(Nachdruck verboten.)
Die Irre von Sankt Rochus.
Kriminalroman von Gustav Höcker.
(Fortsetzung.)
Weiberthränen waren auf Allram ohne jede Wirkung, wenn er Grund hatte, ihnen zu mißtrauen. Hielt er sie aber für aufrichtig, entstammten sie einer Ursache, die er klar vor sich sah und die sein Mitgefühl erweckte, so verfehlten sie selten ihren Eindruck. Die Dame mit dem schlauen Zuge war ihm nicht gerade sympathisch; aber den Schuft zu fassen, der sie in so schändlicher Weise betrogen und sich mit raffinierter Berechnung auch! noch eines Pfandes versichert hatte, um sie noch mehr aussaugen zu können, würde ihm Vergnügen bereitet haben.
„Augenblicklich habe ich eine unaufschiebbare Reis» vor", erklärte er nach einigem Besinnen; „ob ich in acht Tagen, ob ich später oder früher zurückkehre, kann ich nicht sagen. Wenn es Ihnen auf ein paar Fehlgänge zn mir nicht ankommt, gnädige Frau, und wenn es dann nicht zu spät ist, so werde ich sehen, was ich in der Sache thun kann."
Befriedigt über diese Zusicherung, verabschiedete sich die Dame. Während sie die Treppe hinabging, hörte sie den Detektiv langsam hinter sich Herkommen.
Auf der Straße blieb sie vor einem Schaufenster stehen, anscheinend die Auslage betrachtend, in Wirklichf- keit aber mit halbabgewandtem Gesicht den Detektiv im Strome der Menschen verfolgend, von dem er in seiner Hellen Kleidung noch lange zu unterscheiden war. In dem Blicke, womit sie ihm nachsah, drückte sich Besorgnis und Furcht aus.
Als Allram verschwunden war, bestieg sie eme Droschke und ließ sich nach einem der Bahnhöfe fahren. Dort betrat sie die große Halle, wo sich die Billetschalter und bte Gepäckexpedition befanden. Hier gab es viel Gedränge, denn es war gerade um eine Stunde, wo mehrere Züge nach verschiedenen Richtungen abgehen sollten, und unaufhörlich tönte das Dröhnen der Stempel, welche sich auf die Fahrbillets drückten, das Klimpern des eilig aufgezahlten Geldes Md das Rasseln der mit Koffern und Körben
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N, ins erfasse, eins erwähle
Halt im Sturm cs treu und still:
Arm nur ist, wer ganzer Seele Richt ein Lebenshöchstes will.
Julius Lohmeyer.
beladenen Karren, welche unter dem beständig wiederholten Rufe „Vorsicht!" in ungestümer Hast auf den Perron hinausgeschoben wurden.
lieber jedem Schalter war in großen Buchstaben die Bahnlinie, für welche die Fahrscheine hier zu lösen waren, mit ihren Hauptorten angegeben.
„Hält dieser Zug in Wörb?" frug die Dame, als es ihr, dank ihrer Energie und ihren Ellenbogen, gelungen war, sich an einen der Billetschalter heranzudrängen.
„Nein, es ist ein Schnellzug", antwortete der Beamte. „Erst der nächste Zug hält in Wörb."
„Wann geht der nächste ab?"
„In einer Stunde."
Die Stunde, die sie warten mußte, schien ihr zu einer Ewigkeit zu werden. Sie fand nirgends Ruhe, sondern wandelte in der Promenadenanlage vor dem Bahnhofe rastlos auf und ab, beständig ihre goldene Uhr ziehend.
Endlich saß ifte in einem Kupee zweiter Klasse und wurde in brausender Fahrt ihrem Ziele entgegen getragen. Sie hatte kein Auge für die Felder, Wälder, Berge und Ortschaften, die an ihr vorüberflogen, und nur karge, zerstreute Antworten für die redselige Mitreisende, die gern ein Gespräch mit ihr angeknüpft hätte, dieses Bemühen aber als hoffnungslos endlich aufgab.
Nach mehrstündiger Reise stieg unsere Dame in Wörb aus, einem kleinen Städtchen. Sie durcheilte die toten Gassen und erreichte bald einen Feldweg, der nach halbstündiger Wanderung an das Ufer eines breiten, kräftig dahin rauschenden Stromes führte. Dort lag ein Fährboot, in welchem bereits eine Anzahl Personen Platz genommen hatten, zumeist Marktweiber aus den Dörfern, welche weiter landeinwärts auf der anderen Flußseite lagen. Die Dame stieg ebenfalls in das Boot und der Fährmann steuerte dasselbe mittelst eines Segels dem jenseitigen Ufer zu, wo ein kleines Fährhaus stand, während weiterhin ein größeres Gebäude lag, an dessen dem Flusse zugekehrter Schmalseite ein mächtiges Rad von den Wellen in Bewegung gesetzt wurde. Das ununterbrochene Kreischen einer Säge;und die vor der Hauptfront des Hauses umherliegenden Baumstämme ließen erkennen, daß es eine Schneidemühle war. In entgegengesetzter Richtung, stromaufwärts, sah man die eiserne Eisenbahnbrücke, über welche die Bahnlinie, auf der die Reisende gekommen war, weiterführte. Blickte man zurück nach dem Ufer, von welchem das Boot abgestoßen war, so hatte man die Aussicht auf einen großen, von Linden überschatteten Garten, der vom Flusse durch einen hohen Lattenzaun abgegrenzt war, so daß nur ein schmaler Fußweg am Ufer hinführte. Der Garten, aus welchem ein weißgetünchtes Häuschen hervorschimmerte, war auf beiden Seiten von hohen Mauern umschlossen und gehörte zu einem dahinter liegenden, bom


