363
Von Tschifu bis Tienffln.
Reiseerinnerung von Marinepfarrer a. D.
P. G. Heims.
Nachdruck verboten.
Nachdem die Spannung auf das große Drama im Burenlande angefangen hat einer betrübenden Gewißheit Raum zu geben, fängt ein neues Drama an, die Blicke der Welt auf sich zu ziehen. In Ostasien bereiten sich Dinge von unabsehbarer Bedeutung vor, und unter den Namen, die jetzt genannt werden, als fasche von Städten, die den Angriffen der chinesischen Fanatiker ausgesetzt sind, werden z. Z. besonders Tschifu und Tientsin genannt.
Als es noch kein Kiautschou gab, mit der Aussicht auf erneu großartigen Badestrand dort auf eigenem deutschen Gebiet als Sommerfrische, gab es doch in Nordchina ein Tschifu als hochangesehenen Bade- und Erholungsort für die an der ostasiatischen Küste wohnenden Europäer. Auch wir gingen dort zu Anker. Aber allerdings nicht um zu baden, sondern im Dienst des Kaisers und au Bord Sr. Fregatte „Elisabeth". Von Tschifu — ich sehe gar nicht ein, weshalb man es den Engländern zu liebe „Cheefoo" schreiben soll — sahen wir zunächst allerdings nicht viel; oder eigentlich gar nichts; denn der Ankerplatz der Kriegsschiffe ist bei den Kung-kung-Tau-Jnseln, die sich in anderthalb deutsche Meilen Entfernung von der Stadt aus dem Gelben Meer erheben, so die Rhede von Tschifu in ziemlich eng geschlossener Linie gegen die See abschließend und einen vorzüglichen Ankerplatz bietend. Es sind öde, abgebrochene und recht heruntergekommen aussehende Felsen, auf deren größten, der sich sogar Mühe gießt, einigen Graswuchs aufzuweisen, ein weiß und rot angestrichener Leuchtturm sich erhebt. Auf der Rhede selbst könnten ohne Beschwer sämtliche Kriegsflotten der Welt liegen.
Alles, was von Tschifu von Bord aus zu sehen war, beschränkte sich aus den undeutlichen Schimmer einiger Heller Gebäude und einer weißen Mauer, wehche den Gipfel des „Bluff" umgab. Das Gebirge des Ufers sah wieder ganz so abgeholzt, kahl und langweilig aus, wie man es von einer chinesischen Küstenstrecke nur erwarten kann. Bloß zur Abendzeit, bei untepgehender Sonne, konnten auch diese öden Gesteinmassen, in Glut und Gold und Purpur getaucht, bezaubernd schönen Schimmer um sich legen.
Die Dampfpinaß, die uns den weiten Weg von Bord bis an Land gebraucht hat, stoppt und hört auf zu rasseln und zu fauchen, nachdem wir jenen „Bluff", einen mächtigen, tief durchfurchten, braunen Felsblock, umfahren und im eigentlichen Binnenhafen an die Landungstreppe gelegt haben.
Es ist Ebbe. Aber von dem schlammigen Grund ist so gut wie nichts zu sehen. So dicht ist er buchstäblich bedeckt mit fluchen, floßähnlichen Lastböten in dichtgedrängter Reihe. Die meisten lagen ganz verlassen da. In einigen aber regte sich ein recht faules, nacktes, unreinliches Leben gähnender oder behaglich stöhnender Kulis, auf der anderen Seite des Raumes patschen nackte braune Jungens im warmen, gährenden Schlanim umher und prügelten sich um einen armseligen Taschenkrebs; weiter hinaus wurden neue Kähne bei langsameren Feuer angeschwelt, um die edlen Fahrzeuge in Ermangelung von Farbe gegen das Wasser zu stärken. Draußen im tieferen Wasser fuhren Flöße aus einfuchstem Balkenbau umher, gelenkt von kräftigen Kerlen in der denkbar einfachsten Tracht der Erde, durchaus waschecht und wasserdicht. Dicht aufgeschlossen lag dort auch! noch! eine andere Art von Fahrzeugen, die jetzt wohl ganz verschwunden sein werden: nationale kaiserliche chinesische Kriegsdschunken mit hohem, eckigem, breitem Bug, mit zwei, weit nach! vorn und achtern hinausgerückten Masten. Auffällig an den an sich ganz unbrauchbaren Schiffen ist die im Verhältnis zur Größe überstarke Bestückung von bis zu acht alten Vorderladergeschützen von ganz gehörigem Kaliber. Stattlicher stellten sich einige moderne und sehr sauber gehaltene weißgemalte Panzerkanonenboote dar, von denen die chinesische Kriegsflagge, der gelbe dreieckige Wimpel mit dem blauen Drachen flattert.
Unten am Seestrande und vor dem Hotel entwickelte sich, besonders zur Zeit des oft zauberhaft schönen Sonnenunterganges, ein farbenbuntes, ganz abendländisch-ele
gantes Bild von ruhenden und lustwandelnden Badegästen, unter denen besonders die Damen in Toiletten erschienen, die überall sich! hätten sehen lassen können, und da wurde nun im Abendsonnengold geplaudert, geflirtet, beobachtet, gescherzt, und es dachte damals wahrlich keiner daran, daß das einmal anders und weniger harmlos und kurzweilig werden könnte so wie jetzt in unseren Tagen der angreifenden „Boxers", denen natürlich wieder ein englischer Name, statt der Partei „vom großen Messer" hat angehängt werden müssen.
Außer seinem schönen Strande, seiner guten Luft und seinem Salzwasser hat Tschifu noch eins, durch das es angenehm auffällt, besonders dem Seefahrer, der es lange hat entbehren müssen: das prächtige Obst, das in Gestalt von Aepfeln, Pfirsichen, Pflaumen und herrlichen Trauben sich darbietet in unerschöpflicher Fülle.
In den Gärten der Europäer finden wir all' unsere lieben Bekannten und stummen Freunde: da blüht die bunte Aster, die leuchtende Petunie, der glutrote Geranienstrauch und die duftende Reseda. Und wie köstlich sind die Veranden der Wohnhäuser der Europäer mit Schling-Gewächsen verhangen und mit Pflanzen, die in Töpfen und Kübeln blühen, geschprückt. Ueberall Farbe, milde Luft und freudiges Leben: wenigstens äußerliche, und so lange der Herbst währt. Wenn die Winterstürme nahen, flieht alles, was nicht bleiben muß, zurück in die Küstenstädte, und es wird still und öde am Strande.
Einen seltsamen Gegensatz zu dem oft recht anspruchsvoll auftreteuden Wesen der fremden Gäste bietet das Sein der eingeborenen Kulis. Wovon und wie sie leben, bei schwerster Arbeit: man versteht es eben nicht! So fällt es den kaffeebraun gebrannten, kaum bekleideten, vom heißesten Sonnenbrand durchglühten Gesellen, welche als Kohlenarbeiter ihre schweren Lasten schleppen, auf der Rhede von Knng-kung-Tau, ja gar nicht ein, eine Mittagspause zu machen: es wird stramm geschafft, bis der letzte Tragkorb voll Kohlen an Bord ist, und dann erst hocken sie nieder im breiten Krahn, um ihr jammervolles Mahl von Reis und Knoblauch einzunehmen. Wie fürchterlich die Armut ist, zeigten uns die kleinen, wirklich! Nußschalen vergleichbaren Kähne, in denen nackte oder mit Lumpen bekleidete Kinder den weiten Weg bis zum Geschwader hinaus ruderten, um kleinen aber gierigen Seeräubern gleich Unter fortwährendem Ausschöpfen der lecken Bote alles, was über Bord geworfen wurde, aufzufischen. Gelegentlich entwickelte sich so um einen ausgeschnittenen Kohlstrunk ein leidenschaftliches Wettrudern, und der Sieger legte den armseligen Gewinnst sorglich zum Abtropfen zurecht. — Die greuliche Chinesenstadt an sich zählt wohl 30 000 Einwohner — und alle Städte der Chinesen sind greulich, schmutzig, stinkend, widerwärtig, soweit der Kuli in ihnen haust; am scheußlichsten aber stellen sich die Bettler an den Ecken des „Settlement" dar, der europäischen Niederlassung, die, um Mitleid zu erregen, die grauenhaftesten Schäden aufdecken oder die gräßlichsten Verstümmelungen darbieten. Dagegen machen die Chinesen der besseren Stände wohlgenährt und anständig gekleidet, einen förmlich- erquickenden Eindruck. Körperlich ist der Chinese des Nordens dem viel angenehmeren Japaner entschieden überlegen; er ist größer, kräftiger, auch! als der Süd- Chinese, sein eigenes Schönheitsideal besteht neben der Größe über auch in der Dicke: je fetter, desto mannhafter und edler! Und der Zopf, der hängt ihm hinten. Es ist aber auch hier nicht alles echt! Die meisten flechten Seide und ähnliches hinein, um die nötige Länge und Dicke herauszubringen. Bei der Arbeit wird er der Bequemlich!-- keit halber um den Kopf gewickelt; und es gilt als grober Mangel an Achtung, wenn er beim Hinzutreten Höherstehender nicht augenblicklich gelöst wird.
Greulich aber sind auch die chinesischen Frauenfüße. Auf diesen vier Zoll langen, ganz spitz zulausenden, unförmlich steifen Klumpen, zu dem schon die Füßchen der Neugeborenen gewickelt werden, wackeln diejenigen Weiber, die daraus halten, aus „besserer Familie" zu sein, zum Erbarmen plump und jämmerlich einher, unter ihnen nicht wenige Kindermädchen der Europäer.
Die Jahrestemperatur ist im ganzen mild. An der Küste von Tschifu pflegt des Thermometer unter 10 Grad Celsius nicht zu sinken. Bei den Europäern gehören aber


