Ausgabe 
1.4.1900
 
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möglich, daß auch nicht einer in der langen Straße etwas von diesen Schätzen brauchte?

Nach einer kleinen halben Stunde jedoch, während deren er sich eine Zigarre angezündet und mit erkünstelter Ruhe die Zeitung vorgenommen hatte, ging die Laden- thür. Es war die erste Kundin, die eintrat, und in seiner Freude wäre er ihr beinahe um den Hals gefallen. Schon seit der dritten Nachmittagsstunde hatte er die Gaslampen in Brand gesteckt, der Laden [tuar bis in seine fernsten Ecken erleuchtet, und die Eingetretene blinzelte unter ihrem wollenen Kopftuch scheu gegen diesen Strom von Helle, der ihr entgegcndrang. Es war eine ärmliche, blasse Frau, die langsam ein Zwanzigpfennigstück auf den Ladentisch niederlegte und eine Schachtel Putzpomade forderte.

Paul packte ihr das Gewünschte in eines der rot und grün gestreiften Seidenpapiere, die er riesweise aus einer Luxuspapierfabrik bestellt hatte, und in seiner Aufregung über diese erste Huld des Schicksals an dem entmutigenden Tage griff er in die Bonbonbüchse und legte mit der ge­murmelten Frage:Haben Sie Kinderchen?" einen kleinen Haufen Zuckerwerk neben das Päckchen mit der Putzpomade nieder.

Die Frau musterte ihn erstaunt. Einen Augenblick trafen sich die beiden Augenpaare, und Paul Ivar es, als er in das herbe, von Sorgenlinien durchgrabene Gesicht blickte, als müsse er die zwanzig Pfennige in die Hand des Weibes zurückschieben.

Dat is aber mal nett von Ihnen, da werden se Augen machen", rief die Frau, indem sie mit ihren Arbeits­händen nach den bunten Papierhüllen griff.Dat hätte nu der Vorigte nie jethan", dat war en zu gnietschiger Mensch.Ja, ja", fügte sie hinzu, indem sie sich in dem weiten, leeren Laden 'umsah, und dann Paul wieder mit teilnahmsvollem Blicke streifte,so den Anfang machen, nachdem et der andere verdorben hat, det is schwer. Un die' Jegend hier wo eener nach dem andern stillschwei­gend wieder die Bude schließt. Na, vielen Dank noch einmal, junger Herr, und Ville Glück!"

Eilfertig, noch immer lebhaft sprechend, entfernte sie sich.

Paul stand noch immer am Tische, die Hände auf­gestützt, die Worte der Frau schwebten ihin im Ohre, als sie schon längst gegangen war. Immer und immer wieder hörte er die laute, ungebildete Stimme in so festem Tone: Einer nach dem andern hier draußen stillschweigend wieder die Bude schließt." Er fühlte, wie ihm ein Frösteln den Körper entlang lief, ging an den Ofen, hielt seine kalten Hände an die Kacheln, lehnte sich dann mit dem Rücken dagegen und stand so lange, den Blick in den leeren, großen, kalten Raum gerichtet; mit fieberhaft geschärften Sinnen horchte er auf das Trottoir hinaus, auf die vorbeigehenden Schritte, von denen manche ihm vor seiner Ladenthür zu zögern schienen. Aber immer wieder, wenn das erwar­tungsvolle Klopfen seines Herzens ihm sagte:Jetzt geht gleich die Ladenglocke, jetzt kommt jemand" verhallten draußen die Schritte wieder, und von diesem Spiel der aufgeregten Phantasie am Ende ganz erschöpft, ließ er sich in demWohnraum" aufs Sofa nieder und legte den Kopf aus die Arme.

(Fortsetzung folgt.)

Der Reinfall bei Schaffhausen.

Ein Aprilscherz von B. Anders.

Nachdruck verboten.

Just am 1. April war's. ImHerrenstübel" des Bienenkorb", wie die renommierteste Konditorei des Jn- dustriestädtchens A. genannt wurde, ging's heute lebhafter zu, als sonst. In den vorderen Räumlichkeiten, in denen nur Kaffee geschenkt und allerlei Süßigkeiten verabreicht wurden, saßen nur, in die dunkelsten Winkel gedrückt, einige Liebespaare, im leisen Flüsterton verstohlen miteinander tuschelnd; dahinter aber, imHerrenstübel", herrschte ein um so lauterer Ton, und der geschäftige Wirt, Herr Schaff­haufen, konnte nicht oft genug in den Keller hinabsteigen, um Flasche aus Flasche seines vorzüglichenRauenthalers" herauszuholen, und zwar -alle auf Kosten des jovialen Herrn Schlenther. Das berührte aber Herrn Schaffhausens gastwirtliches Gewissen wenig; denn Herr Schlenther war

;;a der reichste Fabrikant am Ort, obendrein Junggeselle, sodaß er für niemand sonst zu sorgen brauchte er konnte also die Zeche zahlen, ohne sonderlich darunter zu leiden. Dem behäbigen Herrn Schlenther aber machte die Sache Spaß; er war Freund eines guten, harmlosen Witzes, und als Opfer eines solchen war er zur Zahlung der Wette verpflichtet.

Und das kam so.

Am 1. April des vergangenen Jahres hatte die Tages­zeitung des Städtchens einen Aprilscherz veröffentlicht, auf den eine Menge Leute, darunter auch verschiedene Stamm­gäste des Herrenstübels imBienenkorb", hineingefallen waren. 'Herr Schlenther gehörte nicht zu den Hineinge- fallenen, weniger freilich infolge seiner Schlauheit, als vielmehr dank einem Zufall. Er brüstete sich aber damit und meinte, daß es wohl niemandem gelingen könne, ihn in den April zu schicken". Dem wurde widersprochen; am heftigsten von dem stets zu allerlei lustigen Streichen aufgelegten Apotheker Hansen. Schließlich kam es zu einer Wette zwischen beiden, dahin gehend, daß der Fabrikant eine Rheinwein-Zeche für den Stammtisch zahlen solle, wenn es dem Apotheker gelänge, ihnin den April zu schicken"; andernfalls hatte der Apotheker die Zeche zu zahlen.

In den nächsten Wochen, ja Monaten, wurde noch häufig diese Wette erwähnt, dann aber schien sie allmählich in Vergessenheit geraten zu sein. Bei dem Fabrikanten war das wohl auch der Fall, nicht aber bei dem Apotheker; der grübelte und grübelte, wie er es wohl anfangen könne, seinen Freund hineinzulegen. So viel stand bei ihm fest, daß er den Scherz langer Hand vorbereiten müsse; denn durch eine plötzliche Ueberrumpelung würde er den Fabri­kanten kopfscheu gemacht haben. Und ein günstiger Zufall verhalf -ihm dazu, schon um die Weihnachtszeit seinen Feld­zugsplan einzuleiten.

Der Fabrikant Schlenther kam eines Abends unge­wöhnlich erregt an den Stammtisch. Er hatte im Laufe des Tages ein Abenteuer gehabt; eine Dame von auf­fallender Schönheit war auf dem Wege zum Bahnhof aus- gegtitten, und er hatte sie, da ihr das Gehen Schmerzen verursachte, in seinem Wagen bis zum Bahnhof gebracht und sie dann noch bis zuni Coupee geleitet. Als Mann von Bildung hatte er ihr seinen Namen genannt; auch die Dame hatte das gleiche gethan, doch so undeutlich, daß er den Namen nicht verstanden hatte. Er wußte von ihr nur, daß sie in der Nachbarstadt N. wohne.

Das Abenteuer hatte den wohlbeleibten Herrn, den sonst nichts so leicht aus der Ruhe zu bringen vermochte, augenscheinlich ungewöhnlich erregt, und darauf baute der Apotheker seinen Plan. Die schöne Unbekannte mußte ihm dazu verhelfen, seine Wette gegen den Fabrikanten zu gewinnen. Aber wie?

DiesesWie" beschäftigte den Apotheker wieder ein­mal recht lebhaft, als er eines Vormittags auf dem Wege zumBienenkorb" die Hauptstraße des Städtchens entlang schlenderte, ab und zu stehen bleibend, um die Auslagen der Schaufenster zu besichtigen. Da beim Buchhändler fiel sein Blick auf ein kleines, zierliches Büchlein in rotem Umschlag, das auf weißem Felde die Aufschrift Briefmarkensprache" trug. Wie eine Erleuchtung hufchte es in diesem Augenblick über sein Angesicht, und mit einem Hallo, alter Junge, jetzt haben wir Dich!" betrat er den Laden. Für eine halbe Reichsmark setzte er sich in den Besitz des Büchleins und dann eilte er, seinen geliebten Frühschoppen für diesmal im Stiche lassend, nach Hause, um sich ungestört mit Feuereifer auf das Studium des Büchleins zu werfen.

Am Nachmittage desselben Tages noch sandte er einen dicken Brief an seinen Freund, den Postdirektor der Nach­barstadt N. ab, in dem er diesem seinen Plan auseinander­setzte und ihn um seine Hilfe bat, die dieser auch bereit­willigst zusagte.----

Fabrikant Schlenther saß in seinem Privatkontor, mit der Durchsicht der Post beschäftigt. Sämtliche Briefe waren bereits erledigt, nur noch einer lag vor ihm einer, der so gar kein geschäftliches Aussehen hatte. Er fühlte sich ziemlich dick an, war von kleinem Format, feinstem eng­lischen, elfenbeinfarbenem Papier und duftete nach Veilchen.