Ausgabe 
30.11.1899
 
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Reitknecht neben ihm ausnahm in seiner durch keine vor­nehme Qualität gehobenen, blühenden Kraft.

Es konnte kein Zweifel mehr sein, die allgemein be­wunderte Tochter war der Grund dieser Verwandlung.

Das ist nun einmal das Wunder der Jugend und Schönheit, daß ste alles um sich her neu belebt. Dazu kam ein Umstand, an dem tut ganzen Hause bis zum Laufburschen herab niemand zweifelte, ein Umstand, der wohl jedem Vater die Stirne glätten müße. Der reiche Herrmann, auf welchen jedes Mädchen der Stadt sehnsüchtig blickte, und die schöne Marie Holaus waren längst so gut wie verlobt.

Zwar war die Sache noch nicht öffentlich ja, Frau Opel war ganz zornig, wenn man sie darüber ausholte und leugnete beharrlich,- aber die gemeinsamen Spazierritte, die Blicke, die man dabei beobachtete, vor allem aber das Fern­bleiben deö bekannten Lebemannes von allen Vergnügungen, denen er sonst fröhnte, ließen keinen Zweifel darüber auf­kommen.

Herrmann war ein schöner Mann in der Vollkraft seiner Jahre, kein Mädchen hätte sich da besonnen.

Holaus war der einzige, welcher an eine Verlobung nicht glaubte, und eben deshalb sah er so verjüngt ans, ging er so kerzengerade, war seine Stirn glatt, sein Blick so frei und groß.

Er hatte Marie völlig sich selbst überlassen, besonders in Bezug auf Franz.

Kein Wort, kein Blick der Warnung ging von ihm aus. Er beobachtete nur, die Wahrheit wollte er schauen, so grausam sie für ihn auch sein mochte.

Und es entging ihm nichts. Nicht die Verwirrung, nicht die schmerzhafte Unruhe, als sie nach dem ersten Gang mit Franz zu ihm zurückkehrte, nicht das von neuem beginnende Drängen nach dem verführerischen Freund und der Freude, die bei ihm winkte, nicht das ängstliche, unsichere Sichnähern, wieder Zurückschrecken, wieder Sichnähern, halb neugierig, halb lüstern, nicht das ständige Schutzsuchen bei ihm, dem Vater, das stumme Fragen, um Aufschluß bitten im Wider­streit des Herzens. Nicht das stürmische Werben des Freundes, das Anwenden aller gewohnten Kunstgriffe, aber auch nicht die Abwesenheit jeder großen Neigung auf beiden Seiten.

Und diese letzte, wie es ihm schien, untrügliche Beobachtung war zugleich auch der reinste Hohn für all die Qualen, für all das bange Hoffen und grausame Fürchten.

Für sie war er der erste Mann, der das Weib in ihr wachrief- der erste Schmeichler! Die höchste Gefahr, wenn er nicht vom ersten Augenblicke an die Thorheit begangen hätte, den unendlich zarten, weiblichen Instinkt für das Feindliche, Drohende, Lauernde im Manne zu wecken und damit für immer sein Spiel zu gefährden.

Für ihn war ste eine Sensation, eine frische Oase in seinem Genußleben. Er liebte mehr die heilsame Wirkung, die von ihr ausging, als sie selbst.

Eine Beobachtung war es vor allen, welche Holaus in eine geheime Verzückung versetzte, so sehr er sich Mühe geben mußte, sich den ungetrübten Blick zu bewahren- ste fiel gleichsam als eine köstliche Frucht seines ehrlichen Forschens ab, auf die er ja gar nicht gerechnet, und um so gieriger ergriff er sie.

Das Seelenleben Mariens, das er so sorgfältig beobachtete, um ihre Liebe zu Herrmann darin zu entdecken, ergab eine Regung, vor der er lange mit pochendem Herzen stand. Alles hatte er schon sorgfältig analystert, die Liebe zu dem Jugendfreunde, zu dem Freunde des Vaters, die Kindesliebe, die bei dem Mangel der Mutter sich völlig auf ihn vereinigen mußte, die geistige Verwandtschaft durch seine fortgesetzte Beeinflussung ihres ganzen Wesens, immer blieb der geheimnisvolle Rest, eine innere Wärme, mehr, eine versteckte Glut, die sich scheu zu verbergen suchte, um sich dann in kindlichen, völlig ungereimten, aber um so schmerzhafteren Ausbrüchen Lust zu machen. Ein stürmisches

Fliehen in seine Vaterarme und dann wieder jungfräuliches Aufschrecken und mädchenhaftes Zurückziehen.

Ihr zarter Instinkt wittert in dir den fremden Mann, durch die Maske des Vaters hindurch. Das ist alles! sagte er sich oft.

Aber die Erwiderung fehlte nicht.

Auch der feinste weibliche Instinkt wäre nicht imstande, in ihm den verkappten Vater, den fremden Mann heraus zu wittern, wohl aber, den geliebten Mann. Der ge­heimnisvolle Rest blieb, und immer verführerischer blitzte es auf darin.

Er erwartete jetzt geradezu mit Ungeduld die öffentliche Werbung Herrmanns um seine Tochter, fest entschlossen, sie abzuweisen.

Lag daS einmal endgültig hinter ihm, dann erst war es Zeit, der Frage betreffs Enthüllung der Herkunft Mariens näher zu treten, welche er für den Augenblick völlig zurück­gestellt.

Nur ein Gedanke beunruhigte ihn.

Würde er Herrmann abweisen, wenn Marie wirklich sein Kind wäre?

Da kam ihm Frau Opel zu Hilfe, welche aus ihrer Abneigung zu Herrmann kein Hehl machte und sich wieder­holt über seine Duldung des freien Verkehres Mariens mit dem Onkel aufhtelt.

Was konnte ste für ein Interesse daran haben, als ein rein selbstloses, von der Liebe zu Marie geleitetes.

Er war ihr unendlich dankbar dafür und bat ihr im stillem allen Unmut ab, den er schon gegen ste gehegt.

» * *

Holaus saß in seinem Zeichensaal.

Er versäumte keinen Augenblick seine Pflicht über seinen Herzenswirren.

Marie war mit Herrmann ausgeritten.

Er hatte sich längst mit dieser ihrer Liehaberei auSgr- söhnt. Im Gegenteil, sah er in neuer Zeit in diesem un­gebundenen Verkehre Mariens mit Herrmann einen neuen Beweis, wie sicher sie sich ihm gegenüber fühlte.

Ein scheues Zurückziehen, ein Fürchten, mit ihm allein zu sein, hätte ihm mehr Besorgnis eingeflößt.

Aber heute packte es ihn wieder mit Allgewalt.

Hieß es nicht das unerfahrene Kind immer von neuem einer Gefahr aussetzen?

Eine augenblickliche, geschickt ausgenutzte Schwäche, eine weiche Stimmung konnte fettem ganzen gewagten Ver­fahren Hohn sprechen, ihn vor eine Thatsache stellen, die gar nicht mehr umzustoßen war.

So lange blieben sie auch nie aus.

Stimmenlärm im Parke vor dem Hause trieb ihn an das Fenster.

Wieder nichts!

Der alte Opel wies wieder einmal einen armen Teufel mit gewohnter Derbheit hinaus.

Und wie oft hatte er ihn darüber schon zur Rede gestellt- aber der alte Wachtmeister kam immer wieder zum Vorschein.

Eben wollte er sich ärgerlich abwenden, da stutzte er.

Die Stimme des Fremden drang an sein Ohr: Machen Sie, was Sie wollen! Ich komme doch noch zu Herrn Holaus! Jawohl, dann sollen Sie was erleben, Sie Leute­schinder!"

Holaus sah sich den Mann näher an. Es lag eine seltsame Drohung in seinen Worten und, wer betteln will, droht nicht.

Es war ein sichtlich stark herabgekommener Mensch von etwa 40 Jahren, in defektem, blauem Anzuge, der die unverkennbaren Spuren des Herumlungerers, des Nacht­verbringers in Kneipe und freier Heide an sich trug, während das spärliche und ergraute Haar wirr unter einer schwarzen, abgerissenen Mütze hervorsah, die kühn seitwärts im Nacken saß.