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„So — so", gab Madame lang gezogen zurück — „und niemals Frankreich berührt?"
„Wo denken Sie hin, gnädige Frau", erwiderte Mosel- blümchen und lachte so heftig, daß sich ein paar Bläschen in der Flasche bildeten, „ich bin ja erst vom letzten Jahrgang. Aber weil die Sonnenstrahlen meine besten Spielgefährten waren, setzte man große Hoffnungen auf mich. Und ich glaub'", fügte das Moselblümchen etwas selbstbewußt hinzu, „man hat sich nicht in mir getäuscht.
„Erklären Sie sich näher", sagte die Cliquot, „so etwas interessiert mich."
„Gern, Madame. Also hören Sie. Kaum war ich in dies enge gläserne Kleid gezwängt, als man mich schon für genießbar hielt. Mein Stolz war grenzenlos, denn das langjährige Kellerdasein, von dem ich gehört, und dem leider so viele meiner Verwandtschaft zum Opfer gefallen sind, denke ich mir entsetzlich."
„Welch kindischer Unverstand, Kleine! Der Aufenthalt in den Mauern eines wohlassortierten Weinkellers ist der einzige Reiz unseres flüchtigen Lebens. Hätten Sie ihn kennen gelernt, hätten Sie erlebt, was ich erlebte" — hier seufzte die Cliquot tief auf —, „hätten Sie in der vornehmsten Gesellschaft, unter den edelsten staubumsponnenen Häuptern eine Rolle gespielt, wie ich, Sir könnten meinen Schmerz verstehen, wo ich jetzt dem allen entrissen und einer ungewiffen Zukunft ausgesetzt bin!"
„Ach, Madame", erwiderte Moselblümchen kleinlaut, „das alles hat mir noch niemand gesagt!"
„Natürlich nicht! Ja, ja, das kennt man! Die liebe Unschuld freut sich, Hals über Kopf in die Welt zu kommen, um dann ohne Sang und Klang verthan zu werden. Sinnlos verbraucht, ohne Geschichte, ohne eine intime Geschichte, und darauf, Kleine, kommt es doch einzig an!"
Madames tiefe Altstimme hatte eine wundervolle Färbung erhalten, so daß Moselblümchen ihr atemlos zuhörte, als jene erregt fortfuhr! „Wie wird Ihr Los denn? Für ein paar Nickel ersteht sie irgend ein kleines Schneidermädchen oder eine alte Jungfer, um für sich und die lieben Ihren unter Beimischung unwürdiger Surrogate aus Ihnen einen tugendhaften Sylvesterpunsch zu brauen. Ungeheure Pfannkuchen verzehrt man bei Ihrem kläglichen Ende oder gar Käsestullen — die Berliner sind groß in dieser Geschmacksverirrung — ich dagegen — —!"
„Sie dagegen?" fragte Moselbümchen gespannt.
„Bin ein Cliquot, mein Kind das genügt!"
Zerknirscht erkannte Moselblümchen den Abstand der Geburt. Wie fröhlich wars in die Welt gezogen und wie begehrenswert war es sich selbst vorgekommen in seinem Hellen, gelbgrünen Kleidchen. Sollte es wirklich ein so klägliches Ende nehmen mit der Lebensfreude?
Gern hätte es mit der welterfahrenen Frau weiter geplaudert — aber die Ladenthür wurde jetzt oft auf und zu gemacht, Käufer kamen und gingen, daß es nicht möglich war, die leise Unterhaltung fortzusetzen.
Inzwischen war es Abend geworden, der Warenvorrat des Schaufensters zeigte Lücken, und endlich schien so viel Ruhe im Geschäftsverkehr eingetreten zu sein, daß Moselblümchen seinem gequälten Herzen Lust machen konnte. So hob es neugierig ein wenig das Köpfchen und fragte leise: „Verzeihung, gnädige Frau, wie ich sehe, sind Sie noch da — wie geht es Ihnen?"
„Danke, gut, Kleine!"
„Aber mir ist schrecklich zu Mut! Immer dies aufregende Gefühl, ob man einen Liebhaber findet, und wie es einem ergehen wird — man kommt aus der Angst nicht heraus! Glücklicherweise ist es jetzt aber viel anständiger in unserer Nähe geworden — dieser entsetzliche Limburger rechts ist verschwunden, die thranigen Bücklinge links sind fort — und selbst der gepanzerte Herr aus Helgoland hat uns ver- laffen!"
„So, so," sagte schläfrig Madame Cliquot.
„Merkten Sie das gar nicht, gnädige Frau?"
„Ich schlief und hatte angenehme Träume!"
„Sind Sie denn gar nicht aufgeregt?"
„Nicht im geringsten," lächelte die Cliquot überlegen.
„Und ich wollte beinahe vergehen! Hätten Sie das nur auch gesehen, Madame!"
„Was denn?"
„Oder vielmehr ihn gesehen, von dem ich fürchtete und hoffte mitgenommen zu werden!"
„Wer war es denn?"
„O Madame, wenn ich Ihnen das beschreiben könnte. Himmlisch! Ich glaube ein Leutnant!"
Madame lachte hell auf.
In diesem Augenblick trat ein schlanker junger Mann ans Schaufenster und warf vorübergehend einen Blick auf Frau Boltens Delikatessen.
„Der!" rief Moselblümchen, außer sich vor Freude, „sehen Sie die entzückende Uniform, Madame!"
„Erst Fähnrich, meine Liebe!"
„Das ist ja gleich I Ich finde ihn entzückend! Ueberhaupt schwärme ich fürs Militär!"
„Aber das Militär wohl nicht für Sie!" höhnte die Cliquot. „Wie Sie sehen, haben Sie nicht den geringsten Eindruck auf diesen Jüngling gemacht! Ich finde Sie überhaupt etwas eingebildet, meine Beste. Der erklärte Liebling des Militärs bin ich! Während die Herren der Schöpfung Sie in Selter- oder Sodawasser ertränken, bin ich berufen, die Geister auf die Höhen alles Genusses zu führen! Ein Tropfen meines kostbaren Blutes vermag mehr, als Ihr ganzer seelenloser Inhalt! Wer mich trinkt, dem verleihe ick Grazie, Laune, Begeisterung! Der Jugend entflamme ich sehnsüchtige Wünsche, dem Alter schenke ich Jünglingskraft. Ich zaubere Rosenglut auf zarte Wangen, schüre das Feuer der Blicke und lasse aus ihnen verschwiegene Gedanken sprechen — allen aber steig' ich zu Kopf, und das ist mein Temperament, Kleine!"
Moselblümchen hatte eine Antwort auf den Lippen, aber da wurde die Ladenthür aufgeriflen, ein Dienstmädchen stürmte herein mit der Erklärung, daß der Weinhändler die Herrschaft hätte sitzen lassen, und ehe Moselblümchen sich noch von seinem Schreck erholen konnte, stand es zugleich mit der vornehmen Französin auf dem Ladentisch.
„Deutschen Sekt habe ich leider nicht," sagte Frau Bolten, „aber wenn Sie diesen mal mitnehmen wollen — vielleicht nimmt die gnädige Frau noch ein paar Flaschen leichten Mosel dazu — ich lege diese Flasche zur Probe bei — zur Bowle ausgezeichnet — und wenn dann zuletzt echt französischer Sekt dazu kommt, feineres giebts nicht!"
„Na, denn man her damit!" Damit eilte das Mädchen davon, mit jeder ihrer kräftigen Hände eine der Flaschen umfassend.
Der Schreck hatte das Moselblümchen beinahe betäubt. Als es seine Fassung wieder hatte, sah es sich in einer neue« Welt. In einem hell erleuchteten Saal saßen an festlich gedeckter Tafel fröhliche Menschen.
Auf schweren Schüsseln wurden leckere Speisen gereicht, in schlanken Pokalen und weiten, geschliffenen Gläsern funkelte Traubenblut. Die ganze Luft erfüllte ein seltsamer Duft — alles atmete heitere Sorglosigkeit und warme Lebensfreude.
Moselblümchen erschauerte. Gewiß — jetzt gings zu Ende — aber wenn es sein mußte — so hier und nirgend anders! Seines Geschickes harrend, stand es auf dem Serviertisch, und weil es so gern die Menschenlust sehen wollte, reckte es seinen Hals. Und plötzlich hätte es aufjauchzen mögen! Am Ende der Tafel, hinter einem mit Früchten und Konfekt hoch aufgetürmten Aufsatz schimmerten goldene Tressen und des schmucken Fähnrichs rosiges Apfelgesicht leuchtete wie in Sonnenlicht getaucht. Neben ihm, ganz dicht, einer Frühlingsblüte gleich, ein blondhaariges Mägdelein. Dustwolken leichten, lichten Stoffes umfließen die taufrischen Glieder, die


