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Die Adresse wies eine zierliche Damenhandschrift auf. Abgestempelt war er in N.
Merkwürdig! — Warum zögerte er, diesen Brief zu öffnen? Warum pochte sein Herz so ungestüm und warum schwebte ihm gerade jetzt die bezaubernde Gestalt jener unbekannten, schönen Dame vor Augen, der er auf dem Wege zum Bahnhofe Ritterdienste geleistet? War's schließlich ein Wunder, wenn sie ihm jetzt noch ihren Dank aussprach? War's nicht vielmehr ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, wenn sie es that?
Resolut riß er das Couvert auf und — war enttäuscht. Er fand nichts weiter darin, als ein kleines, rotes Büchlein mit der Aufschrift: „Briefmarkensprache. Ein Wegweiser für Liebende." Sonst keine Zeile, keinen Namen'! Was sollte das bedeuten?
Er blätterte und blätterte, las und las. Dann plötzlich beugte er sich zum Papierkorb hernieder und holte das Couvert hervor, das er da hinein versenkt hatte. Ein Blick darauf überzeugte ihn, daß die beiden Fünfpfennig-Marken nicht wie üblich, in der rechten oberen Ecke, sondern rechts unten, und zwar in einer von der gewöhnlichen abweichenden Stellung aufgeklebt waren. Hastig schlug er in dem Büchlein nach und fand, daß diese Markenstellung bedeutet: „Besten Dank!"
Also d och ein Dank, seiner schönen Unbekannten! Warum aber so geheimnisvoll? — Wie sollte er ihr antworten, da er ihren Namen nicht kannte? So sehr er sich über dieses Lebenszeichen gefreut — er war verstimmt und blieb es auch. Ja, so sehr wirkte dieser anonyme Brief auf ihn ein, daß er ein paar Abende hintereinander den „Bienenkorb" mied.
Ein paar Tage waren vergangen, da fand der Fabrikant wieder unter den eingelaufenen Postsachen einen gleichen Brief mit derselben Handschrift. Aber auch diesmal war kein Sterbenswörtchen dazu geschrieben. Der Inhalt bestand lediglich aus einem gepreßten Veilchen. Die Markenstellung aber bedeutete diesmal: „Guten Morgen!"
Und auch ein dritter Brief ließ nicht lange auf sich warten; er war aber inhaltsreicher, als die beiden ersten. Er enthielt eine Karte mit den Buchstaben G. H.; die Markenstellung aber enthielt nach dem kleinen roten Büchlein die Aufforderung: „Schreibe mir postlagernd."
Lange ging der Fabrikant mit sich zu Rate, ob er der Aufforderung Folge leisten sollte; schließlich aber siegte das Verlangen, die schöne Unbekannte näher kennen zu lernen, nnd ein Brief ging unter der Chiffre „G. H., postlagernd N." ab, in dem Herr Schlenther die geheimnisvolle Briefschreiberin bat, den Schleier der Anonymität zu lüften. Allein die Antwort — wiederum durch die Stellung der Briefmarke ausgedrückt, lautete ablehnend: „Ich' kann Deinen Wunsch nicht erfüllen."
Der Fabrikant ließ sich aber durch diesen ablehnenden Bescheid nicht einschüchtern, nnd bald entwickelte sich zwischen ihm und seiner schönen Unbekannten ein regelmäßiger Briefwechsel, der freilich nur auf seiner Seite den Charakter einer wirklichen Korrespondenz trug, während s i e sich auf Blumensendungen und jeweilige Andeutungen „durch die Briefmarke" beschränkte. Diese Andeutungen waren allerdings dazu angethan, in dem Fabrikanten noch mehr den Wunsch anzustacheln, seine unbekannte Partnerin kennen zu lernen. Da hieß es einmal, wenn er gar zu verzagt geschrieben hatte: „Mut, teurer Freund!", ein andermal: „Du wirst von mir hören", dann wieder: „Dein süßes Bild umschwebt mich Tag und Nacht" oder gar: „Mein Herz ist längst Dein Eigentum!" Ein Brief aber brachte den Fabrikanten ganz außer Rand und Band. Dieser enthielt nämlich anstatt der üblichen Blumensendung eine Karte mit den inhaltschweren Worten: „Nächsten Sonntag früh weile ich in Ihrer Stadt!"'
Die Folge dieser Ankündigung war die inständige Bitte des Fabrikanten, ihm eine Zusammenkunft zu gewähren, und die Antwort darauf lautete, wiederum nur durch die Briefmarke gegeben: „Gieb einen Ort an, wo wir uns treffen können!"
So vergnügt, wie an diesem Tage, war der Fabrikant lange nicht gewesen. Wo konnte er sich wohl am unauffälligsten mit seiner schönen Unbekannten treffen? Das einfachste und natürlichste war wohl, wenn er sie auf»
forderte, in den „Bienenkorb" zu kommen; denn die Kott- ditorei wurde ja häufig genug von einzelnen Damen besucht. In diesem Sinne machte er denn auch seinen Vorschlag, und die Antwort lautete — kaum glaubte er seinen Augen trauen zu dürfen — laut Briefmarkensprache: „Erwarte mich!"--- —
Der nächste Sonntag — es war der 1. April — war herangekommen. Herr Schlenther hatte zeitiger als sonst sein Lager verlassen, um ja zu rechter Zeit im „süßen" Zimmer des „Bienenkorb", wie das Vorderzimmer der Konditorei im Gegensatz zum „Herrenstübel" genannt wurde, auf dem Posten zu sein. Da überbrachte ihm der „Stift" des Apothekers einen Brief. Ungehalten über die Störung öffnete er das Schreiben und las:
Lieber Freund!
Der Wirt vom „Ratskeller" hat, wie er mir eben sagen läßt, einen mächtigen, beinahe einen Zentner schweren Wels gekauft, der heute verspeist werden soll. Du wirst Dich doch an dem „Wels-Essen" beteiligen? Die andern vom Stammtisch habe ich auch benachrichtigt! Wir erwarten Dich bestimmt. Gegen 11 Uhr werden wir alle beisammen sein. Komme ja nicht zu spät!
Dein Freund
A., den 1. April. Hansen.
Ein Wels-Essen — das war nun eigentlich nach seinem Sinn; aber heute? Nein! Heute konnte er nicht kommen! Eben wollte er bedauernd dem „Stift" erklären, daß es ihm unmöglich sei, sich an dem Wels-Essen zu beteiligen, als sein Blick auf das Datum fiel: den 1. April!
Also das war der plumpe Versuch, ihn hineinfallen zu lassen! Na warte, Freund Hausen, diesmal sollst Du der Hineingefalleue sein. Die Falle war ja auch zu durchsichtig. Und lachend trug er dem Burschen auf, seinem Herrn zu melden, daß er pünktlich! um 11 Uhr im Ratskeller eintreffen werde und sich schon riesig auf das Wels- Essen freue!
Der „Stift" lief eilig davon, und Herr Schlenther machte sich auf den Weg zum „Bienenkorb". Daß seine Stammtischgeuossen sich im Ratskeller trafen, war ihm gerade recht, konnte er so doch ungestört sich seiner schönen Unbekannten widmen.
Unterwegs nahm er erst noch aus dem nächsten Blumenladen einen hübschen Veilchenstrauß mit — Veilchen waren ja „ihre" Lieblingsblumen — und dann betrat er, hochklopfenden Herzens, das „süße" Zimmer des „Bienenkorbs".
Herr Schaffhausen, der Wirt, wollte ihn, alter Gewohnheit gemäß, ins „Herrenstübel" komplimentieren, allein Herr Schlenther lehnte dankend ab; er nahm an einem der Marmortischchen im „süßen" Zimmer Platz und bat um eine — Tasse Kaffee.
„Kaffee?" fragte der Wirt, als zweifle er, recht gehört zu haben.
„Jawohl—Kaffee!" erwiderte Herr Schlenther lächelnd. „Ich hab' heute gerade Appetit auf Kaffee!"
„Glaubte gar nicht, heute vormittag das Vergnügeck zu haben", meinte der Wirt redselig. „Die andern Herren sind, so viel ich weiß, im Ratskeller, zum Wels-Essen
„Ganz recht — werde vielleicht auch noch dahin gehen; vorläufig aber habe ich hier — geschäftlich natürlich — mit einer Dame zu sprechen. Ist vielleicht schon nach mir gefragt worden?"
Der Wirt schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und meinte, als habe er das ganz vergessen: „Ja, richtig — eine Dame ist hier, die Sie zu sprechen wünscht. Ich habe sie einstweilen ins „Herrenstübel" eintreten lassen!"
Mit einem aus tiefster Seele kommenden: ,,Schafskopf! Und da lassen Sie mich hier sitzen?" erhob sich . Herr Schlenther, schritt zur Thür und öffnete diese. Im selben Augenblick aber prallte er entsetzt zurück. In dem Zimmer saßen alle seine Freunde, und ein dröhnendes „Reingefallen!" scholl ihm entgegen.
Herr Schlenther wußte im ersten Augenblick nicht, was er dazu sagen sollte. Als aber der Apotheker, ein kleines, rotes Büchlein mit der Aufschrift „Briefmarkensprache'« in der Hand haltend, ihm entgegentrat und ihn lächelnd fragte: „Nun, Freund Schlenther, giebst Du die Wette ver-


