Ausgabe 
1.3.1900
 
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Rußland besitzt in seinem zentralen Teile südlich von Moskau bei Tula, Rjasan und Kaluga sehr bedeutende Kohlenfelder, desgleichen am Ural und Dniepr, und es gehört keine Sehergabe dazu, vorauszusagen, daß hier auch in hundert Jahren die Zentren der großen Industrie stehen werden, welche das mächtig aufstrebende Land dann besitzen wird.

Belgien verdankt seinen heutigen Wohlstand in erster Linie seinen Kohlenvorräten, welche sich im Becken von Mons über 900 Quadratkilometer ausdehnen, und zu denen bei Lüttich weitere 540 Quadratkilometer kommen.

Allen diesen Ländern an Kohlenreichtum weit voran stehen aber Deutschland und England. Das Saarbecken, oder wie man es jetzt öfter scherzhäfterweise nennen hört, das Königreich Stumm", ist schon erwähnt worden. Am bekanntesten ist das rheinisch-westfälische Revier, welches aus 2000 Quadratkilometern 130 Flötze mit 77 Meter Kohle enthält. .Recht bedeutend ist auch das niederschlesische Kohlenbecken bei Waldenburg. Alle werden aber an Aus­dehnung wie an Kohlenreichtum weit übertroffen von Ober­schlesien. Dort findet sich Kohle auf einer-Fläche von 5000 Quadratkilometer, und die 104 abbauwerten Flötze haben eine Gesamtmächtigkeit von 154 Meter Kohle. Der bedeu­tendste von ihnen ist der Xaveriflötz mit 16 Meter Höhe. Es ist ein eigenartiger Anblick, wenn man vor dieser Kohlen­wand steht, welche die Höhe eines ganz stattlichen Hauses hat und Milliarden Zentner Kohle irgt. Kleinere Stein­kohlenlager finden sich noch an vielen Orten Deutschlands, fallen aber hier nicht ins Gewicht.

England gräbt seine schwarzen Diamanten auf einer Fläche von 30 000 Quadratkilometer Und überall, wo Kohlen liegen, in Südwales, bei Birmingham, Manchester, Liver­pool, in Staffordshire, Warwickshire, in Northumberland und Durham, in Cumberland, in Schottland am Firth of Forth oder am Clyde befindet sich das Meer in nächster Nähe. Dank diesem Umstande kann die Kohle auf weithin mit der billigen Wasserfracht versandt werden, und so sind schon viele hundert Millionen Mark aus Norddeutschland als Kaufpreis für englische Kohle ins Ausland gegangen.

Die anderen Weltteile sind schnell abgethan. In Afrika finden sich Steinkohlen nur im Kaplande, in Natal, Trans­vaal und in Deutsch-Ostafrika am Rovuma und zwischen dem Nyassa- und Tanganjikasee und am Sambesi. Um so reicher an Kohle ist China, dessen Lager sich! »unter einer Fläche von der Ausdehnung des Deutschen Reiches er­strecken. Auch Vorder- und Hinterindien, Borneo, der Altai und Sibirien, namentlich die Gegend um Tomsk, sind reich damit gesegnet. Australien besitzt gleichfalls große Kohlenfelder, und Neuseeland ist sogar überreich damit bedacht.

Wie wird sich nun die Kohlenfrage in den nächsten Jahrhunderten gestalten? Man berechnet die Kohlen­vorräte Englands auf 200 Milliarden Tonnen, diejenigen Deutschlands auf 200 Milliarden, denen in Frankreich 18, in Oesterreich-Ungarn 17, in Belgien 15 Milliarden Tonnen 'gegenüberstehen. Das macht zusammen 400 Milliarden, während Nordamerika deren etwa 700 Milliarden besitzt. Bei der jetzigen Förderung würden die Kohlen zuerst in Oesterreich-Ungarn ausgehen, demnächst itt Frankreich und in Belgien, und zwar wäre das in längstens 400 bis 500 Jahren zu erwarten; dann käme in 600 bis 700 Jahren England an die Reihe und in 100 Jahren träte dieser Fall in Deutschland ein. Jedes Jahr erbringt aber den Beweis, daß die Kohlenförderung zunimmt. Es ist eine sehr mäßige Schätzung, wenn man annimmt, daß sich die­selbe bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf eine halbe Milliarde Tonnen in Europa gehoben haben wird. Bei diesem Verbrauch wäre aber Europa schon in 800 Jahren mit seinen Vorräten gänzlich fertig.

Die Sache hat nun aber noch mehrere Haken. Alle vorgenannten Zahlen beruhen auf der Voraussetzung, daß der'Geologie keine bedeutenderen Kohlenlager mehr un­bekannt geblieben sind und daß der Abbau in der Tiefe an der jetzigen Grenze Halt machen wird. Beides ist un­zutreffend. Selbst die obersten Schichten der Erdrinde sind uns erst unzulänglich bekannt, und das Schicksal des Wiener Geologen und Bimetallisten Süß, der ein baldiges Ver­

siegen der Goldlager in Aussicht stellte und sehen mußte, daß die Goldproduktion wenige Jahre darauf ungeheuer zunahm, kann sich in ähnlicher Weise wiederholen. Zweitens wird man aber die Schächte noch viel tiefer in die Eingeweide der Erde hinabtreiben; der Betrieb wird- dadurch allerdings gefährlicher, weil dann schlagende Wetter in größerem Maße auftreten, und die Produktions­kosten nehmen zu. Aber ausführbar ist es mit den modernen Hilfsmitteln, mindestens 600 Meter tiefer, als es bisher geschah, Bergbau zu treiben.

Vielleicht ist dies aber zu dem Zeitpunkt, wo die Kohlen zu Ende gehen werden, nicht mehr nötig. Denn andere Naturkräfte, welche Luft und Wärme und Energie spenden, sind genug vorhanden. Es kommt nur darauf an, sie dem Menschen dienstbar zu machen, und in diesen Problemen macht der Erfindungsgeist ja täglich Fortschritte.

Es ist erstaunlich, welcher Mittel sich der intelligente Formobstzüchter bedient, um die Natur seinem Willen unterzuordnen. Ungestümes Wachstum bändigt er, indem er starktreibende Aeste in eine mehr wagerechte Stellung bringt, kahle Stellen seiner Spaliere bekleidet er durch Einsetzen von Fruchtaugen und -zweigen. Will ein Auge nicht austreiben, so bringt er oberhalb desselben einen! halbmondförmigen Schnitt an und erzielt dadurch in den meisten Fällen den gewünschten Erfolg. Befinden sich an sonst gesunden Spalierarmen verletzte oder kranke Stellen, so überbrückt er diese durch geschickt ausgeführte Ver­edelungsmethoden. Viel zu wenig bekannt ist aber ein Verfahren, auf das der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau in seiner neuesten Nummer in Wort und Bild aufmerksam macht. Man kann nämlich Birnpyramiden, die sich erschöpft haben, oder die Quittenunterlage nicht vertragen, sicher retten und zu freudigerem Wachstum veranlassen, wenn man in den Mutterstamm über der alten Veredelungsstelle Birnwildlinge seitlich einsetzt. Wie das gemacht wird, können Interessenten aus den vom Ge­schäftsamte des praktischen Ratgebers zu Frankfurt a. O, auf Verlangen kostenlos zugestellten Probenummer ersehen.

Schachaufgabe.

(Nachdruck Verboten.)

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Weiß setzt mit dem zweiten Zuge matt. Auflösung folgt in nächster Nummer.

Auflösung des Geographischen Verschiebrätsels in voriger Nummer:

Budapest

Persien Schweiz Paris Teplitz Magdeburg Warschau

Redaktion: ®. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schrn Universitäts-Buch" und Steindrnckerei (Pietsch Erbens in Siesien.