Ausgabe 
1.4.1900
 
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Die Adresse wies eine zierliche Damenhandschrift auf. Ab­gestempelt war er in N.

Merkwürdig! Warum zögerte er, diesen Brief zu öffnen? Warum pochte sein Herz so ungestüm und warum schwebte ihm gerade jetzt die bezaubernde Gestalt jener unbekannten, schönen Dame vor Augen, der er auf dem Wege zum Bahnhofe Ritterdienste geleistet? War's schließ­lich ein Wunder, wenn sie ihm jetzt noch ihren Dank aus­sprach? War's nicht vielmehr ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, wenn sie es that?

Resolut riß er das Couvert auf und war enttäuscht. Er fand nichts weiter darin, als ein kleines, rotes Büchlein mit der Aufschrift:Briefmarkensprache. Ein Wegweiser für Liebende." Sonst keine Zeile, keinen Namen'! Was sollte das bedeuten?

Er blätterte und blätterte, las und las. Dann plötzlich beugte er sich zum Papierkorb hernieder und holte das Couvert hervor, das er da hinein versenkt hatte. Ein Blick darauf überzeugte ihn, daß die beiden Fünfpfennig-Marken nicht wie üblich, in der rechten oberen Ecke, sondern rechts unten, und zwar in einer von der gewöhnlichen abweichen­den Stellung aufgeklebt waren. Hastig schlug er in dem Büchlein nach und fand, daß diese Markenstellung bedeutet: Besten Dank!"

Also d och ein Dank, seiner schönen Unbekannten! Warum aber so geheimnisvoll? Wie sollte er ihr ant­worten, da er ihren Namen nicht kannte? So sehr er sich über dieses Lebenszeichen gefreut er war verstimmt und blieb es auch. Ja, so sehr wirkte dieser anonyme Brief auf ihn ein, daß er ein paar Abende hintereinander den Bienenkorb" mied.

Ein paar Tage waren vergangen, da fand der Fabrikant wieder unter den eingelaufenen Postsachen einen gleichen Brief mit derselben Handschrift. Aber auch diesmal war kein Sterbenswörtchen dazu geschrieben. Der Inhalt be­stand lediglich aus einem gepreßten Veilchen. Die Marken­stellung aber bedeutete diesmal:Guten Morgen!"

Und auch ein dritter Brief ließ nicht lange auf sich warten; er war aber inhaltsreicher, als die beiden ersten. Er enthielt eine Karte mit den Buchstaben G. H.; die Markenstellung aber enthielt nach dem kleinen roten Büch­lein die Aufforderung:Schreibe mir postlagernd."

Lange ging der Fabrikant mit sich zu Rate, ob er der Aufforderung Folge leisten sollte; schließlich aber siegte das Verlangen, die schöne Unbekannte näher kennen zu lernen, nnd ein Brief ging unter der ChiffreG. H., postlagernd N." ab, in dem Herr Schlenther die geheimnisvolle Brief­schreiberin bat, den Schleier der Anonymität zu lüften. Allein die Antwort wiederum durch die Stellung der Briefmarke ausgedrückt, lautete ablehnend:Ich' kann Deinen Wunsch nicht erfüllen."

Der Fabrikant ließ sich aber durch diesen ablehnenden Bescheid nicht einschüchtern, nnd bald entwickelte sich zwischen ihm und seiner schönen Unbekannten ein regel­mäßiger Briefwechsel, der freilich nur auf seiner Seite den Charakter einer wirklichen Korrespondenz trug, wäh­rend s i e sich auf Blumensendungen und jeweilige An­deutungendurch die Briefmarke" beschränkte. Diese An­deutungen waren allerdings dazu angethan, in dem Fabri­kanten noch mehr den Wunsch anzustacheln, seine unbe­kannte Partnerin kennen zu lernen. Da hieß es einmal, wenn er gar zu verzagt geschrieben hatte:Mut, teurer Freund!", ein andermal:Du wirst von mir hören", dann wieder:Dein süßes Bild umschwebt mich Tag und Nacht" oder gar:Mein Herz ist längst Dein Eigentum!" Ein Brief aber brachte den Fabrikanten ganz außer Rand und Band. Dieser enthielt nämlich anstatt der üblichen Blumen­sendung eine Karte mit den inhaltschweren Worten: Nächsten Sonntag früh weile ich in Ihrer Stadt!"'

Die Folge dieser Ankündigung war die inständige Bitte des Fabrikanten, ihm eine Zusammenkunft zu gewähren, und die Antwort darauf lautete, wiederum nur durch die Briefmarke gegeben:Gieb einen Ort an, wo wir uns treffen können!"

So vergnügt, wie an diesem Tage, war der Fabrikant lange nicht gewesen. Wo konnte er sich wohl am unauf­fälligsten mit seiner schönen Unbekannten treffen? Das einfachste und natürlichste war wohl, wenn er sie auf»

forderte, in denBienenkorb" zu kommen; denn die Kott- ditorei wurde ja häufig genug von einzelnen Damen be­sucht. In diesem Sinne machte er denn auch seinen Vor­schlag, und die Antwort lautete kaum glaubte er seinen Augen trauen zu dürfen laut Briefmarkensprache: Erwarte mich!"---

Der nächste Sonntag es war der 1. April war herangekommen. Herr Schlenther hatte zeitiger als sonst sein Lager verlassen, um ja zu rechter Zeit imsüßen" Zimmer desBienenkorb", wie das Vorderzimmer der Konditorei im Gegensatz zumHerrenstübel" genannt wurde, auf dem Posten zu sein. Da überbrachte ihm derStift" des Apothekers einen Brief. Ungehalten über die Störung öffnete er das Schreiben und las:

Lieber Freund!

Der Wirt vomRatskeller" hat, wie er mir eben sagen läßt, einen mächtigen, beinahe einen Zentner schweren Wels gekauft, der heute verspeist werden soll. Du wirst Dich doch an demWels-Essen" beteiligen? Die andern vom Stammtisch habe ich auch benachrichtigt! Wir erwarten Dich bestimmt. Gegen 11 Uhr werden wir alle beisammen sein. Komme ja nicht zu spät!

Dein Freund

A., den 1. April. Hansen.

Ein Wels-Essen das war nun eigentlich nach seinem Sinn; aber heute? Nein! Heute konnte er nicht kommen! Eben wollte er bedauernd demStift" erklären, daß es ihm unmöglich sei, sich an dem Wels-Essen zu beteiligen, als sein Blick auf das Datum fiel: den 1. April!

Also das war der plumpe Versuch, ihn hineinfallen zu lassen! Na warte, Freund Hausen, diesmal sollst Du der Hineingefalleue sein. Die Falle war ja auch zu durch­sichtig. Und lachend trug er dem Burschen auf, seinem Herrn zu melden, daß er pünktlich! um 11 Uhr im Rats­keller eintreffen werde und sich schon riesig auf das Wels- Essen freue!

DerStift" lief eilig davon, und Herr Schlenther machte sich auf den Weg zumBienenkorb". Daß seine Stammtischgeuossen sich im Ratskeller trafen, war ihm gerade recht, konnte er so doch ungestört sich seiner schönen Unbekannten widmen.

Unterwegs nahm er erst noch aus dem nächsten Blumenladen einen hübschen Veilchenstrauß mit Veilchen waren jaihre" Lieblingsblumen und dann betrat er, hochklopfenden Herzens, dassüße" Zimmer desBienen­korbs".

Herr Schaffhausen, der Wirt, wollte ihn, alter Ge­wohnheit gemäß, insHerrenstübel" komplimentieren, allein Herr Schlenther lehnte dankend ab; er nahm an einem der Marmortischchen imsüßen" Zimmer Platz und bat um eine Tasse Kaffee.

Kaffee?" fragte der Wirt, als zweifle er, recht ge­hört zu haben.

JawohlKaffee!" erwiderte Herr Schlenther lächelnd. Ich hab' heute gerade Appetit auf Kaffee!"

Glaubte gar nicht, heute vormittag das Vergnügeck zu haben", meinte der Wirt redselig.Die andern Herren sind, so viel ich weiß, im Ratskeller, zum Wels-Essen

Ganz recht werde vielleicht auch noch dahin gehen; vorläufig aber habe ich hier geschäftlich natürlich mit einer Dame zu sprechen. Ist vielleicht schon nach mir ge­fragt worden?"

Der Wirt schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und meinte, als habe er das ganz vergessen:Ja, richtig eine Dame ist hier, die Sie zu sprechen wünscht. Ich habe sie einstweilen insHerrenstübel" eintreten lassen!"

Mit einem aus tiefster Seele kommenden: ,,Schafs­kopf! Und da lassen Sie mich hier sitzen?" erhob sich . Herr Schlenther, schritt zur Thür und öffnete diese. Im selben Augenblick aber prallte er entsetzt zurück. In dem Zimmer saßen alle seine Freunde, und ein dröhnendes Reingefallen!" scholl ihm entgegen.

Herr Schlenther wußte im ersten Augenblick nicht, was er dazu sagen sollte. Als aber der Apotheker, ein kleines, rotes Büchlein mit der AufschriftBriefmarkensprache'« in der Hand haltend, ihm entgegentrat und ihn lächelnd fragte:Nun, Freund Schlenther, giebst Du die Wette ver-