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er genießt seinen Reichtum am meisten, der desselben am wenigsten bedarf. Seneca.
Nachdruck verboten.
Roman von E l s b e t h M e h e r - F y r st e r.
(Fortsetzung.)
Nettchen nahm die Puppe, und einen Moment war es ihr, als sei diese ein lebendes Wesen; sie glättete mechanisch die zerknitterten, altmodischen Kleider, die Pauls Mutter so sorgsam genäht hatte, daß noch heute keine geplatzte Naht zu finden war. „Ja, Großmutter", sagte sie leise, „die ist Euch auch treu geblieben. Wen Ihr mit Eurer Liebe beschenkt habt, der kann von Euch nicht mehr los, und wenn ich auch« draußen in der Welt geglaubt habe, ich könnte ohne Euch fertig werden, der Tag kam nur zu rasch, wo mich's Heimtrieb."
„Du Vagabundenmariell", sagte die Großmutter zärtlich, „wie ist es möglich, daß Du da draußen, bei die Seil- Hüpfer und Bänkelsänger, Dein Glück gesucht hast! Und jetzt, wo Du solltest gewitzigt sein, is Dein erster Weg wieder in'n Zirkus 'nein."
„Nicht mein erster", rief Nettchen aus. „Wie bin ich herumgelaufen, Großmutter, um Beschäftigung zu finden, und wie dankte ich Gott, als ich im Zirkus einen Platz als Garderobenfrau erhielt. Das ist ein Beruf, so ehrlich und solid wie jeder andere, und ich bin glücklich, daß ich meinen Unterhalt verdiene."
„Ich wäre man nich' geeignet dazu", sagte hartnäckig die Großmutter, „daß ich die fremden Frauenspersonen in die Röcke hülfe." Sie war an den Tisch getreten und rückte am Kaffegeschirr herum, und über Nettchens Gesicht flog bei dieser kleinen Szene, die ihr so viele ähnliche, heitere Mdmente ins Gedächtnis zurückries, seit langer Zeit wieder ein schelmischer Zug.
Alle ließen sich am Kaffeetisch nieder, und es war, als sei eine fröhliche Stimmung in die stillen Räume eingekehrt. Paul der Jüngere vor allem konnte sich nicht halten, und gab seinem so lange verschüchterten kleinen Uebermut einen freien Ausdruck, indem er unter dem Tisch mit der Fußspitze die Kniee der Dasitzenden abwechselnd berührte und in ein erstickendes Gelächter ausbrach, wenn man nachsah, ob da unten ein kleiner Hund vorhanden sei. Alle wurden von dieser beseligten Lustigkeit des sonst so ernsten Kindes angesteckt, selbst Paul der Vater lächelte.
„Ich weiß nich", sagte die Großmutter, „es is gar nich' als ob's Herbst geworden wäre, es is so warm wie Frühling." Und sie ging ans Fenster und öffnete es mit einer freudigen Bewegung, und ließ die frische, sonnige Oktoberluft in das Zimmer dringen.
„Eins möcht' ich doch", ries Nettchen, die das Kind auf ihren Schoß gezogen hatte, und es wie einen Vogel fütterte, „ich möchte mit Euch hinaus, einen Spaziergang machen. Komm, Großmutter, ich zieh' Dich an, und wir gehen zu Fuß über die Heide nach Berlin und besuchen das Geschäft."
Pauls Gesicht hatte sich wieder verdüstert. Bei der Erinnerung an dieses Stück praktischen Lebens mit seinen Forderungen glitt die alte Abspannung über seine Züge, ein Widerwille, der so stark war, daß er sich förmlich durch Gramfalten in seinem Gesicht ausdrückte. „Ach ja, geht, seht einmal zum Rechten", sagte er. „Ich habe noch zu schreiben, ich bleibe lieber zu Haus."
„So is er immer", sagte die Großmutter traurig, als sie mit Nettchen und dem Kinde das Haus verlassen hatte. „Der Mut züm Leben is 'weg, mein Kind, und wenn ich sterbe, bleibt unser kleines Pauleken hier ohne Licht und Sonne zurück." —
Sie schritten langsam weiter, beide in Sinnen verloren. Das Kind ernsthaft vor ihnen her.
Es war still in der weiten Haide, nur ab und zu tauchte vereinzelt eine kleine Knabengruppe auf, die einen Drachen in die Luft steigen ließ. Ein leichter Wind strich über das niedrige, dünne, schon gelb gefärbte Gras, spielte mit den Mänteln der Kinder, und trieb die papiernen Gebilde leicht und sicher in die Höh, daß sie zuletzt wie winzige Punkte im klaren Aether schwammen. Der Klang der Kirchenglocken, die das Ende des Gottesdienstes ausläuteten, tönte von Berlin herüber, und ging in Schwingungen über das stille, gleichsam sonntäglich verstummte Land.
„Großmutter", sagte Nettchen, „dort ist die Hasenheide!" Sie war stehen geblieben, und schaute hinüber, eine kurze, glühende Sehnsucht durchzuckte ihr Herz,
„Warum muß ich weinen, Großmutter", schlmhzte sie, „es ist doch nichts weiter gewesen da drüben — kein Glück und nichts — und doch ist Mir's so seltsam wenn ich hinüberschaue." — —
„Es is nichts weiter gewesen, Nettchen", sagte die alte Frau, „kein Glück weiter, das wir mit Augen fassen können — mein Kind — aber es is Deine Jugend, die Du da drüben siehst, und um die Dir's weh thut." —
Sie schritten weiter, und Nettchen hielt nun innig den Arm der alten Frau gefaßt.
„Sie ist noch nicht vorbei, —■ und sie soll nicht vorbei


