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des Schiffes dreimal auf und nieder holen, denn dies ist die Art, in welcher Schiffe einander salutieren, und das Handelsschiff ist verpflichtet, in dieser Weise vor jedem englischen Kriegsschiff seinen Hut zu ziehen, welches ihm auf hoher See begegnet.
Als Erwiderung unserer Begrüßung ging auf dem Dampfer das ruhmreiche St. Georg-Kreuz auf, ein Symbol, das jedem Engländer teuer ist und seine Pulse kräftiger schlagen macht, so wie bei den Klängen bon„Bule Britannia“ oder der munteren Melodie „Cheer, Boys, Cheer“. Ein Mann tanzte uns zu Ehren auf der Mars des Großmastes einen Hornpipe, und beim Anblick unserer roten Flagge schwenkten die Soldaten ihre roten Mützen und Taschentücher, und die Schiffskapelle spielte einen Walzer. Schön drangen die Klänge der munteren Weise zu uns herüber, bald aber wurden sie schwächer und schwächer und verhallten endlich ganz. Der große Rumpf des Schiffes schrumpfte mehr und mehr zusammen, die Masten wurden immer kleiner, nach kurzer Zeit war der Koloß nur noch ein schwarzer Punkt am Horizont, und tiefes Schweigen herrschte um uns her.
Zum erstenmal an diesem Tage kam Miß Franklin jetzt an Deck. Sie blieb, nachdenklich auf das Schiff blickend, stehen, bis Meilen von Wasser zwischen uns tagen; darauf ging sie wieder nach unten. Unsere Augen trafen sich und sie lächelte mir zu, ohne etwas zu sagen. Ich schloß daraus, daß ihr Bruder ihr verboten hatte, mit mir zu sprechen, und ihr untersagt hatte, auf Deck zu gehen, wenn ich oben war. Sicherlich stimmte ihr Benehmen mit diesen Vermutungen überein, aber ihr Stolz erlaubte es ihr nicht, zu gestehen, daß ihr Bruder sie nicht viel weniger despotisch behandelte als mich. Dies nahm mir nun auch die einzige gute Meinung, die ich bisher von ihm gehabt hatte: daß sein Herz seiner Schwester gegenüber weich sei.
Ich hielt ihn in seiner besonderen kalten Art für ebenso roh wie den alten Windwärts in seiner ewig lärmenden und fluchenden Weise. Von ganzer Seele haßte ich ihn jetzt, weil er mir das einzige Glück entzog, welches mich noch die fast unerträglich gewordenen Zustände einigermaßen bergeff en ließ. In der That, die Behandlung.war nachgerade eine so tyrannische geworden, wie man sie nur aus den Verhandlungen vor dem Liverpooler Polizeiamt kennt, wenn ein Dankee - Kapitän sich dafür verantworten soll, daß er seine Leute auf Lebenszeit zu Krüppeln geschlagen hat.
Als ich in der Nacht um zwölf Uhr auf Deck kam, war es völlig windstill geworden. Es stand kein Mond am Himmel, aber der Glanz der Sterne war so prachtvoll, daß bei den Strahlen vom Himmel oben und ihren Wiederschein auf der glatten Oberfläche des Wassers die fernsten Strecken des Ozeans sichtbar wurden und das höchste Tauwerk so deutlich zu erkennen wkr, wie die Zweige eines Baumes im Mondschein. Das südliche Kreuz stand in seiner klaren Schönheit über dem Horizont, ein Sinnbild des Christenglaubens, welches Gottes eigene Hand über die entlegenen Länder des Stillen Ozeans gepflanzt hat.
Manchmal wurde die Stille unterbrochen durch das melodische Gurgeln des Wassers. Die Segel schlappten leise, und die Radketten rasselten aus den eisernen Scheiben der Blöcke. Ich vernahm vorn ein unterdrücktes Stimmengemurmel, etwas ganz Ungewöhnliches zu dieser Stunde. Ich fühlte mich versucht, nach der Luke hinzuschleichen und zu hören, was da verhandelt würde, dachte aber an Banyards Rat, mich fern zu halten, und blieb demnach auf meinem Posten.
Demungeachtet regte sich in mir ein Gefühl der Unbehaglichkeit. Diese totenstillen, feierlichen Nächte auf dem Meer wirken auf die Nerven. Die umgebende Unendlichkeit berührt das Herz mit einem überwältigenden Gefühl der Einsamkeit.
(Fortsetzung folgt.)
Juwelen.
Novellette von A. Schoebel.
------- (Nachdruck verboten.)
Sie sitzt in ihrem ehemaligen Studierzimmer, die alte Schauspielerin. Es herrscht hier nicht der Luxus, welcher die übrigen Räume der Villa vergoldet, könnte man sagen.
Eingestaubt und verschollen sehen die Schränke an den Wänden ans, die wenigen armseligen, abgeblaßten Stahlstiche und Silhouetten, die halbzerfallenen Lorbeerkränze, welche Schleifen in den Farben der meisten europäischen Länder schmücken.
Eingestaubt und verschollen sieht sie selber aus, die ab- gethane Berühmtheit. Ihr Haar ist grau, das Feuer ihrer schönen, blauen Augen erloschen.
Die Truhe, auf welcher sie sitzt, enthält zwei oder drei Kostüme, die kostbarsten, welche die berühmte Tragödin getragen und von denen sie sich nicht zu trennen vermocht hat.
Auf jenem quer in die Ecke geschobenen Divan hat Ada Rnbini ehemals das Sterben eingeübt, — den letzten großen Schrei, der sie berühmt gemacht hat, der ihren Namen trägt in der Bretterwelt.
Dort an die ausgestopfte Männergestalt hat sie die süßesten Zärtlichkeiten und Liebesworteverschwendet,ihr holdes Pianissimo des Kosens.
Wie oft mußte die große Spiegelfläche all die unechte Leidenschaft zurückstrahlen, durch welche die Schauspielerin die Gestalten zu beleben hat, welche den Werken der großen Dichter entsteigen!
Die alte Frau deckt die Hand über die Augen. Wahnbilder der Erinnerung steigen vor ihr auf, geisterhaft rauscht es zwischen den Blättern der verwelkten Kränze. Und in den breiten Sonnenstrahlen, die jung und goldig durch die Fenster hereinfallen, tanzen die Atome, tanzt der Staub.
Plötzlich steht Ada Rubini auf.
Sie geht hinüber zu dem mit Selbstschüssen und Greifern bewehrten Schrank, der die Juwelen der alternden Berühmtheit enthält. Sie öffnet ihn, reißt feinen Inhalt hervor ans Licht.
Nichts trägt sie mehr in ihrer klösterlichen Abgeschiedenheit von all diesem glitzernden Tand, — gar nichts I
Nicht jene von grauen Perlen umfaßten Smaragden, nicht die Fuchsien aus Diamanten mit den tropfenden Staubfäden, nicht jene drei Meter lange Kette ausgewählter rosiger Perlen.
Ihre Stirn glättet sich unter einem Triumphgedanken.
Diese rosa Perlen hat ihr ein gekröntes Haupt geschenkt, die Smaragden stammen von einem indischen Fürsten. Wie deutlich sie sich an das fahle, tabakfarbene Gesicht des schmächtigen, jungen Menschen erinnert, an fein leises, müdes Sprechen, und — an feine grausamen Instinkte!
Kasten nach Kasten thut sich auf. Und all die weißen * und blauen und violetten Samtpolster, sie präsentieren ihre Schätze.
Ada Rubini zieht einen Seffel herbei, sinkt hinein. Sie greift sich an die Schläfe. Von wem jener geschmacklose Kornblumenzweig aus Saphiren stammt, sie hat es wahrhaftig vergessen!
Mitleidig lächelnd legt sie ein Paar von den Etuis bei Seite. Sie wird den Inhalt derselben ausrangieren, ihrer Kammerfrau, den Hausmädchen Geschenke damit zu machen. Norwegischer Goldschmuck! Wie naiv! Wie kindlich! Daß sie sich auch gar nicht besinnen kann, wer ihr derartiges anzubieten wagte. Allerliebst sind ja die Sachen gearbeitet, fein und zierlich, — an Exikazweige erinnernd mit ihren zarten lebenden Blüten, den gefiederten hängenden Zweigen.
Sie muß noch sehr jung gewesen sein damals. Jung—! Das Wort trifft sie wie mit einer Dolchspitze, reißt ihr eine blutige Wunde.
Rasch läßt sie die Feder ins Schloß fallen.
Ein wundervoller Kasten kommt ihr in die Hände, —*


