Ausgabe 
1.7.1899
 
Einzelbild herunterladen

1899

fas Handwerk schafft um Lohn, um Gold; Dem Künstler sind die Musen hold!

Die freie Kunst geht nicht nach Brot D'rum leben Künstler meist in Not.

Nachdruck verboten.

Die Sünden der Väter.

Roman von Osterloh.

I.

Vor dem Gartenthor einer Villa der Vorstadt stand ein Knabe und klingelte. Er mochte vierzehn bis fünfzehn Jahre zählen, doch war er klein für sein Alter, schmal­schultrig und mager. Er hätte mit seinem feingeschnittenen, blassen Gesicht, dem blonden, leichtgelockten Haar und den scheuen, blauen Augen einen vollständig kindlichen Eindruck gemacht, wenn nicht die zusammengekniffenen, dünnen Lippen der Physiognomie etwas Hartes und Trotziges gegeben hätten. Der Knabe trug einen abgeschabten Sammetanzug mit defekten Knöpfen. Die Hosen waren zu kurz, und aus den Aermeln schaute ein Paar langer zerknitterter Manschetten hervor.

Sein Läuten schien unbemerkt geblieben zu sein. Er zog noch einmal die Klingel. Dann betrachtete er abwechselnd den Brief, den er in der Hand trug, und die Villa, vor der erstand. Ein einfaches, schmuckloses Haus war es, von gewöhn­licher Bauart- lange, schmale Balkone vor den Mittelfenftern der oberen Stockwerke- im Erdgeschosse eine Veranda, von der aus eine Treppe in den Garten führte. Links vom Thorweg etwas erhöht eine Laube, über und über mit wildem Wein bewachsen. Der Vorgarten war nur klein. Hinter dem Hause, durch ein Gitter vom Hofe getrennt, war ein größerer Garten. Von dorther drangen fröhliche Kinderstimmen- und in dem großen Mittelzimmer sah der Knabe eine hohe Frauengestalt geschäftig auf und abgehen.

Er schellte ein drittes Mal, heftiger als zuvor. Die Dame trat auf den Balkon. Im selben Augenblicke hörte der Knabe aber auch eine ärgerliche Stimme über sich.

Zum Kuckuck noch 'mal! Was ist denn das für ein Gebimmele? Komm doch herein, du Schafskopf. Die Thür ist ja gar nicht verschlossen."

Der Knabe erwiderte nichts und warf nur einen feind­

seligen Blick zur Laube hinauf, aus der die Stimme kam. Drück' die Klinke 'runter! Na gehr's?"

Ein hübscher, junger Mensch von ungefähr sechzehn Jahren ward in dem Weingerank sichtbar, und eben schob sich ein zweiter rotbäckiger Knabenknopf vor, der mit neu­gierigen Augen den ungestümen Klingler musterte.

Laß gut sein, Max, und zieh'," rief der erstere, auf das Schachbrett deutend, das zwischen beiden auf dem Gartentische stand.

Aber der Rotbäckige hatte noch keine Lust, zuufiSchach- spiel zurückzukehren.

Heilige Dreifaltigkeit! Das ist ja der Leon. Steht vor der offenen Thür und merkt nicht, daß sie offen ist! Tas sieht ihm ähnlich. Wie geht Dir's denn?" Dabei streckte er dem Knaben seine Hand hin. Dieser ergriff sie nicht.Bist Du noch beim Doktor Gernegroß?" Das war der bekannte Spitzname eines Lehrers, bet dem sie in Pension gewesen waren.

Nein," antwortete der Knabe kurz und verdroffen.

Wo denn sonst?" forschte Max Hoffmann weiter.

Bei meinen Eltern."

So? Ah!" klang es etwas verwundert zurück. Was macht die Frau Mama? Sie ist nämlich Künstlerin, eine hochelegante Dame," fügte er erklärend zu dem Freunde gewandt hinzu.Wenn 8eon einen Brief von ihr bekam, roch man's im ganzen Zimmer. Na, laus' nur nicht fort. Zu wem willst du denn eigentlich?"

Zum Rechtsanwalt Andree."

Zu Papa!" meinte der erstere.Der ist verreist. Soll ich den Brief hier behalten?"

Der Knabe schüttelte mit dem Kopfe.Nein. Er ist eigenhändig abzugeben. Der Rechsanwalt führt die Geschäfte meiner Eltern. Adieu." Und mit raschen Schritten, wie um jeder weiteren Unterhaltung auszuweichen, entfernte er sich.

Hätte nicht gedacht, daß das ein Bekannter von Dir wäre. Das Schreiben sah recht nach Bettelbrief aus," bemerkte der junge Andree. Hoffmann wiegte bedächtig sein rundes Haupt.Das glaube ich nicht. Der L6on war immer gut gestellt. Hatte mehr Taschengeld wie ich. Jetzt sah er allerdings etwas reduziert aus." Darauf wandte er sich wieder dem Schachbrette zu. Andree war ihm, wie in allem übrigen, auch im Spiele überlegen.

Wenige Minuten später erschien ein hübsches, junges Mädchen, ein Backfischchen von dreizehn Jahren mit einem blonden Zopf auf dem Rücken und sehr sorgfältig frisierten