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Flusse aus nicht sichtbaren Gute, der „Lindenhof" genannt.
„Nun, Jungmagd", wandte sich einer der Fahrgäste, seiner Kleidung nach ein Förster, an seine Nachbarin, eine oralle Bauerndirne, „wie stehts denn mit Eurem Pächter?" Er wies mit seiner kurzen Pfeife nach der Richtung des Lindenhofes. „Hat er sich das Zigarrenrauchen wieder abgewöhnt? Ißt er nun wieder für einen, statt für zwei? Heh?"
Es lag etwas verschmitztes in der Art, wie die Frage gestellt wurde, und verschmitzt klang auch die Antwort der Jungmagd: „Rauchen thut er nicht mehr, aber essen thut er immer noch für zwei."
Das Boot, in welchem die Gesellschaft ziemlich zusammengedrängt saß, war nicht groß, die Luft war still und das Geräusch der Sägemühle fern genug, sodaß alte die laut geführte Unterhaltung hatten hören können. Einige der Marktweiber waren neugierig geworden und wollten wissen, was das mit dem Pächter wäre.
Wie nun die Jungmagd, die auf dem Lindenhof diente, mit geheimnisvoller Miene erzählte, hielt sich dort seit einiger Zeit ein unsichtbarer Gast auf. Niemand bekam ihn zu sehen, aber die Köchin merkte es am Kochen, denn es wurde für drei Personen gekocht, obwohl die Pächtersfamilie nur aus Mann und Frau bestand, und im Wohnzimmer wie auch auf dem Gange duftete es nach Zigarrenrauch, obwohl der Pächter niemals rauchte. Ein gewisses Zimmer wurde stets verschlossen gehalten, war aber feit kurzem wieder geöffnet worden, auch von Zigarrenduft ließ sich nichts mehr verspüren, dagegen wurde immer noch für drei gekocht. Einer der Knechte hatte an einem der letzten Abende, jUls es finster geworden, ein Schwimmbad im Flusse genommen, zu welchem man durch ein großes Loch in dem Lattenzaun leicht gelangen konnte. Als er zurückkehrte und sich durch den Garten schlich, dessen Betreten dem Hofgesinde verboten war, bemerkte er die Pächterin. Sie klopfte an die Thür des Gartenhauses, und als diese sich von innen öffnete, verschwand sie darin. In der Hand hatte die Pächterin einen Korb getragen, welcher wahrscheinlich Eßwaren für den geheimnisvollen Gast enthielt.
So erzählte die Jungmagd, und die ganze Gesellschaft hatte ihr mit vorgestreckten Köpfen neugierig gelauscht, niemand aber wohl mit größerer Aufmerksamkeit als die reisende Dame. Während sie sehr nachdenkend geworden war und der Ausdruck des Berechnenden in ihren hellbraunen Augen mehr noch als sonst hervortrat, ließ der Forstmann allerlei spaßhafte Vermutungen laut werden, wer der Unsichtbare sein könne. Vielleicht sei es der ewige Jude, der hier die Sommerferien verbringe, meinte er, oder der Kaiser Rotbart, dem im Kyfshäuser die Zeit lang geworden sei.
„Wenn's Ahasver ist, so hat er sich! auf seinen Wanderungen den einen Fuß abgelaufen, und wenn's Barbarossa ist, so muß ihm der Bart nicht durch den Tisch, sondern auch durch die Zähne gewachsen sein; denn er hat einen Sprachfehler", tönte eine Stinime. Es war der Fährmann, tu er dies lachend sagte. Die Dame hatte ihn bisher nicht beachtet. Beim Klange dieser Stimme erst blickte sie nach ihm und betrachtete ihn mit gespannter Aufmerksamkeit. Da die Blicke der übrigen ebenfalls auf den Fährmann gerichtet waren, so bemerkte niemand die Bestürzung, welche sich plötzlich in den Mienen der vornehm ge^- kletdeten Mitpassagierin zeigte. Sie zog hastig ihren braunen Schleier von Seiden-Gaze über das Gesicht und setzte sich so, daß sie dem! Fährmann den Rücken wandte.
„Einen Fuß abgelaufen? Einen Sprachfehler? Wieso?" frug der Förster, und die Marktweiber samt der Jungmagd sahen erst den Förster und dann den Fährmann an.
„Goddamn, ja! er hat einen Sprachfehler, er kann das S nicht iaussprechen", machte sich der Fährmann lustig, „Und dabei hinkt er wie Mephistopheles, wenn die Herrschaften wissen, wer das ist. Entweder ist eines seiner Beine zu kurz oder es ist zu lang. Das ist eine Preisfrage, welche die medizinische Fakultät erst nioch lösen muß."
Die Insassen des Bootes waren bereits daran gewöhnt, den Fährmann in Ausdrücken reden zu hören, die sonst nur Gebildeten geläufig sind, und wunderten sich!
darüber ebenso wenig wie über sein englisches Fluchwort. Daß dieser Mann, der in schäbiger Kleidung einen so untergeordneten Dienst versah, nur mit „gelehrten Brocken" um sich warf, welche er irgendwo ausgelesen hatte, ohne sie selbst zu verstehen, das glaubten alle im Boote — nur die Dame glaubte es nicht: sie wußte es besser.
„Habt Ihr denn den Mann gesehen?" frug der Förster, und wieder blickten die Weiber den Frager und dann den Fährmann an, wobei sie den Mund öffneten, als hielten sie sich bereit, die Antwort zu verschlingen.
„Goddamn! Gesehen und gesprochen", erwiderte der Fährmann. „Letzthin setzte ich abends, so zwischen zehn und elf Uhr, den Doktor aus Wörth über, der spät von einem Krankenbesuche kam. Als ich wieder herüberfahren wollte, hörte ich einen Pfiff. Er kam ans dem Lindengarten und konnte nur mir gelten. Ich steuerte mein Boot auf die Stelle zu, und da stand ein Mann hinter dem Zaune. „Sie da, guter Freund!" redete er mich an, „würden Sie mir wohl einen Gefallen erweisen? Es soll ihr Schaden nicht sein." — Warum nicht, sagte ich. — „Seien Sie doch so gut, und besorgen Sie mir in der Stadt ein Kistchen Zigarren, kräftige Marke. Das Stück darf dreißig bis vierzig Pfennige kosten." — Er mußte es mir zweimal sagen, ehe ich verstand, was er mit „Ftadt, Kistchen und Ftück" meinte. Er gab mir Geld, sagte, daß er mich am nächsten Abend um dieselbe Zeit wieder hier erwarten wollte, und ich versprach, seinen Auftrag zu besorgen. Am anderen Abend war er richtig da, ich reichte ihm das Kistchen durch das Loch im Zaune und erhielt — Goddamn! — einen blanken Thaler Trinkgeld. Als er mit seinem Kistchen fortging, sah ich, d aß er hinkte. Seitdem bin ich spät abends wieder einigemale h'nübergefahren, habe durch den Zaun geschaut und ihn wie einen Nachtwandler im Garten spazieren gehen sehen, die brennende Zigarre im Munde."
„Na, wenn das der Pächter wüßte oder seine Frau!" lachte die Jungmagd.
„Die würden Augen machen!" stimmte der Förster bei. „Wagen sich wahrscheinlich nicht einmal selbst in die Stadt, wagen auch niemanden zu schicken, damit 's nicht herauskommt, daß sich ein verwöhnter Raucher — das Stück nicht unter dreißig Pfennige! — auf dem Lindenhofe aufhält, und jenes Mondkalb, das so schön im Gartenhause versteckt wird, verrät sich selber, weil es sein feines Kraut nicht entbehren kann, und läßt sich mit dem Fährmann ein, der die Geschichte an die große Glocke hängt. Na, was geht's am Ende unsereinen an!"
Das Boot stieß ans Ufer, und die Insassen bezahlten beim Aussteigen ihr Ueberfahrtsgeld.
Die Dame hatte keine kleine Münze im Portemonnaie: Sie drückte dem Fährmann flüchtig ein Markstück in die Hand, ohne sich darauf herausgeben zu lassen, denn es lag ihr alles daran, so rasch wie möglich von ihm sortzu- kommen. Trotzdem sie vermieden hatte, ihm das Gesicht zuzuwenden, als sie ihm das Geld gab, entging ihr doch nicht der starke Branntweinduft, der von dem Manne ausströmte.
Während die übrigen dem breiten Wege folgten, welcher geradeaus nach den nächsten Dörfern führte, schlug sie den am Stromufer sich hinziehenden Fußpfad nach der Sägemühle ein. Ihr Gang war hastig, ihre Lippen preßten sich fest aufeinander, als ob sie einen inneren Aerger verbeiße.
Als sie die Mühle erreichte, trat ihr aus dem Sägewerk, zu welchem ein großes, jetzt offenes Thor führte, ein Arbeiter, ein alter Mann, entgegen.
„Wo ist der Sägemüller?" redete sie ihn an.
„Er wird wohl oben in seiner Wohnung sein", war die Antwort.
Schon im Begriff, sich abzuwenden, drehte sie sich noch einmal um und frug: „Seit wann hat denn der Sägemüller den neuen Fährmann angestellt?"
„Mag wohl so um' vierzehn Tage herum sein", entgegnete der Alte.
Die Dame schritt der anderen Seite des Hauses zu und verschwand unter einem hölzernen, schräg aufsteigenden Vorbau, in welchem eine Treppe nach! der Wohnung des Mühlenbesitzers hinaufführte.
(Fortsetzung folgt.)


