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als ob nichts geschehen wäre, als ob er gar nicht ahne, wie unendlich weh er ihr einmal gethan hatte. Er sollte es auch nicht merken, wie tief er sie damals ins Herz getroffen. Und doch, so sehr sie sich bemühte, ihm ruhig und freundlich entgegen zu kommen, vermochte sie es nicht.
Er beachtete ihre beleidigenden Worte nicht und fragte nur mit oberflächlicher Höflichkeit!
„Wie ist cs Ihnen denn immer gegangen?"
„Gut, danke," antwortete sie kurz. Dann brachte sie es aber doch nicht übers Herz, es dabet bewenden zu lassen und fügte hinzu: „Zuerst schlecht. Das wissen Sie ja, oder vielmehr, Sie wissen es vielleicht nicht, da Sie so plötzlich abreisten."
„Wir hatten schwere Zeiten durchzumachen. Aber wir kämpften sie durch. In der Not lernt man seine wahren Freunde kennen."
Es lag eine erneute Herausforderung in ihrem Tone, der er nicht wieder auszuweichen gedachte. Er sah ihr gerade ins Gesicht, in die trotzigen, braunen Augen.
„Ich glaube, Fräulein Martha," sagte er langsam mit Nachdruck, „daß Sie Ihre wahren Freunde noch lange nicht genügend kennen. Es giebt ein Sprichwort: tout comprendre, c’est tout p ar donner. Sie, Fräulein Martha, müssen noch viel verstehen lernen, um gerechter zu werden."
Sie war so bis ins Innerste betroffen von diesen seltsamen, ihr unverständlichen Worten, daß sie keine Er- widerung fand.
Noch immer stand sie wortlos da, gerade vor sich hinsehend, um seinen Blick zu vermeiden, da kam das Stubenmädchen und meldete, Frau Rechtsanwalt lasse bitten, das Fräulein möge gleich zu ihr kommen.
„Ist Ziel verheiratet?" fragte Nansen erstaunt.
„Das hat Ihnen Ihr bester Freund wohl gar nicht mitgeteilt?" gab sie höhnisch zurück. „Ja, er ist verheiratet — mit meiner Schwester Else."
Unterdessen öffnete sich auch die Thür zur Linken, und Ziel trat herein.
„Nansen, Sie hier!" rief er freudig. „Welche angenehme Ueberraschung! Stellen Sie sich vor, daß ich Ihre Karte soeben erst zu Gesicht bekommen habe. Bei uns geht nämlich heute alles drunter und drüber. Aber ich sehe, Sie haben Gesellschaft gefunden. Um so besser. Und nun kommen Sie. Sie bleiben doch zum Abendbrot da? Bitte, Martha, benachrichtige Elschen, daß Nansen — natürlich, keine Widerrede — (das zu Nansen, der halb zögernd eine Ausrede Vorbringen wollte, dann halblaut zu Martha) und hilf ihr ein bischen. Sie ist ganz aus dem Häuschen. Ich rechne auch auf Dich zum Abendbrot."
(Fortsetzung folgt.)
Die Mietssteigerung.
Eine lustige Geschichte von Max Feder.
------- (Nachdruck verboten.)
Lona trat vor den Spiegel, um zu sehen, ob ihren Augen noch das Weinen anzumerken sei. Sie betupfte die Lider mit kaltem Wasser, und als sie bei nochmaliger Prüfung ihr Aussehen zufriedenstellend fand, holte sie aus einem verborgenen Winkel ihres Schreins ein Päckchen mit Briefen hervor, das mit einem roten Bändchen umbunden war, schob es in die Tasche, hängte die Musikmappe auf den Arm und verließ ihr Zimmer.
Zu gleicher Zeit hatte ihr Vater, der reiche Hausbesitzer Wenzel, darüber nachgedacht, wie er die bevorstehende teuere Badereise decken könne, ohne seine schönen Kapitalien anzu- gretfen, und da war er auf die in unserer Zeit so nahe liegende Idee gekommen, seine Mieter zu steigern. Die Mieter der Vorderwohnungen waren schon in den Vorjahren nicht wenig gesteigert worden, — nun sollten die kleinen Leute in den Hinterhäusern darankommen.
„Liebe Lona", sagte Papa Wenzel zu seiner Tochter, „die Post liegt auf dem Wege zu Deiner Musiklehrerin. Da kannst Du diese Briefe hier mitnehmen und einschreiben lassen, aber verbummele es ja nicht, denn heute ist der letzte Termin, an dem die Steigerung noch zulässig ist".
Lona schob die Briefe des Vaters in ihre Musikmappe und ging davon. Ihre Gedanken waren unterwegs keine tröstlichen, und sie mußte sich recht zusammennehmen, um die aufsteigenden Thränen zu unterdrücken. Es war auch eine zu jammervolle Welt. Sie, die hübsche und reiche Hausbesitzerstochter, hatte sich herabgelassen, einen einfachen, armen Buchhalter, namens Karl Liese, zu lieben, sie hatte sogar Liebesbriefe mit ihm gewechselt und sich mit dem ziemlich aussichtslosen Gedanken getragen, ihre Eltern zur Einwilligung in die Heirat zu bestimmen, und nun — gestern hatte sie ihn ganz deutlich im Ausstellungspark an der Musikkapelle mit einem jungen Mädchen vorbeistreichen sehen, mit dem er Arm in Arm ging und zärtliche Blicke wechselte. Sie hatte ihm darauf geschrieben: auf dem Wege zu den Musikstunden solle er sie treffen, seine Liebesbriefe in Empfang nehmen und ihr die ihrigen zurückgeben.
Sie schaute sich nach ihm um und bemerkte jetzt erst, daß sie schon ein beträchtliches Stück am Postamt vorbeigeschritten sei. Das war ärgerlich. Sollte sie die ganze Strecke wieder zurückgehen? Da traf es sich denn glücklich, daß sie dem Portier des Wenzel'schen Hauses begegnete. Das Besorgen der Briefe wäre ohnehin seine Sache gewesen.
„Ach bitte, lieber Schulze", sagte sie zu ihm, „gehen Sie doch zur Post und lassen Sie diese Briefe einschreiben".
Schulze zog mit den Briefen ab. Wenige Schritte weiter befand sich das Denkmal, an welchem sie schon öfter mit Karl zusammengetroffen war. Und richtig, da stand er auch heute, mit einem wahren Armensündergesicht, von dem sie seine Schuld ablesen konnte.
Mit einer königlich verachtenden Gebärde reichte sie ihm, ohne ein Wort zu sprechen, die Briefe hin.
„Aber, Lona", stotterte er „Du wirst doch nicht auf einen bloßen Verdacht hin--"
„Ich glaube, mein Herr", erwiderte sie mit scharfer Stimme, „wir sind fertig mit einander und ich bitte, mich nicht länger aufzuhalten".
„Aber, Lona, es war wirklich nur ein Mißverständnis. Die Dame, mit der ich im Ausstellungspark war — —"
„Schöne Dame", sagte Lona verächtlich.
„Lona, ich liebe ja nur Dich allein, und wenn Du mir Deine Liebe entziehst, nehme ich mir das Leben".
„Ganz nach Belieben!"
„Und mein Geist würde Dir keine Ruhe lassen".
„Das wäre mir besonders interessant. In unserem Parke in Wansee befindet sich eine alte Ruine, und wir haben es längst bedauert, daß dort nicht ein richtiger Geist spukt. Diese Ruine dürfen Sie nach Ihrem Tode als Ihre Wohnung betrachten".
„Ich danke", sagte er matt, „Ihr Vater würde mich doch zu sehr steigern".
Er hielt die Briefe in der Hand, die sie ihm übergeben hatte, und zog auch seinerseits langsam ein Päckchen aus der Brusttasche.
„Wenn Sie's durchaus befehlen, mein Fräulein, muß ich mich fügen, obgleich ich nicht weiß, wie ich diesen Bruch verwinden werde. Für alle Fälle", schloß er, indem er ihr die Briefe hinreichte und die von ihr dargebotenen einsteckte, „versichere ich Sie aber, daß die Dame, mit der Sie mich im Ausstellungsparke gesehen haben, meine Cousine war".
Mit tiefem Gruße entfernte er sich, unterwegs seinen Leichtsinn verwünschend, der ihn dazu getrieben hatte, mit einem Ladenmädchen seines Geschäftes den kleinen Sonntagsausflug zu unternehmen. Welch ein Pech auch, daß gerade an diesem Tage Lona mit ihren Eltern im Ausstellungspark sein mußte!


