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der Katastrophe entgegcngchcndeu Krankheit hatte die alte Mutter in ihrem Fieberwahn oft und unruhevoll von ihrem fernweilenden Sohn gesprochen und dabet auffallender Weife mehrfach einen Brief zu ihm in Beziehung gebracht, den sie nach ihren Aeußerungen kurz vor der Krankheit an Reinhold geschrieben haben mußte, und der, so schien es, wichtige That- sachen enthielt.
Kein Winkel, kein Schrank, keine Schublade wurde undurchsucht gelassen, — doch der Brief fand sich nicht. Vielleicht hatte sich die gute Mutter vor Ausbruch der Krankheit nur mit dem Gedanken getragen, den Brief zu schreiben- infolge des Krankenlagers war diese Absicht jedoch vereitelt worden, und in dem Fieberwahn ihres umnachteten Geistes war dann die bloße Absicht ihrer erkrankten Einbildungskraft zur vollendeten Thatsache geworden.
So wen'g trostreich eine solche Annahme Reinhold auch erschien, so däuchte sie ihm nach Lage der Dinge dennoch am wahrscheinlichsten, und schweren Herzens suchte er sich mit dem Unabänderlichen abzufinden.
Die Hinterlaffenschast der Frau Holmer — d. h. das gesamte Inventar, denn Vermögen war nicht vorhanden, fiel dem einzigen Sohne zu.
Tante Hermine kehrte nach wenigen Tagen in die ferne Heimat zurück.
Das alte Haus am Markt aber ging bald in fremde Hände über.
II.
Mild und freundlich sandte die Sonne des 31. Dezember ihre Strahlen auf die Erde herab und brachte den letzten Rest des in den letzten Weihnachtstagen gefallenen Schnees zum Schmelzen.
Auf dem Bahnhofe einer rheinischen Station harrten die wenigen Reisenden der Weiterfahrt des soeben etnlaufen- den Zuges. Die Mehrzahl derselben stand im Begriff, noch am Wendepunkt des alten Jahres zu den ihrigen zu reisen, um im trauten lieben Kreise die heutige Sylvesterfeier begehen zu können.
Nicht so jener hagere Reisende im abgetragenen Winterüberzieher, dunklen Schlapphut und blonden Vollbart, welcher sich soeben in herzlicher Weise von seiner blaffen Gattin und seinem munteren Töchterchen, einem reizenden Blondkopf von etwa acht Jahren, verabschiedete, um gleich darauf im halb gefüllten Koupee Platz zu nehmen.
Wer die ernsten, fast kummervollen Züge und die schlaffe Körperhaltung dieses Reisenden bemerkt hatte, der würde sich sagen, daß es traurige Erfahrungen gewesen sein mußten, welche eine solche Veränderung in dem einst jugendfrischen Aussehen Reinhold Helmers hervorgebracht hatten.
Nachdem schon die ersten Jahre der Ehe in geschäftlicher Hinsicht manche Enttäuschung gebracht hatten, hatten die letzten Zeiten einen völligen Niedergang des Geschäftes herbeigesührt und nicht nur den Rest des Vermögens bald zum Schwinden gebracht, sondern sogar eine nicht unerhebliche Schuldenlast angehäuft, zu deren Tilgung sich keine Aussicht bot.
So hatte sich Reinhold, freilich mit schwerem Herzen, dazu verstanden, so lange sein Kredit noch nicht untergraben war, mehrere Wechsel im Gesamtbeträge von etwa 7000 Mk. auszustellen- in der Hoffnung, daß ein neuer Aufschwung des Geschäftes bis zum Fälligkeitstermine der Wechsel die nötigen Mittel gewähren werde. Doch auch diese Hoffnung war eine eitle gewesen. Die besseren Zeiten kamen nicht, und der Termin stand nahe bevor.
Nach langem schwerem Kampfe hatte Reinhold sich dazu entschloffen, noch einen letzten Versuch zur Rettung seiner Ehre und vielleicht seines Glückes zu unternehmen. Glückte ihm dieser, so glaubte er geborgen sein. Bot sich ihm doch gerade jetzt eine günstige Gelegenheit, eine neue geschäftliche Verbindung einzugehen, die bei seinen Kenntnissen, seinen bisherigen Erfahrungen und seinem Streben die Möglichkeit glücklichen Gelingens kaum noch in Frage stellte. Doch dazu war natürlich, erforderlich, daß er seinen Verpflichtungen bis
aus den letzten Pfennig nachgekommen war. In diesem Bewußtsein hatte er auf Zureden seiner Gattin darin einge- willigt, noch heute, beim Jahreswechsel gut situierte Verwandte in der Reichshauptstadt aufzusuchen und sie um eine leihweise Unterstützung von etwa 10 000 Mark anzugehen. Würde auch dieser letzte Versuch fehlschlagen, dann freilich war sein Unglück besiegelt, denn der lange gefürchtete Bankerott war unvermeidlich.
Von solchen Gedanken erfüllt, schwankend, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, saß er da, zurückgelehnt in die Wagenecke, und fuhr dahin durch die sonnenbeglänzte Landschaft. Und wie der eilende Zug ihn weiter und weiter führte, fort von der Stätte seines jetzigen Wirkens — und Leidens, so verblaßte mehr und mehr bas Bild der Gegenwart und wich der Erinnerung an ferne, glückliche Zeiten. Vor seinem Geiste stand die liebe Heimat, der er jetzt zufuhr, das alte Haus am Markt, in dessen Schoß er so viel Liebe und so viel Glück genossen.
Ein unbeschreibliches Sehnen ergriff ihn, diesen Gegenstand seiner Erinnerungen wiederzusehen, gerade jetzt, wo die nächste Zukunft ihn so namenlos düster anblickte.
Da die heutige Reise ihn durch den Heimatsort selbst führte, so konnte er nicht umhin, einem inneren Drange folgend, den entworfenen Reiseplan zu ändern: Er beschloß, die Fahrt in M. zu unterbrechen und sie erst mit dem folgenden, um Mitternacht abfahrenden Zuge fortzusetzen.
Klopfenden Herzens eilte er durch die vertrauten schmalen Gäßchen der Stadt, dem nahen Marktplatze zu. Noch wenige Schritte — dann stockte sein Fuß.
Noch kam er rechtzeitig, um Zeuge zu sein, wie das liebe alte Haus, das Ziel seiner eiligen Wanderung, der Neuerungsluft zum Opfer fiel.
Rauhe, schwielige Hände mit Hacke und Brecheisen standen im Begriff, den Gegenstand seiner Erinnerungen dem Erdboden gleich zu machen. Balken und Mauerwerk stürzten Schlag auf Schlag ächzend v ter den kräftigen Schlägen hernieder, dichte Staubwolken wirbelten empor und erfüllten die Luft mit Lehm- und Modergeruch. i~
Wohl erschien ihm das Zerstörungswerk wie ein Eingriff in seine heiligsten Menschenrechte, — doch er wußte, er hatte hier nichts mehr zu gebieten. Betrübt wandte er sich von dannen.
Er suchte die Einsamkeit draußen vor dem Thore auf und kehrte erst spät vom Spaziergange zurück, in der Absicht, den Rest der Abendstunde bis zur Abfahrt des Zuges in der Wirtschaft zu verbringen. Doch auch dort hielt es ihn nicht lange. Bald nach dem Abendessen machte er sich auf, noch einmal dem Ort seiner Sehnsucht zusteuernd.
Mit zagendem Schritt überstieg er die Schwelle des Hauses und sah sich im Innern des nun so klein erscheinenden Raumes, welcher mit herabgestürztem Gebälk und Bauschutt angefüllt war.
Er betrat das Sterbezimmer seiner Mutter. Ein Schauer durchrieselte ihn. Hier war es gewesen, wo er ihre kalte Hand zum letzten Mal an die zuckenden Lippen gepreßt hatte, vergeblich sich bemühend, aus den erloschenen Augen das Urteil über seine damalige Handlungsweise zu lesen. Hatte sie ihm verziehen oder war sie mit Kummer um den einzigen Sohn aus diesem Leben geschieden? Wenn jene starren Wände reden könnten, daß sie ihm Antwort erteilten auf solche Frage!
Nachdenklich ließ er sich auf dem Fenstersims nieder. Eine übergroße Müdigkeit überfiel den ermatteten Körper, und freier fühlte sich sein rastlos thätiger Geist. —
Ein plötzlicher Luftzug rüttelte ihn auf und verscheuchte das schöne Traumbild. Er war im Begriff, das Gleichgewicht zu verlieren und von dem Fensterbort herabzugleiten- noch hatte er Zeit, ein Brett, welches einen Teil der Holzbeketdung unter dem Fenster bildete, zu fassen, um sich daran zu halten. Doch das schon morsche Holz war nicht stark genug, seinem Griff zu widerstehen, infolge des Druckes löste es sich los von dem bröckeligen Mauerwerk.


