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Immer dichter wurde der Trubel, tn den sie gerieten. Das Sonnabendspublikum hatte sich eingefunden, alle die Tausende, die ihren Sonntagsbraten mit unzähligen Debatten erfeilschen müssen, drängten und stießen einander
Geliebten verzichtete, bot das Thema für die Mutter und Großmutter einen unerschöpflichen Gesprächsstoff. „Was meinst'?", fragte die Großmutter, „er hat sein Herz an die wilde Martell gehängt" — und die Mutter seufzte tief. Voll einmütigen Schmerzes erwogen sie die Mittel und Wege, ihrem Jungen seinen Seelenfrieden wiederzugeben. Sie hatten beschlossen, an Nettchen einen langen eindringlichen Brief zu schreiben. Sie wollten all' ihren Groll gegen das leichtsinnige Kind bekämpfen, in mütterlichen Worten die einstige Pflegetochter zurückzurufen suchen in ihr Haus, an ihr um den einzigen Sohn besorgtes Herz.
Ueber den Wortlaut dieses Briefes berieten sie nun, während sie die Markthalle zerstreut durchschritten. Sie waren hergekommen, um ein Rindersilet, einen Ochsenschweif, Kohlrabi und Obst einzuhandeln. Aber indem sie von Stand zu Stand, von Bude zu Bude gingen, irrten ihre Gedanken auf Abwegen,, und fortwährend sagte bte Mutter, während sie mechanisch das ausgelegte Gemüse betastete oder eine Messerspitze Butter kostete:
„Sie liebt ihn nicht, und sie hat kein Herz. Ich wußte es schon damals, als sie noch mit ihm Vater und Mutter
in dichtem Gewirre.
„Gott - was eine Menschheit!" seufzte bte Großmutter mehr als einmal. Sie kam sich oft vor, trotzbem sie doch schon eine Anzahl Jahre in Berlin wohnhaft war,
um nach meinem Paul, aber wer nicht da ist, das ist mein Paul."
Sie holte, vom raschen Lauf erhitzt, noch immer tief Atem und sah Paul von der Seite an. „Du, — Paul bist Du mir böse?" fragte sie in ihrer schmeichelnden Kinderart, indem sie seine Hand ergriff. Paul rührte sich nicht, er starrte nach dem Ausgang, als hinge von dort sein Glück imd Wehe ab, er wagte es nicht, Nettchen anzusehen. , , .
„Ich bin nicht böse", stotterte er hervor, wobei brennende Röte sein Gesicht übergoß, denn nun fühlte er, wie alle Spannung in seinem Inneren sich löste und Thränen in seine Augen traten. . ,
„Ich dachte nur", entgegnete Nettchen, bte seine yanb in ihren Fingern brückte. Noch nie hatte sie jemanben ihretwegen weinen sehen. Das Schauspiel entzückte unb beunruhigte sie zu gleicher Zeit. Sie konnte bett Blick nicht davon abwenben. Sie verfolgte feben Thränen tropfen, bis er die Wange entlang gerollt, und in dem spärlichen
Bärtchen verlaufen war.
Paul, der den prüfenden Blick empfand, der langsam an seinem Gesicht auf und nieder glitt, wandte sich erbittert fort und wollte ohne ein Wort jetztrnn der That davongehen. Nettchen erschrak: Ein kleiner Stich fuhr ihr plötzlich durchs Herz, — etwas wie Siegesangst, — ein unbestimmtes Gefühl, daß sie den guten, ehrlichen Menschen für sich verlieren könnte. „Ich — Du — Du mußt doch einmal mit mir tanzen", stieß sie hervor. „Warum willst Du schon wieder fort? Gleich beginnt die Musik." —
„Tanzen?" fragte Paul wie im Traum. , „ . |Ut «««, ..... .u-,-----. ... H .
Ja, das geht hier vom Nachmittag bis in die tiefe sei sie unter Hottentotten ber eit, und der Gedanke Nacht hinein", erläuterte Nettchen rasch. „Und von zehn I an das Heimatsörtchen, aus dem sie auch Nettchen hatte ab bin ich frei — da besorgt mein kleiner Kommis das I jammen lassen, an die Stille und Umgänglichkeit einer Geschäft. — Komm", fügte sie exregt hinzu, als sie sah, I ganz kleinen Stadt, erfüllte sie zuweilen mit wehmütiger daß er zögerte, „ich bitte, ich beschwöre Dich! Ich muß I Sehnsucht. -
heut noch tanzen, ich fühle es, — und bist Du's nicht, so Plötzlich, — sie waren mit den vollbepackten Korben
holen mich so und so viel andere." — Jetzt ging er willen- I bOr den Ausgang gekommen und standen nun im Gewuyt
los mit. Als sie in einen Seitenweg gekommen waren, des Alexanderplatzes, stieß sie ernen Schrei ber uever-
der von Gebüsch ganz umschlossen war, blieb Nettchen I xaschung aus. _ Ihre Tochter ließ vor Schreck da^> Fischnetz
aufatmend stehen. , . I fallen und drängte sich herzu.
.Nun,", sagte sie mit ihrem verwirrenden Lächeln, m- I „Was grebt es beim, Mutter?!?
dem' sie Pauls Häube ergriff und leicht an ihre Wange I Da stand die alte Frau, den altmodischen Sonnenschirm
drückte. Paul stand wie betäubt, es flimmerte vor seinem hoch erhoben, und zeigte zitternd nach den Plakaten der
Blick Ein Schauer flog über seinen Körper, aber doch I Anschlagssäule hin. Frau Brinkmann folgte dem Blute,
empfand er durch alles hindurch etwas von der De- „Gott", murmelte sie ganz schwach, — „ist es denn
mütigung, die für ihn in Nettchens so rasch verändertem möglich?"
Benehmen lag. „Geh'", sagte er und schob sie leise von j Dort glänzte von der oberen Hälfte der Litfaßsäule sich das soll wohl Mitleid sein?" Seine Lippen zitterten. I her, ein weithin strahlendes Bild. An einem Fallschirm, Nettchen stand ein wenig entfernt von ihm, sie kämpfte I der aus ultramarineblauen Wolken zur Erde f^bder- fetzt zwischen Unmut und Mitleid. Da ertönten von ferne schwebte, hing eine Frauengestalt in rosarotem Trikot. Das die Töne eines Walzers, die dämmerige Abendluft wurde I Gesicht war dem Beschauer zugewandt.
erfüllt vom Rauschen froher Musik. „Höre doch, — höre", „— Nettchen!" — stießen bte betben Frauen tote aus rief Nettchen wie elektrisiert. „Lockt Dich bas nicht? Du einem Munbe hervor. , . ,
mußt es einmal mit mir probieren!" Sie nahm in fliegen- I Nettchen hing an dem Fallschirm mit unbesorgter ber Eile seinen Arm, zog Paul weiter mit sich fort. „O, I Grazie. Sie lächelte wie eine Zirkusreiterin, bie einen wärst Du nicht so ein Stock — so wache doch auf", schalt I schwierigen Pas ausführt; das außerordentliche aber an sie schmollend. Mit zärtlichen Augen blitzte sie ihn an. I ihr waren ein par türkische Pantoffeln, und em um den Die Dämmerung, ber Rausch des Vergnügens ringsum Kopf gewundener roter Fez. —
betäubten den armen Paul. „Nettchen", murmelte er. Dann I Die beiden Frauen hatten sich angstvoll ganz nahe
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Es mar an einem warmen Sugufttmrnnttag als die [«Jen' (ie ®r»W 'S
Heiben Nrauen Pauls Mutter und die Großmutter, der 1 lebensgefährlichen Aufstieg Mit bem -oallon bes ruy
Zentral-Markthalle zustrebten, um für ben bevorstehenden I schiffers Hafemann am, Sonntag, den zwölften A g s Sonntag ihre Einkäufe zu wachem Pauls Miltter trug der "Neuen Welt aus, nnternelM
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beide in dieselben Gedanken versunken. Sie dachten an! wie besessen herum, mit empört erhobenem P’ d t Paul. Er war noch schweigsamer geworden, verschlossener ,ah in em ganz entstelltes Gesicht^ber e^_er noch re ) beim ie- eine unsichtbare Mauer hatte sich zwischen ihm | zur Besinnung kam, hatte erne zweite Frau bie z 9 unb ben’betben ihn so zärtlich liebenben Frauen aufgebaut. I Greisin bereits unter bem Arm gepackt unb mit sich fo MW ""ÜLch«. iammerte dw «Ite8r«u *
nunmehrigem Leben ^gegeben; bann war er verstummt, ! ist es möglich!" Sie war wie um den Verstaub gekornrne , hatt? sichern sich selbst zurückgezogen, und alle weiteren ] vermochte es nicht zu fassen. „Dies Kinb, was ich T ■^raaen mit Starrsinn abgewiesen. Aber während er selbst | den Knieen geschaukelt habe.
Nfebes wZer? Eingehen auf bas Schicksal ber heimlich ' „Paul", sagte bie Mutter leise, „mein armer Junge!


