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fein, Großmutter", sagte sie. „Wenn ich Dich ansehe mit Deinen zweiundachtzig Jahren, und wie frisch Dein Herz noch ist, da schäme ich mich, daß ich schon der Jugend Lebewohl sagen will. Das waren aber auch heut die letzten Thrünen. Es ist eben immer noch alles käpnt hier innen — von allem was geschehen ist — jetzt aber wird Mut gefaßt und an Deinerstatt in den Kampf getreten."
Die Großmutter sah Nettchen prüfend an.
„Ja, Großmutter", fuhr Nettchen fort. „Jetzt wirst Du mich müssen gewähren lassen, daß ich für Dich die Sorgen aufnehme; denn der Paul ist krank, an Leib und Seele, genau so wie ich's eine zeitlang war. Der muh erst wieder zum Leben aufwachen."
„Wie willst Du die Sorgen aufnehmen, Du thörichte Martell’", wandte zärtlich die Großmutter ein.
„Als Geschäftsführer tret' ich ein in Euren Laden!" rief Nettchen mit dem früheren Uebermut. „Ich und Euer brummiger, junger Mann wir werden uns schon vertragen. Und da paß Du nur auf, wie wir die Karre bald in Gang bringen werden, — daß Du und Paul noch als Rentiers in die Villenkolonie ziehen könnt." — — —
In die Kellerwohnung der Drogenhandlung drang ein fahler Schimmer der Mittagssonne. Karl saß, die Arme aufgestützt, am Eßtisch, und beobachtete stumpfsinnig die ineinanderquirlenden Stäubchen, die in dem Sonnen- sfreisen über dem Tische tanzten . Von der Straße her vernahm man durch das halb offene Fenster das Scharren der Füße Vorübergehender, und wenn man den Blick nach dem Fenster wendete, konnte man wie in einem Schattenspiel endlose Prozessionen vorbeigleitender Gestalten sehen.
Seit einer Stunde faß er da, den Kops in die Hand gestützt, und grübelte vor sich hin.
Oben im Läden, der für die zwei Sonntagmittag-- stuuden geöffnet war, hörte er die Stimme seiner Frau, der alten Brinkmann, und eine dritte, Helle, klare Stimme, deren Lauten er düster lauschte. Dazwischen vernahm man Kindergejubel und Trappeln kleiner Füße, — das waren Paul und seine eigene kleine Tochter Anna, die sich gegenseitig im Laden herumjagten. —
Die fremde, Helle, klare Stimme!
Er konnte es noch immer nicht fassen. Er begriff diese Begegnung einfach nicht, diesen Zufall, der so hart in die Vergangenheit und ihre unseligen Stunden zurückgrisf.
Brinkmann's Pflegetochter! Dieses Gauklermädchen, bent er nachgeirrt war, dessentwillen er seine Familie verlassen hatte, — Paul Brinkmanns Jugendfreundin!
Sein Verstand begriff es nicht. —
Er vergegenwärtigte sich den ersten Moment, das Wiedersehen. Ihm hatte vor Schreck, vor Fassungslosigkeit fast das Herz still gestanden. Sie aber hatte ihn kaum wiedererkannt.
Mit stotternden Worten war er ihrem Gedächtnis zu Hilfe gekommen. Es sollte klar werden von Anfang an, sie sollte fühlen, daß zwischen ihm und ihr und seinem Weibe und Kinde keine Gemeinschaft bestehen konnte. Aber sie hatte ihn nur mit unbefangenen Augen staunend angeblickt — dann war ein Lächeln des Erstaunens über ihre Züge gegangen. „Karl, der Knecht aus der „Sonne"! Freilich weiß ich' es noch!" Uud wie Wellen eines Baches wären Fragen über ihn hergestürzt, Erinnerungen an „dazumal", während ihre Augen schon wieder ernst und fragend über die neue Umgebung glitten, alles zu prüfen, alles zu durchdringen suchten. Der ehemalige Knecht hatte in Verwirrung vor ihr gestanden, — ja das war dasselbe kühne, reizende und lebhafte Gesicht, das ihn mit dem hellen Lächeln so verwirrt hatte, aber doch war etwas anderes in den Zügen, — ein Ausdruck von Sanftheit, von Festigkeit, etwas für das er keine Erklärung sand, und das ihm doch einige Scheu einflößte.
„Das Fräulein soll bei uns eintreten ins Geschäft", sagte Anna, welche die beiden Frauen zuerst begrüßt und erst nach längerer Zeit ihren Mann hinzugerufen hatte. „Wir haben schon alles durchgesprochen; für den Herrn Paul soll's noch eine Weile eine Ueberraschnng bleiben". Und Karl war wieder hinuntergeschlichen, in den Keller, schuldbewußt und von Abwehr und Zorn erfüllt, von düsterer Unruhe und ohnmächtigem Groll.
,@r öffnete das Kellerfenster und lehnte sich ans das
niedrige Sims. Auf den Gteinfliesen vor feinen Blicken lag nun kein Sonnenschimmer mehr, der war emporgeglitten, an den Häusern hinauf, und schien nun in die klaren Fenster her Reichen. War es nicht mit seinem Leben so? Das war auch ein Kellerdasein, und nur einmal war das goldene Licht hereingedrungen, damals, als er mit dem fremden Mädchen durch den Wald zog, und sie das Lied vom Wandern fangen. —
Ein Luftzug streifte seine Stirn, er blickte sich um und sah seine Fran durch die Thür eintreten.
„Karl", sagte sie, indem sie näher trat und schüchtern ihre Hand auf seinen Arm legte, „das Fräulein will gleich worgen eintreten, da wird es dann auch für uns besser werden. Dann brauchst Du Dich nicht mehr so abzuplagen, und ich habe dann einen Menschen, mit dem ich ab und zu einmal plaudern kann. Man wird so stumm hier unten int Keller, es ist, als legte sich einem mitunter die Decke aus den Kopf". Er blickte sie an, und senkte dann die Augen zu Boden.
„Ja", fuhr Anna fort, indem sie mit scheuer Zärtlichkeit seine Hand ergriff, „ich freu’ mich auf sie, und Du mußt kein so finsteres Gesicht machen. Wie sie mit unserem Mädel umgeht!" fügte sie hinzu und ein mütterliches Lächeln verschönte für einen Augenblick ihr Gesicht. „Das merkt man, daß sie selbst eine Mutter ist — sie hat ihr Kind begraben, dort bei Paris herum, wo's nicht mal Blumen auf den Gräbern giebt. Ihr Mann"--
Sie brach ab, Und blickte erstaunt aus ihren Mann, der in den Packraum getreten war, und mit den Fässern herumzurumoren begann. ,-Willst Du nicht weiter hören" — sagte sie.
„Nein", entgegnete er. Und er warf die Jacke ab, und trotz der Sonntagsruhe begann er mit seinen schwieligen Händen in den beißenden Laugen herumzurühren — als gelte es seine Seligkeit.----
Nettchen trat, nachdem sie ihre Verpflichtungen bei Renz gelöst hatte, mit Eifer in das Geschäft ein.
Es war ihr klar: Hier war vieles Vernachlässigung, Und für den, der frischen Mut mitbrachte, konnte es nichts unmögliches sein, das Ladengeschäft bei den neuen, günstigen Verkehpsverhältnissen wieder in Schwung zu bringen.
Die Leute, welche ihren Bedarf aus irgend welchen zweckmäßigen Gründen in Prechtlers Drogenhandlung zu decken gedachten, machten zunächst sehr erstaunte Augen, als sie statt des finsteren Menschen mit dem entstellten Gesicht eine junge Frau in adretter Kleidung, mit blendend weißer Schürze, gekrausten Haarlöckchen und seht zierlicher Taille hinter dem Ladentisch stehen sahen.
Die weiblichen Käufer mußten natürlich sofort auf der Stelle wissen, welche Bewandtnis es mit dieser Veränderung habe. Nettchen war durchaus nicht daraus bedacht, ihren Fragen auszuweichen. Sie wußte, kannte sehr genau die Hauptschwäche ihrer Mitschwestern, und ihr Talent, die schwachen Seiten der Menschen zu erfassen, verließ sie auch hier nicht. Ohne ihre innersten Angelegenheiten zu berühren, erzählte sie von Paris, von ihrer früheren Laufbahn, von Schicksalen und Dingen, die sie in. ihrem wechselvollen Dasein mit scharfem Auge draußen in der Welt beobachtet hatte, und die ihre lebendige Phantasie von dem grauen Hintergrund des Alltäglichen abhob. Die geschwätzigen Kundinnen blieben gern noch ein Viertelstündchen stehen, um ihren Senf zu allem, was sie da neues und unterhaltendes hörten, dazuzugeben. Plötzlich fiel ihnen ein, daß sie noch Seifenpulver zur nächsten Wäsche mitnehMen oder sich „bei der Gelegenheit" gleich das Petroleum ins Haus bestellen könnten. Gleichgiltig, als sei es das natürlichste von der Welt, notierte Nettchen die Aufträge. Aber ihr fröhlich erwachtes Kaufmannsherz schlug in lauten Schlägen, die Hand, die den Bleistift führte, zitterte vor Freude, und sie mußte den Kopf tief in das Buch hinabbeugen, um das lebhaftere Rot der Wangen zu verbergen. ,■
So war gleich mit der ersten Woche ein guter Anfang gemacht, und der Sonntag, wo Paul im Geschäft erscheinen, erstaunt seine neue Verkäuferin gewahren, und aus ihrer


