Ausgabe 
1.7.1899
 
Einzelbild herunterladen

Stirnlöckchen, um den Knaben eine Erfrischung zu bringen. Sie trug ein frischgebügeltes Kattunkleid, das ihr bis zu den zierlichen Tanzschuhchen herabreichte und sah alles in allem höchst sauber und anmutig aus.

Bet ihrem Anblicke schnellte Hoffmann auf, machte eine linkische Verbeugung,-wobei er beinahe das Schachbrett umgeworfen hätte, und sagte mit männlicher Baßstimme, die aber zuweilen noch überschnappte:Zu gütig, mein gnädiges Fräulein."

Du bildest Dir doch nicht etwa ein, daß das alles Dir gilt," (platzte der Bruder heraus.Ich wollte doch gleich wetten"

Du bist unausstehlich, Leonhard," stieß das junge Mädchen mit weinerlicher Stimme vor, und ihr hübsches Gesichtchen wurde feuerrot.

Natürlich, da ist er ja!" Dann, nachdem sich die Schwester mit einem bitterbösen Blick auf den Spötter ent­fernt hatte:Mit der Else hab' tch's jetzt gründlich ver­schüttet. Die eitle Gans! Jedesmal, wenn Nansen kommt, läuft sie in ihr Zimmer und putzt sich. Mama hat ihr's schon oft verboten. Und er sieht sie gar nicht an- fällt ihm nicht ein. So- nun zieh' mal endlich. Gardez hatt' ich gesagt."

Der junge Mann, für den Else sich, wie ihr Bruder mit Recht behauptete, immer zu putzen Pflegte, wandelte unterdes mit einer anderen durch den Garten und hatte keine Ahnung davon, wie sehr sich das hübsche Schulmädchen um ihn bemühte. Er stand in der ersten Hälfte der Zwanziger. Seinem fast bartlosen Gesicht nach würde man ihn für jünger gehalten haben: angenehme, vielleicht etwas zu weiblich weiche Züge, die der Energie ermangelten und von sorglosem Genußleben sprachen, sympathische, dunkelblaue Augen, volle rote Lippen, wie geschaffen zum Küssen.

DaS Mädchen an seiner Seite, Leonhards Schwester, war eine Erscheinung, wie sie leider in großen Städten immer seltener werden-eine Bauernmädelschönheit" nannte sie das graziöse Elschen- groß, gut gewachsen, die jungfräulichen Formen noch etwas eckig, der Teint ein wenig dunkel, von jener warmen Färbung, die Sonne und frische Luft ver­leihen - ein Paar dicker, schwarzbrauner Zöpfe nach tiroler Art um den feingeformten, ovalen Kopf gelegt, braune, leuchtende Augen: das Ganze ein Bild Won Gesundheit und Kraft, das geschaffen schien, jetzt mit achtzehn Jahren das Auge eines Bildhauers und Malers gleichmäßig zu entzücken, und das durch die Ebenmäßigkeit, seiner Formen, durch seine Ursprünglichkeit und Frische die kurze Blütezeit einer Mädchen­jugend siegreich zu überdauern versprach. Weniger vielleicht für den Salon und das Kerzenlicht, als für Tageshelle und freie Natur. Und ihrem Aeußern entsprach ihr ganzes Wesen- gerade und offen, frisch und ungekünstelt- dazu ein leiser Hang zu poetischer Schwärmerei, eine Begeisterungs­fähigkeit, wie sie nun unverdorbenen, warm und stark -m- pfindenden Menschen eigen ist. So war Martha Andree, an Körper und Geist ihrem Bruder Leonhard gleichend, ihrer Schwester Else so unähnlich wie möglich.

Warum sind Sie denn diese Ferien gar nicht verreist?" fragte das Mädchen ihren Begleiter, während sie sich bemühte, eine rote Nelke, die sie soeben gepflückt hatte, im Ausschnitte ihres Kleides zu befestigen.

Vielleicht weil es mir hier besser gefällt," erwiderte der junge Mann halblaut. Er legte eine so bedeutungsvolle Betonung in diese wenigen Worte und sah das Mädchen dabei mit vielsagendem Blicke an, daß sie errötend das Antlitz abwendete. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: Sie wissen doch, daß ich mir ein Reitpferd gekauft habe? O Fräulein Martha, Sie sollten auch reiten! Ein herr­liches Vergnügen! Die Welt nimmt sich so glorreich schön aus vom Rücken eines Pferdes. Wissen Sie, wo ich neu­lich war? In der Heidemühle. Ich stieg ab, um einen gewissen Weg zu suchen, wo die Buchenzweige, von beiden Seiten her sich vereinigend, einen Laubengang bilden, durch

den die Sonne an einem anderen Tage goldene Lichter auf die Erde malte." Das Mädchen blickte zu Boden.Und haben Sie den Weg gefunden?"

Nein. Oder ich habe ihn nicht wieder erkannt. Die Sonne schien nicht. Da kam mir plötzlich ein französisches Gedicht in den Sinn, das ich früher einmal gelesen und längst vergessen hatte. Der Wortlaut wollte mir auch nicht wieder einfallen, blos der leitende Gedanke, den ich sehr hübsch fand. Kennen Sie es vielleicht? Es heißt le sentier perdu.

Sie schüttelte mit dem Kopfe.

Sie sind doch sonst so belesen."

Nicht mit Ihnen zu vergleichen, wenigstens was die französische Litteratur anbelangt."

(Fortsetzung folgt.)

(Nachdruck verboten.)

Die kleine Lulu.

Seeroman von Clark Russell.

(Fortsetzung.)

Der Wind frischte jetzt mehr auf und die Brigg glitt rascher dahin, als ein Mensch laufen könnte. Die Leute waren still. Sie blickten gespannt nach vorn. Manchmal wandten sie auch die Köpfe, um nach rückwärts und nach oben zu sehen. Der alte Banyard marschierte auf dem Deck wie ein Automat, mit unbeweglichem Gesicht und die Augen immer gerade vor sich gerichtet.

Um drei Uhr war die Insel deutlich erkennbar, klar warf sie ihre Schatten- sie sah nicht größer aus als der Rumpf eines Schiffes. Ich bat jetzt Miß Franklin, herunter­zugehen und sich einzuschließen. Sie sah mich prüfend an- ihrem Auge mochte wohl die in mir arbeitende furchtbare Aufregung, welche ich mit aller Kraft zu verbergen strebte, nicht entgehen- sie verließ daher das Deck ohne ein weiteres Wort.

Die Insel mit dem Glase rekognoszierend, erkannte ich die Korallen-Formation des Gestades und auf den höher gelegenen Abhängen Vegetation und Baumwuchs. Zeichen menschlicher Wohnungen zu entdecken, wenn solche da waren, gestattete mir aber die Entfernung nicht.

Die Leute kamen nach hinten und baten sehr unter« würsig, durch das Glas sehen zu dürfen. Das Teleskop ging von Hand zu Hand. Einer sagte, er sähe dort hinter der Landzunge auf Steuerbord etwas, was wie die Mast- spitze eines Schiffes aussähe. Dies veranlaßte die andern, ebenfalls die Stelle, voller Bangigkeit, scharf ins Auge zu fassen, und nachdem auch ich, anscheinend mit großer Auf­merksamkeit, das Glas längere Zeit auf dem Punkt hatte weilen laffen, unterstützte ich die Ansicht, indem ich vorgab, deutlich die Mastspitzen zu erkennen.

Wie nah heran wünscht ihr nun, daß ich die Brigg bringe?" fragte ich.Ich bleibe bei meiner Ansicht, daß drei Meilen nah genug ist. Bei dieser Brise wird das Langboot die Entfernung in einer halben Stunde segeln".

Seggen Sei uns noch mal, worüm Sei drei Mielen afbliewen wull'n?''

Falls ein Kriegsschiff dahinten versteckt liegt, wird es uns seinen Kutter an Bord schicken, wenn wir nahe heran­kommen. Bleiben wir aber ein gutes Stück ab, dann werden sie denken, daß die Befriedigung ihrer Neugier die Mühe einer langen Fahrt gegen den Wind nicht lohnt. Das ist mein Grund."

Jack fall sien Willen hebben, hei het en klauken Kopp. Hei fall bidreihn, wot em dat best' dücht."

Wir wollen euch bei der Rückfahrt entgegen kommen und euch aufnehmen," sagte ich.

Gaud!" rief Blnnt.

Nun, dann also vorwärts, Jungens: refft die Renls! Die Falls der Klüver zum niederholen klar!"