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100 Jahre Frauen-Mvden.
Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Lchnittmanufaktur, Dresden-dl.
Reichhaltiger Modenalbum ä 50 Pfg. daselbst erhältlich.
Der Ablauf eines Jahrhunderts legt es uns nahe, der freundlichen Leserin einmal einen flüchtigen Ueberblick über die Frauenmoden der letzten 100 Jahre zu verschaffen. Derselbe wird besser, als jeder aktuelle Bericht das oft rätselhafte Wesen der Mode illustrieren. Was die Form oder vielmehr die äußere Kontur der Kleider anbctrifft, so ist im Wechsel der Zeiten ein regelrechter Kreislauf zu verzeichnen, und zwar vom Engen zum Weiten und wieder zum Engen, und wir stehen mit unserer jetzigen Mode fast wieder auf dem gleichen Standpunkte wie vor 100 Jahren, nur etwas raffinierter im Schnitt und in der Bearbeitung ist die Kleidung geworden, ob auch schöner — das ist Geschmacksache. Jedenfalls entbehrten die Toiletten unserer Ahnen mit ihren lang herniederfaffenden, den altgriechischen Kostümen nachgeahmten Falten, ihren feinen Stoffen und Stickereien keinesfalls deS Reizes; auch wiesen sie bezüglich der Bequemlichkeit unseren Kleider- sormen gegenüber bedeutende Vorteile auf, und für Reformkleidung schwärmende Damen würden sicher ihre Freude an der wenig beengenden, nirgends drückenden Kleidung gehabt haben. Fast könnte man glauben, daß dieser Mode gleichfalls eine, unseren Reformbestrebungen ähnliche Bewegung zu Grunde lag; denn die eng geschnürten Taillen und aufgebauschten Reisröcke des Rokoko vom letzen Ende des 18. Jahrhundert haben viel Aehnlichkeit mit den geschnürten Taillen und und Tournüren vom letzen Viertel des 19. Jahrhunderts. Diese große Bequemlichkeit der kurztailligen Mode der vorgenannten Zeit mag wohl auch der Grund dafür sein, daß sie sich trotz mancher Fehler ziemlich lange (über 20 Jahres erhielt, denn vom Jahre 1800 bis 1820 sehen wir in
damaligen Modenzeitungen immer dieselben Formen. Der Gürtel sitzt direkt unter dem Arm, und der Rock fällt in kunstlosem Schnitt lang herunter, meist sogar mit ein wenig Schleppe. Dieselbe verschwindet jedoch bald wieder und 1810 sehen wir die Kleider so, wie sie unsere Abbildung veranschaulicht. Man sieht, an Einfachkeit deS Schnittes läßt sie nichts zu wünschen übrig. Um möglichst schlank anszusehen, beschränkte man, wie auch die heutigen Modedamen, die Unterkleider soviel als möglich und die Eleganz zeigte man durch feine Stoffe und Stickereien, feine Schühchen von Stoff und elegante Hüte.
Ungefähr 1820 bemerken wir schon eine leise Veränderung, denn die Röcke fallen nicht mehr in weichen Falten, sondern werden durch Unter- röcke gestützt, wobei auch die Garni- turen wie Falbeln und Puffen wieder mehr zur Geltung gelangen. Mitte der 20er Jahre sind die Röcke schon bedeutend weiter, und die Taillen werden länger. Dazu tritt der weite Puffärmel in Verbindung mit der abfallenden Schulterlinie aus. Diese Modesorm entwickelt sich immer mehr und steht im Jahre 1830 in voller Blüte. Verschwunden sind die kurzen Taillen, kurzen Puffärmelchen und weichen anschmiegenden Rockfalten. Statt dessen sehen wir geschnürte Schnebbentaillen, weitabstehende Aer- mel und durch zahlreiche Unterröcke gestützte faltige Röcke. Dies ist der erste Anfang der schrecklichen, fast
40 Jahre lang regierenden, bauschigen Mode, welche auf chrem Höhepunkt die Krinoline aufweist. Schon Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre sind die Kleider so weit und bauschend, daß man die Krinoline darunter vermutet. Dazu rücken die Aermelbansche immer weiter herunter, bis sie zuletzt als extra zu tragende Unterärmel direkt vor der Hand sitzen. Die Schulterlinie wird immer abfallender und die Taille immer enger. Ihren Höhepunkt erricht diese Mode Mitte der 60er Jahre, wo sic anch mit ihren übrigen Formen, wie Hüte, Jacken, Garnituren rc. den Gipfel der Geschmacklosigkeit darstellt, während sie ungefähr 10 Jahre früher (siehe Bild) mit den damaligen Wellenscheiteln, Kapothüten und Ilmlegetüchern nicht ganz reizlos zu nennen ist. Nachdem diese Modeform
Mitte der 60er Jahre ihren Höhepunkt erreicht hat, sehen wir sie ziemlich rasch verschwinden, denn schon 1870 sind die Kleider viel vernünftiger. Der Rückgang zum ganz Schlanken vollzieht sich jedoch nicht so einfach, als man glauben sollte, denn man war zu sehr an eine gewisse Stofffülle gewöhnt, um sie ohne weiteres entbehren zu können. Man verteilte sie in der Weise, daß man die wohl vorn und seitlich glatten Kleider hinten hoch anfbauschte und zwar in Form einer Schürzentunika, welche auf einen falbelbesetzten Schlepprock fiel. Diese Schleppe blieb auch noch, nachdem Ende der 70er Jahre die Tunika mit dem hinteren Bausch verschwunden war; die Falbeln, Rüschen, Puffen steigerten sich indessen ins maßlose, sodaß von- einer einheitlichen Linienführung absolut nichts mehr zu sehen war. Diese fand sich erst einigermaßen Anfang der 80er Jahre mit den Draperien nnd Faltenröcken wieder, kam aber gleichfalls nicht zur Geltung, denn die häßliche Tournürc verunzierte die Gestalt. Dafür fing man aber nach und nach an, dem guten Sitz der Taille mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Allzulange hielt die Tournürenmode ja nicht an, denn schon 1900 haben wir wieder die glatten, engen Röcke. Dadurch war man genötigt, auch dem Rockschnitt die nötige Sorgfalt angedcihen zu lassen; denn nur ein guter Schnitt konnte die erforderliche Eleganz erzeugen. Dies steigerte sich immer mehr mit den nun folgenden Bauschärmeln und Glockenröcken, denn der Rock mußte ungeachtet
der unteren Weite nm die Hüften glatten Anschluß behalten und auch auf tadellosen Sitz der Taille gab man mehr als je. Die neuere Mode mit ihren Jäckchenformen, Kragen, Revers rc. steht überhaupt unter dem Einfluß einer genaueren Kenntnis des Zuschnittes, der immer mehr Bedeutung für die Eleganz der Kleidnng gewinnt. So ist es gekommen, daß der adrette Sitz, welcher der englischen Mode eigen ist, den französischen Geschmack zum Teil verdrängen konnte, dessen Wirkung hauptsächlich auf dem chicen Arragement und dem Ansputz beruht. Für die aller- neusten Kleiderformen ist ein guter Schnitt geradezu unentbehrlich und zur Beruhigung der Damenwelt kann gesagt werden, daß in gleichem Maße wie das Bedürfnis, die Gelegenheit zugenomiuen hat, den notwendigen Anforderungen auf diesein Gebiet gerecht zu werden. Nicht nur, daß heutzutage jedermann bequem schneidern und nach einem bestimmten System Znschneiden lernen kann, sondern es giebt auch spezielle Institute, welche sich ausschließlich mit der Herstellung von Schnitten zum bequemen Gebrauch für die Schneiderei befassen. Die Internationale Schnittmanufaktur in Dresden ist das erste deutsche derartige Institut, dessen Schnitte sich bei der Damenwelt vielseitiger Benutzung erfreuen.
Litterarisches.
Eine besondere Auszeichnung wurde den von vielen Frauen zur Selbstverfertigung von Gaderobe so gern benutzten Schnitten der Internationalen Schnittmanufaktur, Dresden, durch Prämiierung auf der, unter dem Protektorat der Königin von Sachsen stehenden Ausstellung für Hans und Herd zu teil. Diese Anerkennung fällt umsomehr ins Gewicht, als dieselbe auf einer Ausstellung erworben wurde, die lediglich die für die mittleren und kleineren Haushaltungen praktischen und empfehlenswerten Bedarfsgegenstände umfaßt. In der That kann die Benutzung dieser, die Hausschneiderei so sehr erleichternden Schnitte, bei denen sowohl der einfache praktische als der elegante Genre vertreten ist, nicht genug empfohlen werden. Wer sich über diese zweckmäßigen Neuheiten genau orientieren will, beziehe das reichhaltige Moden- Album und Schnittmusterbnch zum Preise von 50 Pennig von der Internationalen Schnittmanusaktur, Dresden.
Kunstverlag Kiinstlerpostkarten. Unter der Flagge von musikalischen Stichworten erschien soeben im Verlag der Firma Dr. Trenk- ler & Co. in Leipzig eine aktuelle Serie von Postkarten: Karneval, Klänge aus lustiger Zeit, 8 Künstlerpostkarten von Willy Werner. Die lebensvollen Gruppen des Faschings sprühen Humor, und der flotte graziöse Wnrf des Malers kommt sowohl im neuen Zweifarbenlichldruck als auch in der Ausführung in Kolorit zu vollendeter Darstellung. Die Serie wird sicherlich ebensoviel Beifall finden tote die früheren.
Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts-Buch- nnd Steindruckerei (Pietsch Erbens in Gießen.


