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Dievenow, der sich eingehend erkundigte, wie es seinem Schwager beim Militär gefiele,ich scheine mich einer be- sondern Unbeliebtheit zu erfreuen. Ich bin mir doch bewußt, niemand irgendwie zu nahe getreten zu sein, und doch sind da ein paar Kerls, die dümmsten der ganzen Kompanie, die mir grundsätzlich alles zum Possen thun. Zuvörderst nennen sie mich immer sehr demonstrativ den Doktor- und daß das beim Militär kein Ehrentitel ist, wissen Sie ja." Ich wundere mich, daß sie überhaupt Gelegenheit finden, Sie zu chikauteren," meinte Dievenow.Ich bin während meiner Dienstzeit kaum je mit den Dreijährigen in Berührung gekommen."

Leonhard lachte.Ich suche die Anknüpfung nicht, dessen können Sie sicher sein. Ich bin heilsvergnügt, wenn man mich nach Beendigung des Dienstes in Ruhe läßt, denn ich bin immer hundemüde. Wenn man jahrelang ge­wohnt war, in der warmen Stube hinter den Büchern zu hocken, und muß nun plötzlich stundenlang sich im Freien bewegen, wenn einem der Sturm um die Ohren pfeift: das fällt einem höllisch sauer. Und ich glaube, lieber Dievenow, bei aller Ihrer Begeisterung, wenn Sie die Geschichte jetzt durchmachen müßten, es würde Ihnen nicht sehr gefallen. Sie kamen frisch von der Schule dazu, während ich schon ein verhältnismäßig alter Herr bin. Na, es geht vorüber wie alle Tage, die guten und die bösen. Sprechen wir nicht mehr davon."

Dann, als wolle er alle unangenehmen Gedanken von sich abschütteln, reckte er kräftig die Arme aus und atmete tief auf.

Wie wohl das thut, wieder einmal zu Hause zu sein." Es war abends um die achte Stunde, und die beiden Männer saßen allein in dem Andreeschen Wohnzimmer.

Meinem Hunger nach hätte schon vor zwei Stunden Essenszeit sein dürfen. Ob denn die Mutter und Martha nicht bald zurückkommen werden?"

Dievenow sah auf seine Uhr und zuckte mit den Achseln.Frau Else behält sie immer bis zum letzten Augenblick."

Sehr anspruchsvoll meine kleine Schwester. An Ihrer Stelle als Bräutigam würde ich mir das nicht bieten lassen. Denn es geht ihr doch gut, der Else?"

Wie ich höre, ja. Der Arzt sei mit dem Befinden zufrieden, erzählte mir Martha. Gestern ist Frau Z'el zum erstenmale aufgestanden."

Else war krank gewesen. Sie hatte zum tiefsten Leid­wesen ihres Mannes um mehrere Monate zu früh ein totes Kind geboren. Jetzt war alle Gefahr für sie vorüber- nur der Ruhe bedurfte sie noch. Und die genoß sie im vollsten Maße. Wie eine Prinzessin lag sie auf dem Sofa, das weiße Bärenfell über die Füße gebreitet, ein elegantes Häubchen auf dem zierlich frisierten Haar- eine Fülle der schönsten Blumen in Töpfen, Basen und Körben um sie herum, und Gatte, Mutter und Schwester wetteiferten, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Martha, von häuslichen und bräut­lichen Pflichten in Anspruch genommen, fand eigentlich, daß ihre Gegenwart hier überflüssig sei- allein Elschen sah gern viel Menschen um sich, ein Vergnügen, das sie sich sonst durch ihre Ausgänge zu bereiten verstand, und das ihr jetzt sehr fehlte. Und man mußte Elschen allen Willen thun, man durfte Elschen nicht aufregen.

XVIII.

In dem Zielschen Salon wartete ein Herr. Er hatte dem Schreiber seine Karte gegeben und nach dem Rechts­anwalt gefragt. Der sei augenblicklich beschäftigt. Ob sich der Herr nicht ein paar Minuten gedulden wolle? Er werde ihn sobald als möglich melden.

Darüber war jetzt bald eine Viertelstunde vergangen. Der junge Mann durchmaß mit ungeduldigen Schritten das Zimmer. Die zeitige Dämmerung verdichtete sich mehr und mehr. Es war fast dunkel um ihn herum. Schlossen doch

die schweren Portieren, das modische llebereinander mehr­facher cremefarbener Vorhänge selbst in den längsten Lommermgen das helle Licht aus und ließen den Raum in ein mystisches Dunkel gehüllt erscheinen- und nun gar heute bei dem braungrauen Zwielicht eines nebligen November­nachmittags.

Der Wartende trat ans Fenster, entfernte das gelbliche Spitzengewebe und blickte herab auf das bewegte Straßen­bild. Heute war er dieselben Wege gegangen, wie vor Jahren, aber niemand hatte den Hut vor ihm abgenommen oder ihm freundlich zugenickt, wie ehedem.

Er lehnte den Kopf nachdenklich gegen die Fensterscheibe. Im Hause gegenüber waren die Gasflammen angezündet worden, und ein heller Lichtschein fiel gerade auf das Gesicht des jungen Mannes: ein Nordländergestcht, gebräunt unter dem Einflüsse eines südlichen Klimas- das Blondhaar nach­gedunkelt, nur der kurzverschnittene, etwas stachelige Bart von hellerer Färbung und die Augen blau und hellleuchtend, den energischen Ausdruck der festen Züge freundlich mildernd.

Plötzlich wurde die Mittelthür hastig geöffnet. In der Erwartung, den Rechtsanwalt eintreten zu sehen, verließ der junge Mann die Fensternische und schritt rasch der Mitte des Zimmers zu. Er war nicht wenig erstaunt, sich un­vermutet 'einer Dame gegenüber zu finden. Auch diese war leicht überrascht durch die aus dem Dunkel auftauchende Gestalt.

Entschuldigen Sie," sagte sie flüchtig.Ich wußte nicht, daß jemand hier wartete." Und schon war sie an ihm vorüber geeilt. Im selben Augenblick trat der Schreiber ins Zimmer, in der Hand eine Lampe, die er auf den Mitteltisch stellte. Er mochte sich des Wartenden erinnert haben und brachte ihm nun Licht, indem er zugleich an­kündigte, der Herr Rechtsanwalt werde sehr bald erscheinen.

Gut, gut."

Beim Klange dieser Stimme wandte sich die Dame un­willkürlich noch einmal um. Die Lampe beleuchtete ein schöngeformtes, dunkles Mädchenantlitz, und:Fräulein Andree!" rief mit freudiger Betonung der junge Mann.

Martha stutzte. Sie war ihrer Sache noch nicht ganz sicher, und doch begann ihr Herz mächtig zu klopfen. Diese schönen, blauen Augen sie hatte sie nicht vergessen- und die weiche, volle Stimme berührte sie nicht eine Saite, die lange nicht mehr geklungen und die nun wieder cm fing zu vibrieren und es doch nicht sollte. Warum regte sie das Wiedersehen so auf mit einem, mit dem sie fertig war für immer?

Der andere deutete ihr zögerndes Schweigen falsch. Sie kennen mich nicht mehr?" begann er von neuem.Ich habe mich freilich sehr verändert, während Sie"

Sie unterbrach ihn hastig.

Nicht doch. Ich entsinne mich jetzt. Herr Olaf Nansen. Es war vorhin zu dunkel, und ich war so gar nicht vor­bereitet, Sie noch einmal im Leben wiederzusehen!"

Das sollte kühl und gleichgültig klingen und kam doch bitter und leidenschaftlich heraus. Er schien das nicht zu bemerken.

Wirklich? Der Umstand, daß ich Sie hier treffe, ließ mich vermuten, daß Sie doch vielleicht einmal durch meinen Freund etwas über mich gehört haben könnten."

Von welchem Freunde sprechen Sie?"

Von Herrn Ziel, selbstverständlich."

Der ist Ihr Freund?"

°Mein bester Freund."

Das ist mir neu." Es kam ihr in den Sinn, daß Olaf früher mit dieser Bezeichnung ihren Vater belegt hatte - und wie hatte er dessen Freundschaft vergolten?

Ziel hatte Ihnen nie davon gesprochen?"

Nein. Er mag wohl nicht viel Wert auf diese Freundschaft gelegt haben," konnte sie sich nicht enthalten hinzuzufügen. Da stand er nun vor ihr, unterhielt sich mit ihr wie mit einer Bekannten, die man zufällig wiedertrifft