Ausgabe 
1.11.1900
 
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Donnerstag den 1. November» j

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ÄÄff lgä'-a|a/> komm' in uns'rc Gassen!"

(Ä^ Sagt das Spätzchen,vor den Thoren V V Geht ja dein Gesang verloren.

Hier in den belebten Straßen

Hören dich die feinsten Ohren."

Kritteln mich die schärfsten Zungen," Hat die Lerch' ihm zugesungen, Und ich fänd' im Stadtgewimmel Keine Saaten, keinen Himmel."

Albr. Em. Fröhlich.

(Nachdruck verboten.)

Unter dem Schwerte der Themis.

Roman von Reinhold Ort mann.

(Fortsetzung.)

Dora, die sich lässig in einen Sessel geivorfen hatte, seufzte tief auf.Hat er Sie das bereits merken lassen? Mir scheint, daß er mich aus purer Zärtlichkeit für meinen Verlobten am liebsten bis zur Hochzeit in ein Kloster sperren würde. Ach, Sie würden mich von Herzen be­dauern, ivenn Sie wüßten, welche Kämpfe ich Tag für Tag um meine persönliche Freiheit zu bestehen habe."

In ihrem koketten Morgenanzug sah sie sehr ver­führerische aus, um so mehr, als noch die Glut einer lebhaften Erregung auf ihren Wangen brannte und in ihren Augen blitzte. Sandory hatte sich ein niedriges Taburett ziemlich nahe an ihren Sessel herangezogen und sah ihr, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, unverwandt ins Gesicht.

Das ist ja nicht ihr Ernst) denn ich weiß sehr wohl, daß wir alle, Ihren Vater und Ihren Verlobten mit einbegriffen, doch nur Ihre gehorsaine Sklaven sind, denen Sie nach Belieben den Fuß auf den Nacken setzen."

Sie würden von meiner Macht eine weniger hohe Meinung haben, wenn Sie die Szene belauscht hätten, die mir der Herr Staatsanwalt soeben machte."

Ich begegnete ihm im Garten. Aber er hatte nicht gerade das Aussehen eines Siegers."

O, es wäre freilich schlimm um mich bestellt, wenn ich es dahin kommen ließe. Von dem Tage an, da ich. mich ihm zum erstenmale unterworfen hätte, würde ich. für alle Zukunft rettungslos in feine Gewalt gegeben sein."

Und hegen Sie gar keine Befürchtungen für die Zu­

kunft, wenn Sie schon jetzt so nun, sagen wir: so wenig überschwenglich von ihm denken?"

Doras Augen blickten über Sandory hinweg ins Leere. Ach, die'Zukunft! Seit Wochen ist es ja mein einziges Bemühen, mich jeden Gedankens an sie zu entschlagen." _ Sandory antwortete nicht, und es gab ein längeres Schweigen. In verändertem Ton nahm Dora endlich die Unterhaltung wieder auf.

Wissen Sie übrigens, daß schon wieder dieses be­rühmte Kostümfest den Zankapfel abgegeben hat? Georg verlangt, daß ich in Balltoilette hingehe. Er findet es für ein Mädchen aus anständigem Hause, das noch dazu Braut ist, unpassend, sich zu kostümieren!"

Sie aber sind entschlossen, sich seinem Willen nicht zu fügen?"

Würden Sie mir denn raten, es zu thun?"

Was soll ich Ihnen darauf antworten? Wer zwischen Eheleuten oder/Verlobten Partei ergreift, erntet in der Rege! des Teufels Dank von beiden Seiten."

Ah, zu solchen Bedenklichkeiten ist es für Sie zu spät. Sie können sich getrost auf meine Seite stellen; denn mit dem Herrn Staatsanwalt haben Sie es ohnehin verdorben."

Sandory machte eine drollige Gebärde des Entsetzens. Sie erschrecken mich. Ich habe mich doch so eifrig° um seine Freundschaft beworben. Was, um des Himmels willen, habe idj ihm denn gethan?"

Wenn Sie es nicht erraten können, werden Sie ihn wohl selber darum befragen müssen. Aber thun Sie es lieber nicht! Ich könnte sonst in Gefahr geraten, einen Freund zu verlieren."

Ihre dunkle Stimme war mit einemmale sehr weid) geworden. Sie machte keinen Versuch, ihm zu wehren, als Sandory ihre Hand ergriff, um sie an seine Lippen zu führen.

Nun wohl!" sagte er.So rate ich Ihnen denn: fügen Sie fid) nicht!"

?,Er hat mir erklärt, daß er selbst vor einem Skandal nicht zurückschrecken würde, wenn ich bei meiner Absicht beharrte."

Und Sie glauben, daß er im stände wäre, eine solche Drohung auszuführen?"

Geringschätzig zuckte Dora die Achseln.Man weiß nie, wessen man sich von diesen kleinlichen Naturen zu versehen hat. Aber was thut's! Vielleicht ist es ganz gut, daß ich auf diese Weise dock) einmal die Probe' auf die Stärke seiner Liebe machen kann."

Doch. Ihr Vater, Fräulein Dora? Ihm scheint außer­ordentlich viel an dieser Verbindung gelegen."

Gewiß! Es würde ein furchtbarer Schlag für ihn sein, wenn seine Hoffnungen in der letzten Stunde Schiff-