Ausgabe 
30.12.1899
 
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Samstag den 30. Dezember

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zeitlich ist, fleucht weg behend, Ewig ist lang und hat kein End'.

Sprichwort.

Alles was geboren, Hat der Tod erkoren.

Sprichwort.

Moselblümchen.

Eine Sylvestergeschichte von Fritz Schott.*)

------- (Nachdruck verboten.)

Im Delikateßgeschäft der Witwe Bolten waren Mutter und Töchter in emsiger Thätigkeit. Es galt, mancherlei Kasten und Körbe auszupacken, aber so sehr die Mädchen sich damit auch beeilten, es war längst Mitternacht vorbei, ehe der Laden aufgeräumt, das Schaufenster dekoriert war und alle die Herrlichkeiten, welche für Sylvester und Neujahr Käufer anlocken sollten, wohl geordnet dalagen.

Die kleine Handlung hatte das erste Geschäftsjahr hinter sich. Sie war zu sehr abseits gelegen, um mit anderen Geschäften in Wettbewerb treten zu können, und Witwe Bolten begnügte sich damit, den anspruchsvollen Bewohnern von Berlin W. als bescheidene Aushilfe zu dienen. Aus diesem Grunde war der Warenvorrat gering, weil aber dort von vielem etwas zu haben war, erfreute sich das kleine Geschäft regen nachbarlichen Zuspruchs.

Es graute kaum der Morgen, als Witwe Bolten schon die schwere Rolljalousie vor ihrem Schaufenster aufzog, und auf die Straße tretend, mit wohlgefälligem Blick das kunst­volle Arrangement ihrer Töchter betrachtete. Die Witwe hatte wirklich Grund, zufrieden zu fein;Borchardt" konnte sich großartiger zeigen, an Stimmung aber leistete sie nicht weniger Zauberhaftes. Den Glanzpunkt der Schaufenster­

*) Wir entnehmen diese reizende Sylvestergeschichte dem bei Georg Heinrich Meyer in Leipzig erschienenen GeschichtenbuchIm Winkel der Großstadt" von Fritz Schott. Preis geh. Mk. 3,, geb. Mk. 4,. Der Verfasser, dessen Erzählungen in derTägl. Rund­schau" seiner Zeit berechtigtes Aufsehen erregten, zeigt sich in der vor­liegenden Sammlung erst recht als ein ganz ungemein feiner Kenner großstädtischen Lebens, als ein Poet von köstlichem Humor und, wenn es darauf ankommt, von tiefstem Lebcnsernst, ja, von erschütternder Tragik. Er beherrscht die ganze Skala deutschinnigen Empfindens und wird, davon find wir überzeugt, nicht nur wie bisher der Lieblingsautor eines kleinen Kreises sondern in Kürze ein Liebling jedes deutschen Hauses sein.

dekoration bildete das Mittelstück: auf bauschigem, rosa Seidenpapier lässig ruhend, eine korpulente, goldhalsige Veuve Cliquot, die einzige zwar, deren sich die Handlung rühmen konnte, und erst nach langer, reiflicher Ueberlegung als Paradestück angeschafft. Rechts und links von ihr ein paar Flaschen Burgunder, Punschextrakt und Likör, dann Wein­trauben, amerikanische Aepfel, Räucherfische, Büchsen, Pasteten­töpfe, Weißweinflalchen alles scheinbar nachlässig hinge­worfen und doch von anheimelndem Behagen umgeben. Ganz im Vordergründe, dicht an die Glasscheibe gepreßt, lag ein Hummer. Nur schweren Herzens hatte sich die Witwe zu seinem Einkauf entschlossen, und die Sorge um sein Leben hatte ihr die Nachtruhe gekürzt. Jetzt, da sie ihn wohl­behalten die runden Knopfaugen bewegen sah, mußte sie sich eingestehen, daß gerade die ungeschickte Beweglichkeit dieses Lebewesens den Hauptreiz des Schaufensters ausmachte und das Stillleben aufs angenehmste unterbrach. Ganz befriedigt, voll Hoffnung auf einen guten Geschäftstag ging Frau Bolten in ihren Laden zurück.

Langsam löste sich der helle Morgen aus dämmrigen Nebelschleiern. Rotgoldenes Sonnenlicht streifte die Fenster der Straße und spiegelte sich funkensprühend in den Krhstall- scheiben der Delikateßhandlung. Langsam ließ der Hummer seine Fühlhörner spielen; als er dann in dreister Lappigkeit seinen gepanzerten Leib über eine Weißweinflasche zu ziehen sich bemühte, vernahm er ein merkwürdiges Stöhnen. Er­schreckt zog er seine Scheren zurück, und sich ein wenig in die Höhe richtend, ward er Zeuge nie erlebter Dinge. In der Mitte des Stilllebens rührte es sich, der prächtige Gold­hals der Madame Cliquot bewegte sich stolz über dem knistrigen Seidenpapierkleid und mit tiefer Altstimme und fremdländischem Accent begann die Dame also:Wer seufzte da? Ist jemand meines Geschlechts in meiner Nähe?"

Schüchtern erhob sich eine leicht verkorkte Weinflasche von ihrem Lager, und ihren zarten Hals ein wenig neigend, stotterte sie:Verzeihung, gnädige Frau, wenn ich Sie aus Ihrer langjährigen Ruhe aufgeschreckt habe, mir war's, als sollt' ich erdrückt werden, sonst hätte ich Sie gewiß nicht gestört."

Die goldstrotzende Französin blickte herablassend auf die Sprecherin, dann sagte sie:Es ist mir nicht unlieb, daß das langweilige Einerlei meines Daseins unterbrochen worden. Sie scheinen wohlerzogen, Kleine. Doch wohl in meinem Heimatlande! Ihr Name?"

Moselblümchen, gnädige Frau! Sie können selbst die Marke an meinem Kleidersaum lesen, Wenns Ihnen beliebt!"