Ausgabe 
31.8.1899
 
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geschickt man verfahren war, um die eigentlich beabsichtigte Bresche zu legen. Gedeckt von der so geschaffenen Kulissen­wand, mußte das Einhacken dieser Mauer allem Ansckein nach in Zwischenpausen geschehen sein, während der Wand­schrank mit großem Lärm und ebenso großem Kraftaufwand hergestellt worden war.

Der letzte Durchbruch nach dem Privatkontor des be­klagenswerten Sommer war höchstwahrscheinlich während der Feiertage ausgeführt worden, wo das Geschäftslokal wie die Wohnung leer gestanden hatten und auch von den Be­wohnern der ersten und dritten Etage niemand daheim geblieben war.

Der Polizeibeamte neigte sich der Ansicht zu, die ge­machte Beute sei von den Dieben unter dem Schutze der Nacht weggeschafft worden. Auf welche Weise dies vollführt worden war, galt für die Bestohlenen allerdings gleich. Der Raub war gelungen, und dadurch über die Familie un­sägliches Leid hereingebrochen, dessen Umfang erst nach und nach in immer bedrohlicherer Gestalt zu Tage trat.

Sommer lag in einem Zustande beinahe vollständiger Apathie,- es war nur selten etwas aus ihm herauszube­kommen, und was er sagte, war weit mehr geeignet, die Dinge zu verwirren als sie zu klären. Der Kassierer hatte eine Uebersicht des fehlenden baren Geldes, wie der ent­wendeten Effekten gegeben, und da die Nummern der letzteren gebucht waren, hoffte man, die Diebe bet deren Versilberung abfassen zu können.

Die Erwartung erwies sich als trügerisch.

Weder in Berlin, noch an einem anderen Handelsplätze tauchte ein einziges der gestohlenen Papiere auf. Die sorg­fältigsten Nachforschungen der Behörden erwiesen sich als vollständig vergeblich. Wochen verstrichen, ohne daß sich eine Spur von den Dieben gefunden hätte. Sie waren wie vom Erdboden verschwunden, und bald hatte der Schauplatz ihres schlau ausgeführten Verbrechens in Wirklichkeit dieses Schicksal.

Baumeister Schöller hatte seinen Plan geändert und ließ das neben dem Sommer'schen Hause belegens kleine Haus zuerst niederreißen, vielleicht um sich selbst den Ort aus den Augen zu schaffen, der ihn an eine für ihn beschämende Thatsache erinnerte. Er hatte geglaubt mit der Vermietung des Ladens ein gutes Geschäft zu machen und war das Opfer eines pfiffigen Betrügers geworden, der von dem ver­sprochenen hohen Mietspreise natürlich nicht einen Pfennig gezahlt hatte.

Wieder erdröhnte das Haus des Bankiers von den Schlägen der die Mauern des Nebenhauses niederlegenden Arbeiter. Kein Fenster konnte geöffnet werden, ohne daß ganze Wolken von Kalkftaub durch den scharfen Wind in die Zimmer gewirbelt wurden, und unruhig und angstvoll hielt sich der Kranke mit beiden Händen den Kopf, mochte er nun auf seinem Lager sich befinden oder von seiner Tochter sorgsam im Lehnstuhl gebettet sein.

_ Der Lärm schien nicht nur seinem armen, schwachen Kopfe physisch wehe zu thun, sondern auch Erinnerungen zu wecken, denen er nun angstvoll Worte zu leihen bestrebt war, ohne doch mehr als verworrene, wenig zusammenhängende Sätze hervorbringen zu können.

Die Aufklärung, die zu geben der unglückliche Mann sich vergeblich bemühte, kam seinen Kindern in erschreckender Weise von anderer Seite. Es stellte sich heraus, daß Sommer sich auf Spekulationen eingelassen hatte, die mit der Art und dem Umfange seines Geschäftes nicht im Einklang standen. Er hatte jedoch in neuerer Zeit glücklich operiert und mußte im Geheimfach seines Schrankes recht ansehnliche Summen ausbewahrt haben. Die Auszeichnung derselben, die wahr­scheinlich dabei gelegen hatte, fehlte jedoch. Die Diebe waren schlau genug gewesen, auch diesen Nachweis über das, was ihnen in die Hände gefallen war, mit sich zu nehmen.

Sie schienen überhaupt besser über die augenblickliche I Geschäftslage des Bankiers unterrichtet gewesen zu sein als I

dessen Kinder und Angestellte. Sommer hatte Zeitgeschäfte abgeschloffen und allem Anscheine nach die Deckung dafür vorsorglich in seinem eisernen Schrank ausbewahrt gehabt, nun war das Geld weg, die Spekulation fehlgeschlagen die Differenzen mußten bezahlt werden.

Ohne das opferwillige Eingreifen des Kommerzienrates Helldorf hätte der Konkurs über das Sommer'sche Bank­geschäft eröffnet werden müssen,- er war, wie dies häufig genug der Fall ist, von alten Geschäfts- und sonstigen Freun­den des Bankiers, denen er sich häufig genug gefällig erwiesen hatte, der einzige, der sich in Wirklichkeit als ein Freund in der Not erwies.

Dagegen stellte sich ein anderer ein, dessen Bekanntschaft mit der Familie Sommer doch nur eine sehr kurze und ober­flächliche war Dr. Corbus.

Schon an dem Tage, als die Nachricht von dem bet Sommer stattgehabten Einbruch sich verbreitet, hatte er sich eingefunden, um dem Assessor und dessen Schwester seine herzlichste Teil­nahme auszudrücken, wobei er auf ihr Gespräch am ver­gangenen Tuge hinwies und seufzend sagte:Wären wir damals sogleich hierher gegangen, so hätten wir die Diebe vielleicht bei der Arbeit angetroffen, aber man muß eben ein abgefeimter Gauner oder ein Polizeigenie sein, um auf solche Dinge zu kommen."

Trotzdem er von den Geschwistern und namentlich von Ernst sehr frostig behandelt ward, kam er doch noch ein paarmal wieder, um seine Hilfe anzubieten, die besonders darin bestehen sollte, daß er große Summen zur Fortführung des Geschäfts hergeben wollte. Ernst Sommer lehnte dies entschieden ab, und nun rückte Corbus mit dem Vorschlag heraus, er wolle als Teilnehmer etntreten. Erst als auch dies zurückgewiesen ward, zog er sich verletzt zurück.

Es wäre dem Asseffor völlig unmöglich gewesen, einem Manne gegenüber Verbindlichkeiten einzugehen, der ihm ein unüberwindliches Mißtrauen einflößte, von dessen Vorleben man nur das wußte, was zu erzählen er für gut fand. Hätte das Geschäft mit Hilfe der von Corbus zur Verfügung gestellten Mittel, oder gar unter seiner Teilhaberschaft fort­geführt werden sollen, so wäre Ernst nichts übrig geblieben, als seinen Beruf aufzugeben und ebenfalls einzutreten das aber vermochte er nicht. Es wäre ihm vorgekommen, als habe er einen Pakt mit dem Bösen geschlossen.

So mochte die Firma denn lieber liquidieren. Dank der Hilfe des Kommerzienrates war es möglich geworden, alle Forderungen zu befriedigen und Sommers guten Namen unangetastet zu erhalten.

Frei und ohne Scheu durften seine Kinder vor jeder­mann das Haupt erheben.

Sie waren dem Freunde ihres Vaters unsäglich dankbar für diese Gutthat, und trotzdem war und blieb es für sie ein unaufhörlich bohrender Schmerz, daß sie sich gezwungen gesehen hatten, sie anzunehmen.

Kommerzienrat Helldorf hatte in der liebenswürdigsten Weise in Form eines Darlehns das Geld hergegeben; Ernst fragte sich aber doch in den bangen, schweren Stunden, die er wachend auf seinem Lager zubrachte, wie er jemals im­stande sein sollte, dasselbe zurückzuzahlen? Zuweilen machte er sich dann einen Vorwurf daraus, das Anerbieten des Dr. Corbus nicht angenommen zu haben, da hier vielleicht die Möglichkeit gewesen wäre, den Wohlstand der Familie wieder zu heben; aber mit Entsetzen rief er dann ganz laut: Nein, nein, ich konnte, ich durfte es nicht! Lieber das Aeußerste ertragen!" Und viel lag in der That auf den Schultern des armen jungen Mannes.

Das geringe Vermögen, das nach Auflösung des Ge­schäftes und dem bereits in die Wege geleiteten Verkauf des Hauses den Seinen noch übrig blieb, reichte kaum zur Bestreitung des bescheidenen Lebensunterhaltes und zur Pflege des Vaters aus, und er selbst konnte, auch wenn er dem­nächst zu einer festen Anstellung gelangte, nur auf ein kleines Einkommen rechnen. Weit, weit, in nebelhafte Ferne gerückt