzteres Datum spräche allerdings der Umstand, daß es mit dem größten Abschnitt unserer bürgerlichen Zeitrechnung zusammenfiele; im übrigen aber eignen sich Neujahr oder Sylvester aus vielen Wderen Gründen nicht für die Vornahme der Volkszählung.
Die Zählung geht von der Wohnung oder dem Wohnhause als unterster örtlicher Einheit und Unterlage au§, muß also in eine Zeit fallen, in der die Menschen schon wegen der Witterungsverhältnisse zum Aufsuchen eines schützenden Daches geneigt sind und sich an ihren gewöhnlichen Wohnstätten befinden. Diesem Erfordernisse entspricht nun zwar die Winterszeit im allgemeinen; andererseits soll aber auch die Volkszählung zu einem Zeitpunkte stattfinden, wo der Vornahme derselben noch nicht gar. zu ungünstige Schneeverhältnisse auf dem Lande und im Gebirge entgegenstehen, was am Jahresschlüsse meistens schon der Fall ist; obendrein steht aber der Neujahrstag noch unter dem Einflüsse des Weihnacht-festes, welches Hunderttausende auf kürzere oder längere Zeit von ihrem gewöhnlichen Wohnsitze dorthin auf Reisen führt, wo sich ihnen im Kreise von Verwandten oder Bekannten die Möglichkeit bietet, das Fest, welches dem deutschen Gemüt am teuersten ist, weihevoll zu begehen. Aus allen diesen


