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Zur IahrhunderLswende.
Zum letzten Mal am Winterhimmel finkt Der Sonnenball vor des Jahrhunderts Ende . . . Mit geisterhaften Riesenschatten ringt Des Lichtes letzter Schimmer im Gelände . . . Und wie das Auge rings die Dämmerung trinkt, Da weiten sich des Zimmers enge Wände, Und leuchtend auf dem Pfad verrauschter Zeiten Seh' ich die Führer des Jahrhunderts schreiten!
Ihr Nimmermüden, die der Wissenschaft Hellleuchtend Feuer voll Begeistrung schürtet, Ihr Edlen, die im Reich der Kunst geschafft Und zaubermächtig unsre Herzen rührtet, Ihr Hohen, die uns mit Prophetenkraft Aus Bruderzwist zu stolzer Einheit führtet: Was Ihr gethan, es lebt, von uns bewundert, Fruchtbringend fort im künftigen Jahrhundert! . . .
An seinen Pforten stehn wir ernstgesinnt! . . . Ob auch der Jahre Flut zum stillen Hafen Der Ewigkeit nur als ein Tröpflein rinnt,- W i r sind an flücht'ge Zeit gebund'ne Sklaven, Und wenn ein neu' Jahrhundert einst beginnt, Wird unser Leib längst in der Erde schlafen, Drum lassen wir uns von den Glockenschlägen Um Mitternacht heut' tief das Herz bewegen! . . .
Drum spähen ernst wir in das dunkle Land Der Zukunft, das sich endlos vor uns breitet . . . Doch leise nimmt uns schon an seine Hand Ein lichter Bote, der uns vorwärts leitet, Und Rosen duften auf am Wegesrand, Und Lilien sind's, auf die Dein Blick nun gleitet; Doch sind im Schatten ragender Cypreffen Helmkraut und Rittersporn auch nicht vergessen!
So rüste Dich mit rechtem Gottvertraun . . . Den Edlen allen wolle Dich verbinden, Die treu am Tempelwerk der Menschheit baun! . . . Die Jahre werden kommen und entschwinden, Und wirst Du auch nicht die Vollendung schaun, Daß es zur Höhe geht, wirst Du empfinden!
Und einst, vielleicht an des Jahrhunderts Grenzen Sieht froh Dein Enkel seine Zinnen glänzen! . . .
Alwin Römer.
Das alte Haus.
Ein Stimmungsbild von Dr. Max Flohr.
------- (Nachdruck verboten.)
I.
Das alte zweistöckige Haus auf dem Marktplatze stach in seiner unscheinbaren Gestalt gegen die stattlichen Neubauten seiner Umgebung seltsam genug ab. Heute bildete cs einen noch schneidenderen Gegensatz zu der lachenden Welt da draußen, wo der Frühling seinen Weck- und Werderuf über die Lande erschallen ließ.
Ein ernsterer Gast hatte in dem alten Hause am Markt Einkehr gehalten. Die bejahrte Eigentümerin, Frau Johanne Helmer, welche mit Tante Hermine, einer entfernten Verwandten, seit dem Tode des Registrators Helmer das alte Haus allein bewohnte, hatte heute Morgen die Augen für immer geschloffen. Ein Anfall von Lungenentzündung hatte ste nur für wenige Tage auf's Krankenlager geworfen; dann hatte der Tod wider Erwarten schnell sein Machtwort über sie gesprochen, ehe der einzige Sohn Reinhold aus der Ferne hatte herbeieilen können, um von dem scheidenden Mutterherzen den letzten, schweren Abschied zu nehmen.
Als Reinhold von der ernsten Lage Kunde erhalten, hatte er keinen Augenblick gesäumt, sich zur Reise in die Heimat zu rüsten, in der zuversichtlichen Hoffnung, dort noch rechtzeitig einzutreffen. Am Rhein, wo er seit geraumer Zeit ein kaufmännisches Geschäft betrieb, hatte er seine jetzige Frau kennen und lieben gelernt, und obwohl er wußte, daß die Mutter der getroffenen Wahl nicht unbedingt zustimmte, hatte er doch im Vollgefühl seiner Liebe sich nicht bedacht, seiner Neigung zu folgen und sein junges Weib heimzuführen. Nach ihrer Vermählung hatte er nachträglich nochmals um den mütterlichen Segen inständig gebeten. Seit Wochen wartete er nun auf ein Schreiben von Mutterhand, welches den erhofften Segen bringen sollte. Da traf ihn statt dessen die traurige Kunde, welche sein stilles Hoffen mit einem Schlage zu vernichten drohte.
In fieberhafter Erregung legt er mit seiner jungen Gattin die sechsstündige Einbahnfahrt zurück und durcheilt die bekannten Straßen der Stadt.
Nach wenigen Minuten steht er am Totenbett der Mutter, ihre kalte Hand an seine brennenden Lippen drückend, mit dem Rufe: „Zu spät!" am Rande des Bettes niederfinkend.
Nachdem sich der erste heiße Schmerz um den herben Verlust ausgetobt hat, erfährt Reinhold alles nähere aus dem Munde der Tante. Während der kurzen, so überaus schnell


