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Im Begriff, sich zum Gehen zu wenden, — denn die Zeit ist wider Erwarten schnell verstrichen — bemerkt er beim Ltchre des Mondes zu seinen Füßen etwas Weißes, das er vorher nicht gesehen, das er auch nicht verloren hat und das, so unerklärlich es ihm erscheint, beim Nachgeben der Holzbekleidung hinter derselben hervorgefallen sein muß.
Hastig greift er darnach und bemerkt, daß es ein Brief ist, ein alter an ihn selbst adressierter Brief. Deutlich erkennt er in der Schrift die Handschrift der Mutter.
Mit zitternder Hand zerreißt er die vergilbte Hülle des Briefes und liest beim hereinflutenden Lichte des Mondes die noch gut erhaltenen Schriftzüge:
Mein herzgeliebter Sohn!
Dein letzter Beief hat mich bet guter Gesundheit angetroffen. Ich ersehe aus demselben zu meiner großen Freude, daß Du Dich in Deinem jungen Ehestande recht glücklich fühlst. Gebe Gott, daß es stets so bleibe!
Es wird Dich interessieren zu erfahren, daß mein Lotterielos dieses Mal mit einem nicht unwesentlichen Gewinn gezogen ist. Ich habe nämlich in der letzten Ziehung etwa 8000 Mark gewonnen und das Geld bereits erhoben.
Lieber Reinhold, ich bin eine alte Frau, meine Tage sind vielleicht gezählt. Sollte es im Willen der Vorsehung stehen, mich eher von hier abzuberufen als ich Dich, Euch hier bei mir sehe, damit Du das Geld zu Dir nehmen kannst — denn Dir kann es jetzt mehr nützen als mir — so ist es gut, daß Du von meinen kleinen Heimlichkeiten unterrichtet bist. Wisse also, ich habe das fragliche Geld nebst meinen kleinen Ersparnissen in unserm alten Nußbaumsekretär in einem sog. Geheimfach verschlossen — der größeren Sicherheit wegen. Dieses Fach wirst Du leicht öffnen, wenn Du den mittleren Schubkasten rechts im Innern des Schrankes herausztehst und auf die seitlich an der Innenwand des Schrankes befindliche Fuge drückst, wodurch das fragliche Fach infolge einer Feder nach seitwärts herausspringen wird, welches die Wertobjekte, Banknoten im Gesamtbetrags von etwa 10003 Mark, enthält. Ich schreibe Dir dieses, damit Du unter allen Umständen unterrichtet bist.
Indem ich Eurer jungen Ehe nochmals als Gute wünsche, verbleibe ich unter freundlichen Grüßen an Deine liebe Gattin
Deine. Dich herzlich liebende Mutter.
In fieberhafter Aufregung hat Reinhold diese Zeilen mit den Augen verschlungen. Dann eilt er, einen letzten wehmütigen Blick auf die vor ihm liegenden Trümmer des Elternhauses werfend, von dannen.
Vom Turm schlägt es 12 Uhr. Als der letzte Schlag verhallt ist, lassen die Glocken ihr Shlvestergeläut ernst und feierlich durch die Nacht ertönen, während es in den Häusern, an den Fenstern und auf den Straßen lebendig wird. Bekannte und Unbekannte rufen sich in gehobener Stimmung ihr: Prosit Neujahr! zu. Auch an Reinholds Ohr dringt dieser Ruf von den Lippen manches Vorübereilenden, und im Herzen tönt es nach, ernst und feierlich, wie Glockenklang : Fröhliches Neujahr!--
III.
Wiederum war Sylvesterabend. In kurzen, heftigen Stößen strich der eisige Nordwind über die Straße zu M.
Die erste Etage des eleganten Neubaues an der Stelle des alten Hauses strahlte im hellen Lichterglanze. Sie war das Ziel einiger verspäteter Sylvestergäste, welche soeben auf den Knopf der elektrischen Klingel drückten, unter welchem sich ein weißes Porzellanschild befand mit der Aufschrift: Helmer, Kommerzienrat.
In das freundliche Gesellschaftszimmer geführt, wurden die neuen Gäste von der versammelten kleinen Gesellschaft mit Freuden begrüßt, um bald darauf der heiteren Stimmung teilhaftig zu werden, welche — hörbar und sichtbar — in dem festlich geschmückten Raume herrschte. Um sich davon zu überzeugen, brauchte man nur Ida Helmer, jene
reizende, etwa 18jährige Blondine am unteren Ende des Tisches, anzusehen, wenn sie mit den glücklichsten Augen von der Welt zu ihrem Verlobten, dem Assessor Fritz Wehlau, ausblickte.
Soeben hatte Onkel Niemeyer, jener behäbige Herr zur Rechten Idas, sich zu einer humorvollen Ansprache aufgeschwungen und am Ende derselben auf das fernere Wohlergehen der Familie Helmer das übliche Hoch ausgebracht.
Gleich darauf erhob sich der Kommerzienrat Helmer und ergriff sichtlich gerührt das Wort:
„Aus vollem Herzen danke ich Ihnen, liebe Freunde, für die Glück- und Segenswünsche, die Sie mir und meiner Familie soeben dargebracht haben. Sie erfreuen und erheben mich sehr.
Und doch — bei all dem Jubel dieses Tages zittert es gerade heute in meinem Herzen wie ein Gesühl stiller Wehmut nach, wenn ich meinen Blick um 10 Jahre rückwärts schweifen laffe und eines Shlvesterabends gedenke, wo ich auf diesem Fleck Erde stand — auf den Trümmern meines Vaterhauses — hoffnungsleer und bettelarm, und mit trüben Erwartungen dem neuen Jahre entgegensah."
Dann erzählte er eine alte, lange Geschichte, eine Geschichte des Leides, an deren Ende er aus dem altmodischen Sekretär des Arbeitszimmers einen vergilbten Brief hervorzog, dessen Inhalt er der lauschenden Zuhörerschar dorlas.
„Auf der Grundlage dessen, was dieser Brief enthielt," so schloß er seine Erzählung, „habe ich es vermocht, mir ein neues Glück zusammenzuschmieden, und bin im Lauf der Jahre zu derjenigen Stufe emporgelangt, auf der ich heute stehe.
Sie sehen, daß die Anhänglichkeit an die Stätte meiner Jugend mich den Weg einschlagen ließ, der zu meinem Glück führte. Der Brief, den Sie sehen, ist das letzte sichtbare Band, das mich mit meiner Mutter verknüpft. Es ist auch das letzte wertvolle Erinnerungszeichen an das verschwundene — nie vergessene Vaterhaus.
Daß er gegen alle menschliche Berechnung erst in meine Hände fiel, nachdem ich durch die Not des Lebens in meinem Wollen und Können erprobt und gefestigt war das, meine lieben Freunde, halte ich für eine glückliche Schickung."
Während der Kommerzienrat den Brief an seinen alten Ehrenplatz zurücklegte, beeilte sich die geschäftige Hausfrau, die Gläser von neuem zu füllen.
Gleich darauf ließ die Wanduhr zwölf mächtige Schläge ertönen. Prosit Neujahr! erscholl es laut von den Lippen der Anwesenden.
Die Gläser klangen zusammen, während draußen die Glocken der alten Marktkirche ihr Sylvestergeläut herabsandten in die stille Winternacht, mächtig und klangvoll, ernst und feierlich — wie vor zehn Jahren. —
Gemeinnütziges.
Der Preis für frischen Spargel wird in Braunschweig immer schon im Spätherbst für die nächstfolgende Stechzeit festgesetzt. Wie wir dem „praktischen Ratgeber im Obst- und Gartenbau" entnehmen, sind für das Jahr 1900 folgende Preise vereinbart worden: Spargel I. Wahl 53 Pfg., II. Wahl 43 Pfg., III. Wahl 23 Pfg. für das Pfund. — Es find das für den Zentner drei Mark mehr als im verflossenen Jahre. Zu diesem Preise ist die gesamte nächste Spargelernte schon in festen Händen. Teilweise sind größere Lieferungen noch zu höheren Preisen abgeschloffen worden und hat der Preis für Rohspargel eine bisher noch nicht dagewesene Höhe errreicht.
Aür die Küche.
Englische Käse-Toasts. Zehn Personen. Bereitungszeit zehn Minuten. Zuthaten: 100 Gramm geriebener Glou- cester-Käse, 140 Gramm geriebenes Weißbrot, 100 Gramm Butter, zwei Eidotter, ein Theelöffel Senf, eine Prise Salz,


