Ausgabe 
1.4.1900
 
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1900.

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Sg# s sei dein Herz dein Prunkgemach,

DaS kehre aus wohl jeden Tag,

Das halte sauber, halte fein

Von jedem Staub der Sünde rein. >

F. Stolle.

Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Schon am nächsten Morgen trat Paul seine Rolle als Ladenbesitzer an. Still und heimlich, aber mit der ruhigen Hartnäckigkeit, die in seinem Charakter begründet lag, hatte er seit dem Anftauchen seines Projektes alle Beziehungen zu seiner bisherigen Abhängigkeit gelöst, die Kontorstelle aufgekündigt, die Wohnung für das nächste Quartal auf­gegeben und ein Logis in Aussicht genommen, das im süd­lichen Vorort lag, und zwar höheren Mietzins erforderte, als das bisherige, im billigen Moabit gelegene, dafür aber auch mit einem gewissen Komfort der Neuzeit aufs ange­nehmste ausgestattet war.

Als die Großmutter von all diesen Vorbereitungen, die hinter ihrem Rücken in stand gesetzt worden waren, erfuhr, wurde sie ganz still und zog sich gänzlich in sich selbst zurück. Dieser Verrat von feiten des Menschen, den sie um meisten von allen auf der Welt geliebt hätte, war für sie so ungeheuerlich, daß er Jie zuvörderst ganz be­täubte. Sie war wie gelähmt. Sie konnte nicht schelten mehr, nicht murren.Bald wird alles vorüber sein", sagte sie geduldig, und die Stumpfheit des Alters, die ihr noch fern gewesen war, trat nach diesem letzten Schicksälsschlage mehr und mehr in ihre Rechte, und "breitete wohlthätige Schutzhüllen gegen alle Außeneindrücke über das von Sor­gen müde Herz.

Paul fand den ersten Tag in seinem neuen Wirkungs­kreise so viel Arbeit und Pflichten vor, das heißt, er machte sich eine solche Unmenge Beschäftigung zurecht, indem er sich sofort mit so und soviel Warenhäusern in Verbindung fetzte, und etwaige, fehlende Bestände durch dieselben augen­blicklich ersetzen ließ, daß er nicht gleich dazu kam, sich über das Kuriosum eines fast gänzlich stockenden Geschäfts­ganges entmutigenden Gedanken hinzugeben. Seine Haupt­beschäftigung bestand an diesem Tage darin, in Gemein­schaft mit dem Hausdiener die ankommenden Pakete und Kisten von ihren Emballagen zu befreien, die eingelieferten Rechnungen zu begleichen und dann ins Hauptbuch einzu­

tragen. Als aber dieser erste Ansturm von Besorgungen vorüber war, er erwartungsvoll und gespannt hinter der Theke stand, und während des ganzen Nachmittags nicht ein einziges Mal die Ladenthür aufging, um einen Käufer ejnzulassen, begann sich seiner eine trübe Stimmung zu bemächtigen.

Leiser Regen rieselte an den Ladenscheiben herab und breitete sich an dem warmen Glase zu zerfließenden kleinen Strömen auseinander. Es wurde früh dunkel, und in dem schmucklosen Kachelofen, worin mit dem Stroh, dem Heu und den Holzleisten der Emballagen ein Feuer an­gesteckt worden war, knatterte und prasselte es wie von einem unruhigen, kleinen Geschütz, und immerfort glaubte Paul aus dem Knattern und Prasseln die Worte heraus­zuhören: Es wird Herbst! Es wird Herbst! Es wird Herbst!

Mitunter trat er vor die Ladenthür und blickte zu seinem Gegenüber, dieser stillen, langen Straßenreihe hin, deren vornehme Häuser in kalter Ruhe lagen. Woher waren die Gardinen an diesen unzähligen Fenstern so schneeig und steif, wenn man keine Seife, keine Stärke brauchte? Womit scheuerte man diese vielen Hausflure, putzte man diese messingnen und kupfernen Drücker an den schweren, eiche­nen Thüren? Woher holten die Schulkinder, die schreiend, die Mappen auf dem Rücken, über die Straße stürmten, den Bimftein für ihre Tintenfinger, die Bonbons für ihre Leckermäuler, die Kohle für ihre Zeichenhefte, wenn nicht bei ihm? Konnte er sich so weit erniedrigen, um den Frauen, die mit Einkaufstaschen an den Armen an seinem Laden vorübergingen und teilnahmslos die Scheiben streif­ten, zuzurufen:Kommen Sie hierher! Hier giebt es die beste Seife! Das hellste Petroleum! , Die' Scheuertücher sollen Sie im Dutzend zehn Pfennig billiger haben als anderswo!"--??

Ein paar Häuser weiter war ein zweiter, einsamer Laden, ein Wollwarengeschäft, dessen Besitzer es thatsäch- lich auf diese Weise mit den spröden Passanten versuchte. Paul sah, wie der kleine lebhafte Herr, der vor der Laden­thür stand, die vorbeieilenden Frauen anrief, zuweilen festhielt und mit eindringlicher Stimme auf sie einfprach, wobei sein Gesicht einen demütigen und doch fast leiden­schaftlichen Ausdruck annahm. Doch sie wehrten ihn ab, wie man Fliegen von sich scheucht. Nur ab und zu trat eine, der er gar zu hart zufetzte, oder ein Dienstmädchen, dem er durch seine Scherze ein dummes, verschämtes Lachen entlockte, in seinen Laden ein.

- Auf diese Weise zu Kunden gelangen, nein! nein! Und er trat wieder in den Laden zurück, ging abermals hinter die Theke, stützte die Hände auf den Tisch und musterte mechanisch die Etiketten an den Gläsern und Flaschen der Regale. Mein Gott, wie viele Mittel, Heil­ding«, Nutzartikel für Gesunde und Kranke, war eg