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Ihre Hand legte sich leise und unsicher auf das blonde Haar, aus dem ihr die halbverwelkten Rosen entgegen dufteten.
Sie seufzte auf. „Arme Frida, wie thust Du mir leid," sagte sie traurig, „geh zur Ruhe."
War es nicht Falschheit, was sie da sprach, hieß es nicht: Arme Renata, geh' zur Ruhe?
Wie schuldbewußt blickre sie auf den reizenden Mädchen köpf nieder, da hob sich dieser heftig, ungeduldig, und aus den blauen Augen brach ein jähes Aufblitzen, das an Haß grenzte.
„Geh, geh," flüsterte sie mit unterdrückter Leidenschaft und streckte abwehrend die Hände aus. Dann legte sie sie fest an beide Schläfen und stützte die Ellbogen auf die Kniee.
„Frida!" rief Onkel G -ttfried empört, „was bedeutet das ? Renata ist die Retterin Deines Großvaters, für den Du allerdings nicht einen Funken Teilnahme besitzest. Und Renata hat gethan, was Du nie hättest thun können!"
Mit erwachter Energie legte Renata ihre Hand auf seinen Arm: „Lassen Sie das ruhen, Herr Professor, ich werde gehen,' gute Nacht, Frida!"
Frida hatte sich aufgerichtet, aber kaum merklich war das Kopfnicken, mit dem sie Renatens Gruß erwiderte.
Der Profesfor ging mit dem jungen Mädchen hinaus.
„Meine Schwester läßt Sie grüßen, sie muß bei meinem Vater bleiben, er ist bewußtlos," sagte er draußen, „wir müssen auf jedes Lebenszeichen merken."
Er drückte fest ihre Hand: „Gute Nacht, armes Kind, wenn Sie doch schlafen könnten!"
Sie nickte ihm mit einem wehevollen Lächeln zu: „Gute Nacht."
Thürr schloß sich hinter ihr, sie stand allein in dem kleinen wohlbekannten Zimmer und preßte die gefalteten Hände vor die Brust.
War er wirklich zu Ende, der lange, lange Tag?
XVI.
Grau in grau mit einem regennassen Angesicht dämmerte der nächste Morgen herauf, und es war, als spiegele er sich in jedem Antlitz, das zu dem Gylfenhofe gehörte, wider. Bleich mit verwachtem Aussehen begrüßte man sich gedrückten Tones beim Frühstück, und Renata eilte Heimzukommen, aber sie mußte zuvor Frau Falkner sprechen, die sie noch nicht gesehen.
Auch Charlotte sah bleich und matt aus, sie hatte kaum eine Stunde geruht.
Der Zustand des Konsuls war nach ihrem Berichte ziemlich der gleiche wie am Abend vorher/ das Bewußtsein war nur in geringem Maße wiedergekehrt, meist lag er mit geschlossenen Augen.
„Gott mag wissen, was daraus wird," schloß sie bekümmert.
„Hätte ich doch noch mehr verhindern können," sagte Renata traurig.
„Vielleicht ist es dennoch ein Zeichen von oben, daß sein Leben noch nicht endete und Sie ein Werkzeug waren in Gottes Hand, mein liebes Kind," erwiderte Charlotte mit stillem Ernst.
„Wollte Gott, es wäre so," setzte Renata bewegt hinzu.
Sie nahm eben Abschied von Frau Falkner, da kam Viktor mit seiner Schwester. Wie gern wäre Renata ihnen auSgewichen, es wurde ihr so schwer, sie unbefangen zu begrüßen, aber sie konnte es nicht umgehen.
Mit seiner gewohnten freundlichen Liebenswürdigkeit fragte der junge Doktor nach Renatens Befinden.
Warum sprach er gerade mit ihr? Sie wandte den Kopf weg und sagte: „Wir sind wohl alle gleich müde und elend"/ ihre Augen streiften Frida. Diese lehnte am Flügel mit unterschlagenen Armen, und Renata erschrak beinahe über den entstellend hohnvollen Zug in dem sonst so anmutigen Gesicht. Fast ängstlich sah sie zu Viktor hinüber, er sprach jetzt mit Charlotte und bemerkte es nicht.
Eilig nahm Renata Abschied und jeder sagte ihr ein freundlich Wort, sogar Max/ nur Fridas kleine Hand lag kalt und ohne Druck in der ihren.
Bei Noltes mußte wohl Besuch sein, sonst wäre Renata nicht so unbemerkt in ihr Zimmer gelangt. Es war ihr lieb, sehr lieb, galt es doch einen schmerzvollen Kampf mit ihrem Herzen.
Sie hatte es ja selber nicht gewußt, was darin aufgeblüht war so freudig und beseligend/ eine Stunde hatte es ihr gezeigt, wie Wetterleuchten wars in ihre Seele gefallen, und dieselbe Stunde brachte den Gewittersturm, der all die Blüten knickte. Wie ein Kind war sie blindlings vorwärts gegangen, die Jugend, ihr einst so fremd, hatte sie überkommen/ ach, war's denn so unrecht, daß sie ihn liebgewonnen? Ein paar heiße Thränen rollten über ihr blasses Gesicht, und sie faltete die kalten Hände.
Fridas Bild in seiner sonstigen Anmut trat vor ihre Seele. Was war sie daneben? Aber sollte sie denn allein einsam ihren Weg gehen und jenes kindische, eitle Mädchen alles haben? Fridas'liebliches Bild verwandelte sich und zeigte ihr wieder jenes häßliche Lächeln. Und wie benahm sie sich gegen den leidenden Großvater! Empfand sie das gestrige Unglück nicht nur als Störung des Festes? Hatte sie selbst nicht eine Lüge gesagt, wenn sie Viktor versicherte, daß Frida ein Herz habe? Eine peinliche Angst überflutete sie, aber sie kämpfte tapfer dagegen, am wenigsten wollte sie sich selbst belügen, war sie denn so viel bester als Frida?
„O mein Gott, hilf mir," seufzte sie und griff nach dem Buche, worin das Veilchen lag. Sie sah es stille an, es war wohl nicht von ihm, aber wo es auch her sein mochte, es hingen thörichte Gedanken dran. Sie hielt die kleine, verblaßte Blume in der Hand und dachte an den sonnigen Geburtstagsmorgen, wo die Welt so schön vor ihr gelegen, dann drückten ihre Finger den verwelkten Frühlingsboten zu Staub.
Fräulein Nolte schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Sie fand das junge Mädchen recht blaß, aber das sei wohl kein Wunder, es waren ja haarsträubende Dinge im Ghlfen- hofe passiert.
Renata berichtete einfach und wahrheitgetreu, so daß Fräulein Lina sich etwas beruhigte.
„Hier ist auch ein Brief für Sie, Fräulein Renata, er kam gestern abend an, gleichzeitig mit meinem Bruder. Wir waren sehr überrascht, und wir hoffen, daß Sie heute abend unser Gast sind."
So abgespannt sich Renata auch fühlte, sagte sie doch zu, sie wußte ja, mit welchem Stolze die beiden Frauen von diesem Sohn und Bruder sprachen, da mußte sie ihnen den Gefallen schon thun. Fräulein Lina hielt sich nicht auf und empfahl sich bald.
Der Brief an Renata war von ihrem Vormunde, dem Bürgermeister von M. Sie wechselten nicht oft Briefe. Der Herr schrieb recht freundlich und bat Renata, bald zu kommen, um ihre Sachen, die einstweilen in seinem Hause Platz gefunden, zu ordnen oder, falls sie in L. eine -Anstellung bekommen könnte, dahin mitzunehmen. Seine älteste Tochter wolle nach bestandenem Examen in M. eine Privatschule gründen und bei den Eltern wohnen, dazu seien aber nur die Zimmer geeignet, die Renata innegehabt.
Das junge Mädchen fühlte sich nicht schmerzlich berührt, daß sie so beseitigt werden sollte/ sie hatte sich nie in der Familie ihres Vormundes heimisch gefühlt und war es ganz zufrieden, lediglich in Geschäftsverkehr mit ihm zu stehen. Aber reisen mußte sie und zwar bald.
Zum Thee ging sie zu Noltes hinüber und fand Frau Pastor glückstrahlend neben einem stattlichen Herrn auf dem Sofa. Der Herr Pastor Nolte erinnerte in den äußeren Formen entschieden an Lina, während er die harmlos bewegliche, freundliche Natur von der Mutter zu haben schien. Er begrüßte den jungen Gast, als wären sie alte Bekannte. Seine frische, humorvolle Weise regte Renaten angenehm an/


