1899.
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er nicht ein Vaterland auf Erden fühlt, Der wird im Himmel keinen Himmel haben.
C. Schefer.
(Nachdruck verboten.)
Die Sünden der Väter.
Roman von Osterloh.
(Fortsetzung.)
XVII.
Der Oktober neigte sich dem Ende zu,- ein rauher, unfreundlicher Oktober. Der Wind fegte die letzten Blätter von den Bäumen und wehte den trockenen Staub in die Höhe. Er pfiff durch die Straßen und immer weniger gehemmt in seinem Laufe durch die hohen, festen Häuserreihen, trieb er sein Wesen bei den gartenumgebenen Vorstadtvillen und blies mit wachsender Stärke über den Exerzierplatz im Norden der Stadt und den großen Kasernenhof, in den die Soldaten eben wieder eingerückt waren. Der Dienst war erledigt. Die Mannschaft beeilte sich, das wärmende Obdach aufzusuchen, und die Osfiziere freuten sich nicht minder, im Kasino von ihrem Tagwerke auszuruhen.
Leutnant Hoffmann wechselte im Vorübergehen noch ein paar Worte mit einem Einjährigfreiwilligen, dem man den Neuling im Militärdienste noch deutlich anmerkte. Er fühlte sich offenbar wenig heimisch in seiner Uniform, und auch die Haltung ließ noch viel zu wünschen übrig. In der Nähe standen zwei Soldaten, der eine war ein bäurisch aussehender Rekrut, der andere war Leo Rößler.
„Mich kennt er freilich nicht mehr," meinte Leo, mit dem Daumen der rechten Hand auf den Leutnant hinweisend, „und wir haben manche Stunde zusammen auf der Schulbank geschwitzt."
Der Rekrut antwortete nicht. Die Mitteilung machte ihm längst keinen Eindruck mehr. Leo hatte bereits häufig mit dieser vornehmen Kameradschaft geprahlt.
„Den Doktor da/ begann Leo wieder, mit derselben etwas geringschätzigen Handbewegung auf den Freiwilligen deutend, „hab' ich auch gekannt, nicht näher. — Hat mich einmal einen Schafskopf genannt. Das bleibt ihm unvergessen."
„Wird wohl nicht der einzige Schafskopf gewesen sein,
den Du in Deinem Leben hast einstecken müssen," bemerkte der Soldat trocken.
Leo brummte. Nein, wirklich nicht. Er gedenke sie aber zurückzuzahlen, alle! Die Schimpfworte und die Schläge, die Püffe und die Kopfnüsse. Verdient oder unverdient, wie sie gewesen sein mochten, sie waren den Spendern getreulich nachgerechnet worden und sollten mit Zinsen erstattet werden, wenn sich die Gelegenheit dafür bieten würde. Dann wollte er seiner Rache freien Lauf lassen, tausendfältig Vergeltung üben an allen, die ihn gepeinigt und mißhandelt, an allen, die mit Hochmut oder Verachtung auf ihn herabgesehen hatten. Und immer weitere Kreise zog sein Haß. Er umfing alle, denen es besser erging, als ihm selbst,- vor allem aber jene, die mit den früheren glücklichen Zeiten in irgend einem Zusammenhang standen. Und es machte ihm ein teuflisches Vergnügen, einen Teil seiner Hassesschuld, wo sich Gelegenheit bot, schon vorläufig abzutragen. „Nur vorläufig!" knirschte er ingrimmig,- „später kommt's besser. Nur vorläufig!"
Da stand in erster Linie der Leutnant Hoffmann, der in der Thal keine Ahnung davon hatte, daß der blondlockige, in Seide und Sammet gekleidete Lson aus der Pension Heilmann und der Rekrut Rößler ein und dieselbe Person sei. Ihm that Leo zuleide, was er irgend konnte: er trat mit ungeputzten Stiefeln an, er blieb auf dem Marsche liegen,- er zeigte eine absolute Unfähigkeit, die einfachsten Begriffe, die den Rekruten beigebracht werden sollten, zu soffen- er verdarb durch falschen Schritt die geradeste Marschlinie, natürlich mit Vorliebe an Tagen, wo etwas darauf ankam, wo etwa ein Vorgesetzter zur Inspektion anwesend war. Wenn Leo bei solchen Manövern den größten Schaden auch selbst davontrug, so gewährte es ihm doch eine Genugthuung, zu sehen, daß sein Feind sich seinetwegen ärgerte oder wohl gar von obenher eine Nase bekam. Gegen Leonhard Andree, der vor einigen Wochen eingetreten und derselben Kompagnie zugeteilt worden war, hegte er, wohl zunächst in Erinnerung an jene flüchtige Begegnung, eine tiefgehende Antipathie. Er war es, der für jenen den Spitznamen „der Doktor" aufgebracht hatte, und er führte denselben, so oft es sich thun ließ, den Unteroffizieren vor, in der sehr richtigen Berechnung, daß seinem Träger dadurch eine Art Bildungshochmut untergeschoben würde, der besonders mißliebig zu sein pflegt.
Leonhard selbst konnte nicht umhin, diese Sticheleien zu bemerken.
„Ich weiß nicht, wie es kommt/ sagte er einmal zu


