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Das war alles, was sie sprachen. Schweigsam, den Mick zn Boden gesenkt, keuchten sie unter der Last ihrer Einkäufe weiter.
„Wie ist es möglich!" murmelte die Großmutter nur mitunter wie im Traum.
Plötzlich, sie hatten noch nicht ihre Straße erreicht, blieb die Großmutter stehen.
„Nimm den Blumenkohl, Marie, und den Wirsing" sagte sie. „Ich kann nicht mit nach Haus. Ich muß hinaus nach der Hasenheide!"
„Was willst Du thun, Mutter", fragte Frau Brinkmann ängstlich, indem sie in das erschöpfte Gesicht der alten Frau blickte.
„Laß doch sein, Marie", entgegnete die Greisin. „Du kannst mich nicht hindern, und nicht der Papst könnte es.
„Mutter, Mutter, du darfst nicht allein!"
„Laß nur sein, Marie. Da kommt schon die grüne Pferdebahn. Leb' wohl, Marie, und warte nicht mit dem Essen. — Das wäre so das Letzte — Türkenmädchen! Und Luftballon!!!" —
Fortsetzung folgt.
Kohlennot und Kohlenüberffuß.
Von Dr. Max Neu Wirth.
Nachdruck verboten.
Es fehlt nie an scharfsinnigen Betrachtungen darüber, Mas einst geschehen wird, wenn die Menschheit die ihr erreichbaren Kohlenvorräte in der Erdrinde verbrannt hat. Mit Beruhigung vernimmt der deutsche Leser, daß unsere einheimischen Kohlenbecken, vor allem das überaus reiche oberscyiestsche, bsi normaler Progression des Verbrauchs mindestens zweimal länger ausreichen werden, als die englisch-schottischen, und mit Neid müssen wir vernehmen, daß uns die Amerikaner mit ihren ungeheuren Kohlen- feldern in Kanada, Pennsylvanien, am Missouri und am Michigansee weit über sind, und daß auch China und Sibirien Reichtümer an diesen schwarzen Diamanten bergen, gegenüber welchen der in deutscher Erde liegende Vorrat gradezu winzig erscheint.
Während wib nun als glücklich Besitzende uns in akademischen Betrachtungen für das Geschick unserer Urenkel in der zwanzigsten bis dreißigsten Generation erwärmen, rückt uns auf einmal das Gegenteil, die Kälte, auf den Hals, als Folge eines plötzlich hereingebrochenen Kohlen- mangels, der seine Ursache keineswegs in der Erschöpfung einzelner fossiler Lagerstätten, sondern in der umfassenden Lohnbewegung hat, welche, von den böhmischen Braunkohlenrevieren ausgehend, nach den sächsischn Kohlenrevieren übergegriffen hat und weite Gegenden Deutschlands und Oesterreichs mit Mangel an diesem unentbehrlichen Brennstoff bedroht. Diese Not wird ja gewiß in wenigen Wochen vorübergehen, und der Konsument wird höchstens einige Mark oder Kronen mehr aus dem Portemonnaie herausrücken müssen. Immerhin wird sich aber mancher fragen, ob bei dem Vorhandensein so großer unterirdischer Lagerstätten die Preissteigerung der letzten Zeit eine Berechtigung hat.
_ Unter den Faktoren der Preisbildung spielt nun der Gesamtkohlenreichtum der Erde begreiflicherweise die letzte Rolle. Wie Hoch sich ein Zentner Kohle im Kleinverkauf ÄN einem bestimmten Orte stellt, hängt zunächst von der Höhe der Transportkosten, also von der Entfernung der Gruben und von der - etwaigen Existenz eines billigen Weges oder der Notwendigkeit eines kostspieligen Bahntransportes, dann aber auch davon ab, ob und in welcher Höhe eine wenig providentielle Steuerpolitik dem Volke be» unentbehrlichen Heizstosf durch Oktroi und andere Steuern verteuert. Daneben kommt aber auch die Höhe der Arbeitslöhne und das Kapital in Betracht, welches in den in Abbau stehenden Flötzen steckt und börsenmäßig bewertet wird, so lange wir noch nicht beim Staatssozialismus an- Tgelangt sind. Wären daher die Kohlenbergwerke annähernd gleichmäßig über die Erde verteilt, so würden wir, von ^otreikzeiten abgesehen, wohl immer annehmbare Kohlenhreise haben. Aber die Natur, die an manchen Stellen unfruchtbare Wüsten entstehen ließ, um anderswo üppige Paradiese zu schaffen, hat auch hier des Glücks Gaben un- -gleich verteilt; während der eine im Ueberfluß schwelgt.
muß der andere darben. Das ist nun einmal der Lauf der Dinge auf dieser Erde.
Obenan an Kohlenreichtum steht der nordamerikanische Kontinent. Von Kanada zieht sich das sogenannte appa- lachische Kohlenfeld tief in die Vereinigten, Staaten über Pennsylvanien, Ohio und Virginia bis tief hinunter nach Tenessee hin. Diese Reviere bedecken einen Flächenraunr von 160 000 Quadratkilometer, also eine Bodenfläche, welche einem Drittel des Deutschen Reiches nahe kommt, und die Summe der Flötze erreicht eine Mächtigkeit von 8 bis 40 Meter. Ausgedehnter noch, wenn auch nicht reicher, sind die Kohlenfelder in Illinois, Indiana, Kentucky, Missouri und den benachbarten Unionsstaaten. Dazu kommen noch jene in Neuschottland und Neufundland. Schon diese Felder enthalten einen kolossalen Kohlenvorrat, den man, wenn man einen Abbau bis zu 1000 Meter Schachttiefe annimmt, billig auf 800 Milliarden Metertonnen schätzen muß. Was aber außerdem in den Rocky-Mountains, auf Melville, Banksland und den übrigen zirkum- polaren Inseln, einschließlich Grönlands, im Erdenschoße ruht, entzieht sich jeder Schätzung, muß aber sehr hoch bewertet werden, da das ganze Becken der Hudsonbailänder nach seiner geologischen Beschaffenheit für eine enorme Entfaltung der dort lagernden Kohlenflötze spricht.
Effektiv arm an Steinkohlen ist Südamerika, wo nur die Becken von Kolumbien am Golfe von Uraba und im partement Magdalena und die Kohlendistrikte von Chile und an der Magelhaensstraße von Bedeutung sind. Außerdem finden sich natürlich noch an vielen anderen Orten, so namentlich in Peru, Ecuador und Südbrasilien, zahlreiche Kohlenwerke. Den Weltmarkt wird aber Südamerika kaum je beeinflussen können, selbst wenn im Innern des Amazonenstrombeckens und Paraguays, die beide so gut wie unerforscht sind, noch manches Kohlenlager gesunden werden sollte.
In Europa fällt zunächst der gänzliche Mangel an Steinkohlen in Italien auf, welcher dieses reich-, ja fast überbevölkerte Land hindert, den wirtschaftlichen Aufschwung zu nehmen, der ihm bitter not thäte. Der kleine Mann empfindet den hohen Preis der aus England oder Südfrankreich importierten Kohle zunächst zwar kaum; denn das gesegnete Klima macht an vielen Orten die Zimmerheizung fast stets entbehrlich; im übrigen besitzt der Italiener aber auch eine Virtuosität im Frieren, um die ihn mancher Nordländer beneiden könnte. Dafür ist aber die Lage der Industrie um so schlimmer. Fast ebenso arm sind die Balkanländer an Steinkohlen, und auch Ungarn wird Not haben, für seine aufblühende Industrie stets dn erforderlichen Brennstoff bereit zu stelln. Nur wenig besser, daran ist Schweden, welches wahrscheinlich, dank seiner wertvollen Eisenerze, welche die spanischen und steierischen an Reinheit und Güte weit übertreffen, längst eine mcüh- tige Eisen- und Maschinenindustrie haben würde, wenn nur in einigermaßen annehmbarer Nähe Kohlenlager vorhanden wären.
Zu den mittelmäßig mit Kohle gesegneten Ländern gehört Frankreich, welches zahlreiche kleinere Lagerstätten, daneben dann die Kohlendistrikte von St. Etienne und le Creuzot, besitzt, außerdem aber auch an dem Reichtum des belgischen Kohlenbezirks teilnimmt, dessen Flötze weit ins Französische hineinreichen. Nichtsdestoweniger haben aber die hart an der Grenze liegenden Saarbrücker Kohlenlager stets den Neid der französischen Machthaber erweckt, und es unterliegt keinem Zweifel, daß man bei einem umgekehrten Ausgange des Krieges von 1870 in Frankreich keinen Moment gezögert haben würde, den wertvollen Besitz des preußischen Nachbars mit Beschlag zu telegen.,
Spanien, Portugal, Norwegen und Dänemark spielen in der Weltwirtschaft keine Rolle; übrigens hat auch nuv Spanien unter allen Dreien nennenswerte Kohlenlager, welche kaum den eigenen Bedarf decken. Auch Oesterreich ist nur mäßig mit Stein- wie Braunkohlen gesegnet, untz nachdem man sich seit Jahrzehnten in Sachsen auf die Braunkohlen der benachbarten böhmischen Reviere verlassen hat, ist es kein Wunder, daß ein umfassender Kohlenarbeiterstreik, wie er jetzt in Böhmen ausgebrochen ist, die Fabriken in Leipzig und Chemnitz zum Stillstand und die sächsischen Staatsbahnen zur Einschränkung des Betriebes zwingt. '


