Ausgabe 
30.7.1899
 
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Lona wiederum machte sich Vorwürfe, daß sie ihm viel­leicht doch Unrecht gethan hätte. Wie, wenn seine Begleiterin im Ausstellungspark wirklich seine Cousine gewesen wäre? Freilich die zärtlichen Blicke--, aber vielleicht hatte sie

in ihrer Eifersucht auch ein wenig zu scharf gesehen.

Unglücklicher als je zuvor begab sie sich in die Musik­stunde.

Am folgende Tage stand der Portier Schulze in Wenzels Privatkontor.

Na, Schulze", redete der Hausbesitzer ihn an,wie haben denn die Hinterhäusler die Mietssteigerung ausge­nommen ?"

Welche Mietssteigerungen?"

Nun, ich habe sie ja alle gesteigert".

Davon weiß ich nichts, im Gegenteil, alle Bewohner des Hinterhauses rühmen Sie, Herr Wenzel, daß Sie der einzige in der ganzen Straße sind, der nicht gesteigert hat".

Unmöglich", fuhr Wenzel auf,der Postbote wird die Briefe noch nicht abgegeben haben. Gehen Sie doch noch einmal, Schulze, und erkundigen Sie sich".

Der Portier wurde durch den Postboten abgelöft.

Fräulein Lona Wenzel", sagte dieser geschäftsmäßig.

Ist gut! Warum werfen Sie nicht in den Brief­kasten ?"

O bitte, es sind vierundzwanzig Einschreibebriefe an Fräulein Lona Wenzel".

Vierundzwan" Das Wort blieb dem Hausbesitzer in der Kehle stecken. Endlich ermannte er sich soweit, seine Tochter zu rufen.

Uebergehen wir die nächsten fünf Minuten.

Herr Wenzel befand sich mit seiner Tochter allein. Auf dem Tische lagen einige der vierundzwanzig Briefe geöffnet.

Mit dem Menschen hast Du also Liebesbriefe gewechselt?"

Ich liebe ihn doch nun einmal", erwiderte Lona weinerlich.

Und wie kommen Deine Briefe wiederum eingeschrieWi an Dich zurück?"

Ach, Väterchen, ich fürchte, ich habe gestern in meiner Zerstreutheit etwas Schönes angerichtet. Die Briefe, die Du mir zum Besorgen gabst, werde ich wohl Karl gegeben haben, und statt dessen hat Schulze diese Briefe hier zur Post gebracht und einschreiben lassen. Karl ist ein so ordnungsliebender Geschäftsmann, daß er jeden Brief, den er mir durch einen Boten übersandte, mit meiner voll­ständigen Adrefle versehen hat. Schulze hat nun offenbar, da ich ihm die Briefe zum Einschreiben gab, die Kouverts zugeklebt, mit Marken versehen und, da er selbst Geschriebenes nur schlecht lesen kann, ohne weiteres auf die Post befördert".

Und auf diese Weise", rief Papa Wenzel händeringend, muß ich ein paar hundert Mark verlieren".

Ach, lieber, guter Vater, Du brauchst es ja nicht, und die Leute im Hinterhause"

Und nun kommt noch gar Deine Liebesgeschichte dazu! Nachdem Du Dich mit dem Menschen kompromittiert hast, brichst Du nun mit ihm. Dein Ruf ist dahin, und nun kannst Du zusehen--"

Ach, Vater", lispelte Lona,ich habe ihm heute morgen schon geschrieben, daß ich ihm verzeihe und daß ich mit ihm am Denkmal zusammentreffen will".

Diesmal will ich aber bei dem Stelldichein zugegen sein, und wehe ihm, wenn na, wir werden ja sehen".

Was Herr Wenzel gesehen hat, muß ihn doch wohl be­friedigt haben, wenigstens durfte Herr Karl Liese bereits am nächsten Sonntage sein Bräutchen in seine Arme schließen.

Einiges über die Saatkrähe.

(Vortrag in einer Ausschußsitzung des Gießener Tierschutzvereins.)

Schon bereits vor etwa zehn Jahren habe ich in diesem geschätzten Blatte (Gießener Anzeiger") einen längeren Artikel über die große Nützlichkeit der Rabenkrähen zur öffentlichen Kenntnis gebracht. Da diese guten Eigenschaften alle Raben­krähen mit Ausnahme des Kolkraben besitzen, so will ich für diesmal nur einiges über den sehr großen Nutzen, den die Saatkrähe stiftet, veröffentlichen. Die Saatkrähe, die gerade auch in hiesiger Gegend häufig vorkommt, unterscheidet sich von den anderen Krähen durch einen schlankeren Körperbau, durch einen langen Schnabel, der nicht am Ende mit Borsten­federn bedeckt ist, was darin seinen Grund hat, daß dieser Vogel beständig auf Wiesen, Aeckern und auch im Walde nach schädlichem Ungeziefer in den Boden hackt. Derselbe hat einen längeren, abgerundeten Schwanz und ein pracht­volleres, glänzendes Gefieder. Wer das Thun und Treiben der Saatkrähe in der Natur genau und vorurteilsfrei be­trachtet, der muß dieselbe schätzen und achten lernen, denn sie treibt sich, wie schon oben bemerkt, vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf unseren Fluren umher und vertilgt eine große Menge Maikäfer, sowie deren Larven; auch unter den verderblichen Nakt- oder Ackerschnecken räumt sie gewaltig auf. Nach der Aussage des berühmten Naturforschers Nau­mann ist sie der beste Mäusejäger, den unser Vaterland aufzu­weisen hat, denn derselbe hat in dem Kropfe der Saatkrähe stets mehrere Mäuse vorgefunden. Man weiß ganz bestimmt, daß es namentlich in England Gegenden giebt, in denen man die Saatkrähe auszurotten suchte, Mißernten vorkamen, die erst dann wieder aufhörten, nachdem man die Saatkrähe in ihrer nutzbringenden Thätigkeit nicht mehr störte.

Verschweigen will ich jedoch nicht, daß die Saatkrähe bei der Suche nach Nahrung auch Schaden am Getreide, an keimenden Erbsen verursacht, daß sie Vogelnester, die auf die Erde gebaut sind, ausplündert; allein, man kann mit Recht behaupten, daß der Schaden, den sie dadurch verursacht, von dem großen Nutzen, den sie stiftet, weit übertroffen wird, und es ist sehr zu bedauern, daß es nach diesen bestimmten Beobachtungen noch viele Oekonomen giebt, die die Saatkrähe, den unersetzlichen Wohlthäter ihrer Felder, nicht nur verfolgen, sondern auch noch die Unterstützung der Behörde zu ihrem schlimmen Werke verlangen.

Gießen, im Juli 1899.

H. Curschmann, Lehrer i. P.

Hrrinovistrsches.

In dem Badeorte X am Meere, wo in den Hotels die Gäste abgewiesen werden. EinReisender zum Wirt:Was bin ich schuldig?" Wirt: Sogleich. Also Zimmer Der Reisende:Aber ich habe ja gar kein Zimmer gehabt, ich habe auf dem Billard geschlafen". Wirt: Sehr wohl. Das ist dann ganz einfach: Ein Franc fünfzig Centimes für die Stunde".

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Amtsrichter:Was, schon wieder hier? DaS ist nun gewiß das zwanzigste Mal, daß Sie vor mir erscheinen. Angeklagter:Na, Herr Amtsrichter, da kann t do nix dafür, daß S' nöt befördert werd'n".

* * *

Mama:Um's Himmelswillen, Clärchen, was machst Du denn da?" Clärchen:Die Blumen auf dem Teppich begießen, damit sie wieder frischer aussehen!"

(Münch. Jugend.")

Ätbattion: 6. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'scheu UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.