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Herzen tiefe Wurzeln geschlagen, sie rankten sich jetzt auch in seine Mannesjahre hinein und ließen ihm das Leben in einem anderen Lichte erscheinen. Er war in die Heimat auf Wunsch seiner Eltern zurückgekehrt, freudlos, ohne Erwartung, etwas anderes zu finden, als das arbeitsreiche, einförmige Leben eines Landarztes. Und nun fand er die Kunst, die Poesie; er fand die hochherzige Resignation eines edlen Frauenherzens, die stille Schaffensfreude einer kraftvollen, genialen Natur. Welch herrliche Stunden verlebte er in dem kleinen Landhause auf der waldumschatteten Anhöhe! In eine andere Welt fühlte er sich versetzt, wenn er abends ihrem Spiel, ihrem Gesang lauschen durfte. Draußen lärmte der Winter weiter, türmte sich der Schnee zu hohen Mauern empor. Drinnen herrschte milde Frühlingsstimmung und Lenzesdüfte, Lenzes- grüße schienen das Gemach zu durchwehen, wenn die prächtige Stimme Elstes ertönte, wenn sie dastand am Flügel und mit gesenktem Haupt und träumerisch-sinnendem Gesichtsausdruck den verhallenden Tönen der Begleitung lauschte, welche durch eine ihrer Schülerinnen meisterhaft ausgeführt wurde.
Klara von Hennersdorff, die Lieblingsschülerin und Freundin Elsies, die schon fast ein Jahr in dem kleinen Landhause weilte, war nur wenig jünger als Elsie. Sie hatten sich in der großen Welt gefunden und sich in enger Freundschaft einander angeschloffen. Wenn sie Arm in Arm das Zimmer betraten, hätte man sie für Schwestern halten können. Nur fehlte dem blonden Haar Klaras der goldige Glanz der Locken Elsies) ihren Augen das tiefe Himmelsblau der Augen Elsies und dem frischen Gesicht die edle, klassische Schönheit des blaffen Antlitzes, der kleineren, etwas vollen Figur die statuenhafte, edle Schlankheit der herrlichen Gestalt Elstes. Klara von Hennersdorf besaß keine Eltern mehr. Ihren Vater hatte ste nicht gekannt, er fiel in dem letzten Kriege als Offizier, als Klara kaum ein Jahr alt war. Ihre Mutter war ebenfalls vor einigen Jahren ge storben, hatte ihr jedoch ein hinreichendes Vermögen hinter- laffen, so daß Klara ohne Sorge in die Zukunft blicken und sich ihren musikalischen Neigungen widmen konnte.
„Wir trennen uns nicht wieder, meine liebe Elfte," versicherte Klara schon nach kurzer Bekanntschaft, „wenn Du mich nicht fortschickst."
„Das Leben wird uns schon wieder trennen," entgegnete Elsie lächelnd. „Das Leben und die Liebe, welche in Deinem Herzen erwachen und unsere Freundschaft in den Hintergrund schieben wird."
Klara lachte über die Liebe; sie war noch keinem Manne begegnet, welcher ihr Herz höher hätte schlagen machen.
„Wer wird mich lieben?" lachte sie fröhlich, „wenn er Dich neben mir sieht?"
Mit dem jungen Arzt kam ein neues Element in den kleinen Kreis, der sich im Hause Elstes gebildet hatte und aus Pauls Eltern und einigen Familien des Städtchens bestand. Paul wußte von seinen weiten Reisen angenehm zu erzählen. Er war auch musikalisch genug, um ein nützliches Mitglied der die Musik eifrig betreibenden Gesellschaft zu werden, und war jung und unverheiratet, so daß er die Aufmerksamkeit der jungen Damen auf sich ziehen mußte. Aber die jungen Damen mußten bald einsehen, daß er für sie verloren war. Er hatte nur Äug' und Ohr für Elsie, und bald flüsterte man im Städtchen von der Verlobung Pauls mit Elsie, als von einer nahe bevorstehenden That- sache.
Der letzte Abend des Jahres vereinigte einen frohgesinnten Kreis in dem Musiksalon Elsies. Es wurde musiziert, gesungen, gelacht und gescherzt,- der Rektor hielt eine hübsche Rede auf den alten Hans Heinrich, auf die wackere Dorette Pinkepank und auf Elsie, die „geniale Künstlerin." Hans Heinrich bedankte sich in kurzen Worten, Frau Dorette vergoß einige Thränen der Rührung, und Elsie wehrte lächelnd die Lobsprüche des Rektors ab.
„Sie verdienen diese Lobsprüche in vollem Maße,"
entgegnete der Rektor mit ernstem Eifer. „Wir alle sind Ihnen zu Dank verpflichtet, wir alle wünschen aber noch mehr, daß das schönste Glück, welches einer Frau beschert werden kann, Ihnen in dem neuen Jahre zu Teil wird. Das Glück einer wahren, treuen, innigen Liebe!"
Die Gesellschaft stimmte fröhlich ein, und die Gläser klangen lustig zusammen. Nur Elsies blasses Antlitz blieb ernst- in ihren tiefblauen Augen leuchtete es auf wie von aufsteigenden Thränen- sie wandte sich ab und trat auf die Veranda, die jetzt in einen Wintergarten verwandelt war. Die breiten Blattpflanzen, die Blumen und zarten Stecklinge, welche der Vater Elsies im Sommer im Garten hegte und pflegte, fanden im Winter hier ihren Schutz und verbreiteten eine grünliche Dämmerung in dem kleinen, nur matt erhellten Raume.
Elsie setzte sich auf eine Bank, welche in einem Winkel unter breitblätterigen Palmen sich befand, stützte die Stirn auf die Hand und träumte vor sich hin.
Die Liebe, die wahre, treue, innige Liebe hatte ste einstmals empfunden, hatte sie einstmals geglaubt in dem Herzen eines Mannes gefunden zu haben. Diese Liebe bewahrte sie immer als höchstes Heiligtum in dem Herzen, wenn sie auch eingesehen hatte, daß diese ihr Liebe unerreichbar war mit dem Leben, mit der Wirklichkeit. Die Worte des Rektors hatten die Erinnerung in ihr wachgerufen, deren Macht ihr die Thränen in die Augen trieb. Doch dann lächelte sie über sich selbst und warf mit energischer Bewegung das Haupt empor.
Da begegneten ihre Blicke den Augen Pauls, der, in der Thür des kleinen Wintergartens stehend, sie beobachtete. Rasch erhob sie sich.
Sie blickte ihn mit trübem Lächeln an, als er stockte und leicht errötete.
„Treten Sie nur näher, Paul," entgegnete sie sanft. »Ich errate, was Sie mir sagen wollen und es thut mir leid, daß ich Ihnen Schmerz bereiten muß."
„Elsie?!"
„Sie sind mir gefolgt, um mir zu sagen, daß Ste mich lieben . . ."
„Ja, Elsie, ich liebe Sie! Ich habe Sie ja schon damals geliebt mit allen Fasern meines jugendlichen Herzens, als ich zur Universität ging- ich habe Sie geliebt, als ich Sie in der Residenz wieder sah und Sie trotzig verließ, da ich meinte, Sie seien mir auf immer verloren, da ich glaubte, unsere Wege trennten sich für immer. Unsere Wege haben uns wieder zusammengesührt, Elsie — ich liebe Sie noch, ich liebe Sie stärker, inniger als je, und frage Sie in dieser letzten Nacht des alten Johres, in dieser Nacht, da ein neues Jahr hoffnungsfreudig emporsteigt, ob Sie mir Siebe, Vertrauen schenken können, ob Ste mein Weib werden wollen?"
Er hatte ihre Hand ergriffen und versuchte ihr in das Auge zu sehen. Sie ließ ihm die Hand, aber den Blick hielt sie auf die Erde gesenkt und schwieg eine Weile.
„Elsie," drängte er und preßte ihre Hand an fein Herz.
Da hob sie das Auge voll und groß zu ihm empor und ein wehmütiges Lächeln schwebte um ihre Lippen.
„Werden Sie mein Freund bleiben, wenn ich Ihre Frage mit „Nein" beantworten muß?" fragte sie leise.
„Elsie, Ste lieben mich nicht?"
„Ich liebe Sie wie meinen Bruder, wie meinen besten Freund. Kann uns diese Liebe nicht für das ganze Leben verbinden?"
Er ließ ihre Hand fallen und bedeckte mit der eigenen Rechten die schmerzenden Augen.
Sie trat näher an ihn heran und legte ihr Hand auf seinen Arm.
„Ich habe Sie lieb gehabt, Paul," fuhr sie leise und innig fort, „damals, als ich ein Kind war, ich war stolz auf Ihre Liebe, auf ihre Freundschaft und es schmerzte mich,


